Vierzehn Jahre lang bestimmte Aleksandar Vučić die serbische Politik. Nun hat die Bevölkerung offenbar beschlossen: Die Vorlesung ist beendet, der Dozent darf gehen.
Nach den vorliegenden Hochrechnungen hat die Studentenliste eine absolute Mehrheit erreicht. Offizielle Endergebnisse standen zunächst noch aus. Vučić räumte seine Niederlage trotzdem bereits ein. Ein bemerkenswerter Moment: Der Mann, der jahrelang den politischen Stundenplan vorgab, muss sich künftig selbst melden, wenn er etwas sagen möchte.
Besonders bitter dürfte sein, wer ihn abgelöst hat. Keine perfekt durchorganisierte Machtmaschine, sondern eine aus Protesten entstandene Bewegung. Offenbar können basisdemokratische Versammlungen gelegentlich mehr bewirken als vierzehn Jahre politische Selbsterhaltung.
Die Studentenliste besteht übrigens überwiegend aus Menschen, die gar keine Studenten sind: Lehrkräften, Ärzten und Künstlern. Der Name beschreibt also weniger die Personalabteilung als den Ursprung der Bewegung. Angeführt wird sie vom Kardiologen Ilija Srdanović. Nach Jahren politischer Daueraufregung erscheint ein Herzspezialist zumindest fachlich passend.
Vučić hatte erst im September das Präsidentenamt verlassen, um nach einem Wahlsieg Regierungschef zu werden. Geplant war offenbar ein bequemer Wechsel innerhalb der Chefetage. Herausgekommen ist ein Umzug in die Opposition. Auch politische Karriereplanung kennt das Problem ausgebuchter Anschlussverbindungen.
Die Menschen nahmen für ihre Stimmabgabe teilweise stundenlange Wartezeiten in Kauf. Selbst Vučić musste anstehen. Für jemanden, der lange die Richtung vorgab, vermutlich eine ungewohnte Erfahrung: Andere sind vor einem dran.
In Belgrad wurde anschließend gehupt, getanzt und gefeiert. Nach fast zwei Jahren Protesten entlud sich die Hoffnung auf Veränderung. Deren Ausgangspunkt war allerdings eine Tragödie: der tödliche Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad. Die Forderungen nach Aufklärung, Rechtsstaatlichkeit und einem Vorgehen gegen Korruption bleiben deshalb auch nach dieser Wahlnacht ernst.
Für die Sieger beginnt nun die schwierigere Prüfung. Protest organisieren und einen Staat regieren sind unterschiedliche Studiengänge. Die Erwartungen sind riesig, der politische Alltag dürfte wenig Rücksicht auf Feierlaune nehmen.
Vučić wiederum darf sich mit einer neuen Disziplin vertraut machen: zuhören, während andere entscheiden.
Man lernt eben nie aus. Auch nach vierzehn Jahren nicht.
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