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Wenn Fremde im Internet die besseren Eltern werden

geralt (CC0), Pixabay
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Es ist eine der traurigsten Erfolgsgeschichten des digitalen Zeitalters: Millionen junger Menschen schauen sich Videos fremder Menschen an, die nichts weiter tun, als ihnen zu sagen: „Du bist gut genug. Ruh dich aus. Wir sind stolz auf dich.“

Und Millionen klicken auf „Gefällt mir“.

Nicht, weil die Botschaft besonders originell wäre. Sondern weil sie sie von ihren echten Eltern nie hören.

Die Geschichte aus China handelt zwar von sogenannten „virtuellen Eltern“ auf Douyin, dem chinesischen TikTok. Doch das Phänomen ist weit größer als China. Überall auf der Welt suchen Menschen im Internet nach etwas, das früher selbstverständlich schien: Anerkennung ohne Bedingungen.

Besonders bemerkenswert ist, wie bescheiden die Erwartungen geworden sind. Die jungen Zuschauer verlangen keine Erbschaften, keine Häuser, keine Karrierekontakte. Sie sehnen sich nach einem Satz wie: „Mach dir nicht zu viel Druck.“

Das sollte eigentlich keine Marktlücke sein.

Doch genau daraus ist ein Geschäftsmodell entstanden.

Die „virtuellen Eltern“ sind freundlich, verständnisvoll und immer verfügbar. Sie kritisieren nicht die Berufswahl, fragen nicht nach Enkelkindern und vergleichen ihre Zuschauer nicht mit erfolgreicheren Nachbarn. Sie liefern digitale Geborgenheit auf Abruf – algorithmisch optimiert und in kurzen Videoclips serviert.

Natürlich kann man darüber die Nase rümpfen. Man kann sagen, dass es sich um eine künstliche Beziehung handelt, um parasoziale Bindungen zwischen Zuschauern und Influencern. Man kann darauf hinweisen, dass hinter vielen Accounts Agenturen, Werbepartner und Geschäftsmodelle stehen.

Alles richtig.

Die unbequemere Frage lautet jedoch: Warum funktioniert es überhaupt?

Wenn Millionen junge Erwachsene Trost bei Fremden suchen, sagt das möglicherweise weniger über die Influencer aus als über die Familien, die diese Lücke hinterlassen haben.

Gerade in China trifft dabei eine Generation auf die nächste. Die Eltern wurden von Mangel, Unsicherheit und harter Konkurrenz geprägt. Für sie bedeutete Liebe oft, das Kind anzutreiben. Erfolg war Schutz vor dem Absturz. Lob galt als Luxus.

Die Kinder sind in einer anderen Welt aufgewachsen. Sie kennen Wohlstand, aber auch einen enormen Leistungsdruck. Sie kämpfen auf einem Arbeitsmarkt, der nicht mehr automatisch Aufstieg verspricht. Viele wünschen sich weniger Anweisungen und mehr Verständnis.

So entsteht ein seltsamer Generationenkonflikt: Die Eltern glauben, sie helfen ihren Kindern, indem sie Druck machen. Die Kinder erleben genau diesen Druck als Belastung.

Die virtuellen Eltern profitieren davon. Sie verkaufen keine revolutionären Ideen. Sie liefern etwas viel Einfacheres: emotionale Entlastung.

Dass daraus Millionenreichweiten entstehen, sollte zu denken geben. Denn eigentlich müsste niemand fremde Menschen im Internet „Mama“ oder „Papa“ nennen.

Wenn es doch geschieht, dann nicht wegen der Technik. Sondern weil ein Bedürfnis da ist, das anderswo unerfüllt bleibt.

Die eigentliche Pointe ist deshalb nicht, dass Influencer heute Eltern spielen. Die eigentliche Pointe ist, dass offenbar genug Menschen das Gefühl haben, diese Rolle werde in ihrem Leben nicht mehr ausreichend ausgefüllt.

Und vielleicht steckt darin die traurigste Erkenntnis: In einer Zeit künstlicher Intelligenz, sozialer Netzwerke und digitaler Dauerverbindung scheint für viele junge Menschen ausgerechnet das knappste Gut von allen geworden zu sein – ein paar aufrichtige Worte der Anerkennung.

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