So, da ist er also: Martín Demichelis, frisch gelandet in Schkeuditz, direkt aus der spanischen Sonne hinein in den Leipziger Erwartungsdruck. Andere steigen aus dem Flieger und suchen erstmal den Koffer. Bei RB sucht man wahrscheinlich schon nach der ersten taktischen Grundordnung, dem Pressingauslöser und der Antwort auf die Frage: Wie lange hält diesmal der Trainer?
Als RB-Fan ist man ja inzwischen vorsichtig geworden. Neue Trainer kommen bei uns nicht einfach an, sie betreten eher eine Art Hochgeschwindigkeitslabor. Einmal Leistungstest, einmal Townhall-Meeting, einmal Grillabend mit Staff, einmal Training vor 400 Kindern – und zack, schon steht man gefühlt im ersten Krisengespräch, wenn der Test gegen Altglienicke nicht 6:0 ausgeht.
Demichelis startet also mit vollem Programm. Erst lernt er den Staff kennen, dann gibt es Teambuilding, danach Grillabend. Klingt nett. Hoffentlich wird dort nicht schon die erste Dreierkette verbrannt. Bei RB ist ja alles professionell durchgeplant: Kennenlernen, Leistungsdiagnostik, interne Vorstellung, Pressekonferenz, erstes Training. Man merkt: Der Verein kann Abläufe. Ob er Geduld kann, werden wir sehen.
Denn seien wir ehrlich: Natürlich bekommt Demichelis eine faire Chance. Die hat jeder Trainer verdient. Er war ein starker Spieler, hat Erfahrung, kennt große Kabinen, große Vereine und großen Druck. Und vielleicht bringt er genau die Mischung aus Autorität, Ruhe und taktischer Klarheit mit, die RB jetzt braucht.
Aber ein bisschen Skepsis darf erlaubt sein. Leipzig ist kein gemütlicher Trainerstuhl mit Armlehnen und Sitzheizung. Das ist eher ein Bürostuhl auf Rollen, der direkt neben einer Falltür steht. Wer hier nicht schnell Ergebnisse liefert, wer nicht sofort Spieler entwickelt, attraktiv spielen lässt, international mithält und nebenbei noch die Red-Bull-DNA in Schönschrift an die Taktiktafel malt, der merkt ziemlich schnell, wie kurz eine „langfristige Lösung“ in diesem Geschäft sein kann.
Deshalb sollte sich niemand wundern, wenn viele Fans erstmal abwarten. Demichelis könnte ein großer Griff werden. Er könnte aber auch eines dieser kurzen RB-Kapitel werden, bei denen man später sagt: „Ach stimmt, der war ja auch mal da.“ Genau zwischen Hoffnung und Stirnrunzeln beginnt nun seine Amtszeit.
Sympathisch ist immerhin der Auftakt vor den Kindern der „Bullis Bande“. 400 Kids beim ersten Training – das ist besser als 40 grimmige Taktikblogger mit Ferngläsern. Da bekommt der neue Trainer wenigstens Applaus, bevor die Erwachsenen wieder anfangen, nach fünf Minuten Ballbesitzquote zu fragen.
Sportlich wird es aber schnell ernst. Der Kader muss funktionieren, die WM-Fahrer kommen später, die Vorbereitung ist kurz, und RB braucht nach den letzten Turbulenzen wieder Klarheit. Keine Experimente um der Experimente willen. Keine Systemsuche bis Oktober. Keine Pressekonferenzen, bei denen man mehr Fragen hat als vorher.
Demichelis muss zeigen, dass er nicht nur gut ankommt, sondern auch etwas aufbaut. Leipzig braucht wieder Energie, Tempo, Struktur und dieses Gefühl, dass Gegner schon beim Blick auf unseren Spielplan schlechte Laune bekommen.
Also: Willkommen in Leipzig, Martín Demichelis.
Wir Fans bleiben kritisch, ja. Vielleicht sogar sehr kritisch. Aber unfair müssen wir nicht sein. Er bekommt seine Chance. Er soll arbeiten, zeigen, überzeugen. Und wenn er liefert, dann bekommt er auch Rückendeckung.
Nur eins sollte ihm klar sein: Bei RB Leipzig dauert die Kennenlernphase ungefähr so lange wie ein Gegenpressingmoment.
Danach zählt es.
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