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Vinicius rettet Brasilien – aber wie lange kann ein Superstar die Probleme kaschieren?

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Brasilien hat bei der WM einen Punkt geholt. Die Schlagzeilen gehören Vinicius Junior. Und das völlig zu Recht.

Sein Ausgleich gegen Marokko war Weltklasse. Ein kurzer Haken nach innen, ein explosiver Abschluss unter die Latte – genau jene Art von Tor, die große Spieler auf den größten Bühnen schießen. Ein Moment, der an die brasilianische Fußball-Romantik erinnerte, die Fans rund um den Globus seit Jahrzehnten fasziniert.

Doch hinter der Schönheit dieses Treffers verbirgt sich eine unangenehme Wahrheit.

Brasilien spielte über weite Strecken nicht wie ein WM-Favorit.

Marokko war mutiger, strukturierter und zeitweise die klar bessere Mannschaft. Die Nordafrikaner kontrollierten das Mittelfeld, gewannen viele Zweikämpfe und ließen die Seleção erstaunlich ideenlos wirken. Hätte Vinicius diesen Geistesblitz nicht gehabt, wäre Brasilien womöglich mit einer Niederlage ins Turnier gestartet.

Genau das sollte Trainer Carlo Ancelotti Sorgen bereiten.

Denn wenn eine Mannschaft von der individuellen Klasse eines einzigen Spielers abhängig wird, ist das selten ein gutes Zeichen. Brasilien hat in seiner Geschichte Weltmeisterschaften gewonnen, weil es starke Teams hatte – nicht nur starke Einzelspieler. Pelé, Romário, Ronaldo oder Ronaldinho waren Teil funktionierender Mannschaften. Sie mussten ihre Teams nicht allein tragen.

Gegen Marokko wirkte es dagegen zeitweise so, als warte ganz Brasilien darauf, dass Vinicius etwas Magisches passiert.

Das kann funktionieren. Für ein Spiel. Vielleicht auch für zwei.

Aber keine Weltmeisterschaft wird allein durch einzelne Momente gewonnen.

Besonders auffällig war die fehlende Balance im Mittelfeld. Die Mannschaft verfügt über eine beeindruckende Sammlung an Offensivspielern, doch im Zentrum fehlten Kontrolle, Kreativität und Stabilität. Der inzwischen 34-jährige Casemiro hatte große Mühe, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Brasilien verlor dadurch genau jenen Bereich des Feldes, in dem große Turniere häufig entschieden werden.

Für Ancelotti ist das eine erste Warnung.

Der Italiener wurde verpflichtet, um Brasilien nach 24 Jahren wieder zum Weltmeistertitel zu führen. Seine Erfahrung ist enorm, seine Erfolge sprechen für sich. Doch auch ein Trainer mit fünf Champions-League-Titeln kann strukturelle Probleme nicht über Nacht lösen.

Immerhin zeigte Ancelotti nach dem Spiel Selbstkritik. Er sprach offen darüber, dass seine Mannschaft aggressiver, ausgeglichener und besser werden müsse. Das klingt selbstverständlich, ist aber ein wichtiger Unterschied zu vielen Nationaltrainern, die nach einem mäßigen Auftritt zunächst nach Ausreden suchen.

Die gute Nachricht für Brasilien lautet: Das Turnier hat gerade erst begonnen. Argentinien verlor 2022 sein Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien und wurde trotzdem Weltmeister. Ein schwacher Start bedeutet noch lange kein frühes Aus.

Die schlechte Nachricht lautet: Die Probleme sind sichtbar.

Vinicius hat sie gegen Marokko für einen Abend überstrahlt. Doch spätestens in der K.-o.-Phase werden die Gegner stärker, die Räume kleiner und die Fehler teurer.

Dann wird sich zeigen, ob Brasilien tatsächlich eine Mannschaft besitzt, die Weltmeister werden kann – oder ob die Hoffnung auf den sechsten Stern am Ende auf den Schultern eines einzigen Ausnahmespielers lastet.

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