Volkswagen spricht von einem „Zukunftsplan“. Das klingt nach Aufbruch, Strategie und neuer Stärke. Tatsächlich aber steckt hinter den nun bekannt gewordenen Plänen vor allem eines: ein massiver Schrumpfkurs.
Der Konzern will seine Modellpalette außerhalb Chinas bis 2035 um rund 50 Prozent reduzieren. Die Variantenvielfalt soll sogar um bis zu 75 Prozent sinken. Weniger Modelle, weniger Motoren, weniger Ausstattungen, weniger technische Versionen. Nach außen verkauft man das als Vereinfachung, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit.
Doch die entscheidende Frage lautet: Warum sagt Volkswagen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht klar, was das zwangsläufig bedeutet?
Denn weniger Modelle bedeuten am Ende nicht nur weniger Prospekte, weniger Konfigurator-Optionen und weniger Marketingaufwand. Weniger Modelle bedeuten auch: weniger Fahrzeuge, weniger Produktionsbedarf, weniger Auslastung. Und wenn weniger Autos gebaut werden, braucht ein Konzern weniger Produktionskapazitäten. Dann stehen Werke unter Druck. Dann werden Schichten gestrichen. Dann werden Standorte gegeneinander gerechnet. Dann geht es nicht mehr um „Komplexitätsabbau“, sondern um Arbeitsplätze.
Volkswagen selbst bestätigt, dass die konzernweite Produktion auf rund neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr sinken soll. Vor der Pandemie wurde noch mit bis zu zwölf Millionen Fahrzeugen kalkuliert. Danach waren es zehn Millionen. Nun also neun Millionen. Das ist kein kleiner Anpassungsschritt. Das ist eine strategische Verkleinerung.
Und deshalb wirkt es fast zynisch, wenn der Vorstand einerseits große Worte über Transformation, Robustheit und Zukunftsfähigkeit verliert, andererseits aber bei den wirklich schmerzhaften Punkten ausweicht. Werksschließungen? Keine klaren Angaben. Stellenabbau? Keine konkreten Aussagen. Jobgarantien? Offenbar überprüfbar. Zukunft einzelner Standorte? Unklar.
Für die Beschäftigten ist das kein Zukunftsplan. Das ist ein Nebelplan.
Besonders brisant sind die Berichte, wonach bis zu 120.000 Stellen weltweit betroffen sein könnten. Auch vier deutsche Werke stehen demnach unter erheblichem Druck: Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Der Konzern kann offenbar nicht mehr garantieren, dass dort nach dem Auslaufen aktueller Modelle neue Fahrzeuge gebaut werden.
Das ist der Punkt, an dem man aufhören sollte, die Dinge weich zu formulieren. Wenn ein Werk keine Nachfolgemodelle bekommt, ist das keine abstrakte Planungsfrage. Das ist der Anfang vom Ende einer industriellen Perspektive. Ein Standort stirbt selten an einem einzigen Beschluss. Er stirbt oft dadurch, dass ihm Schritt für Schritt die Zukunft entzogen wird.
Genau deshalb muss Volkswagen jetzt offen sprechen. Nicht nach der Sommerpause. Nicht irgendwann. Nicht in einer Videobotschaft mit schönen Begriffen. Sondern jetzt.
Die Beschäftigten haben ein Recht darauf zu erfahren, was geplant ist. Sie haben ein Recht darauf zu wissen, ob ihre Werke eine Zukunft haben. Sie haben ein Recht darauf, nicht mit unklaren Andeutungen, Presseberichten und Konzernfloskeln in den Urlaub geschickt zu werden.
Betriebsratschefin Daniela Cavallo hat völlig recht, wenn sie den Umgang des Vorstands mit der Belegschaft kritisiert. Wer Tausende Familien in Unsicherheit lässt, während intern offenbar über drastische Einschnitte gesprochen wird, darf sich über Proteste nicht wundern.
Natürlich steht Volkswagen unter Druck. China, Elektromobilität, Softwareprobleme, hohe Kosten, schwache Margen, globale Konkurrenz — all das ist real. Niemand kann so tun, als könne VW weitermachen wie früher. Aber genau deshalb braucht es Ehrlichkeit.
Sparen kann notwendig sein. Straffung kann sinnvoll sein. Weniger Komplexität kann helfen. Aber wer das als reine Effizienzmaßnahme verkauft, verschweigt die zweite Hälfte der Wahrheit: Am Ende werden bei einem kleineren Produktionsziel auch Kapazitäten gekürzt werden. Und Kapazitätskürzung bedeutet in der Autoindustrie fast immer: weniger Beschäftigung, weniger Schichten, weniger Standortsicherheit — bis hin zu Werksschließungen.
Darüber muss gesprochen werden.
Nicht hinter verschlossenen Türen. Nicht in Beraterpräsentationen. Nicht über Medienberichte. Sondern direkt mit den Menschen, die diesen Konzern jahrzehntelang getragen haben.
Volkswagen verdankt seine Größe nicht nur Vorständen, Markenstrategien und Renditezielen. Volkswagen verdankt seine Stärke den Beschäftigten in Wolfsburg, Emden, Zwickau, Hannover, Neckarsulm und vielen weiteren Standorten. Diese Menschen haben Anspruch auf Klartext.
Wenn der Vorstand wirklich einen Zukunftsplan hat, dann soll er ihn vollständig auf den Tisch legen. Mit allen Konsequenzen. Mit allen Risiken. Mit allen Standortfragen. Mit allen Zahlen.
Alles andere ist keine Führung.
Es ist Vertröstung.
Und Vertröstung baut keine Zukunft.
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