So. Transferfenster zu.
Endlich.
Man kann wieder Fußball schauen, ohne alle sieben Minuten aufs Handy zu schauen, ob irgendein Spieler, den man eigentlich behalten wollte, plötzlich am Flughafen sitzt.
Und wenn man sich den Sommer des VfB Stuttgart so anschaut, bleibt ein durchaus vertrautes Gefühl:
Sportlich sieht das ziemlich gut aus.
Finanziell schaut man lieber nicht zu lange hin.
Also eigentlich alles wie immer.
Fünf Neue sind gekommen, acht Spieler gegangen. Der Kader ist kleiner, aber vermutlich besser.
Das klingt zunächst einmal vernünftig.
„Mehr Klasse statt Masse“ lautet das Motto.
Sehr schön.
Wir Schwaben mögen Klasse.
Und gegen weniger Masse haben wir auch nichts, solange am Ende die Rechnung stimmt.
Wobei wir damit gleich bei einem gewissen Problem wären.
Aber der Reihe nach.
Grischa Prömel kommt ablösefrei aus Hoffenheim.
Ablösefrei!
Dieses Wort hört man als VfB-Fan besonders gern.
Man möchte es einrahmen.
Daneben wurde Dzenan Pejcinovic für 25 Millionen Euro aus Wolfsburg verpflichtet.
Fünfundzwanzig Millionen.
Da hört der Schwabe innerlich sofort auf zu atmen.
Aber gut.
Wenn Trainer Sebastian Hoeneß ihn unbedingt wollte und der Junge trifft, dann werden aus 25 Millionen irgendwann „klug investiertes Geld“.
Wenn nicht, reden wir 2028 von „schwieriger Marktphase“.
So funktioniert Fußball.
Mit Leo Sauer kam außerdem für 12,5 Millionen Euro aus Rotterdam ein Talent, dem durchaus ein Stammplatz zuzutrauen ist.
Das klingt gut.
Sehr gut sogar.
Dann gibt es allerdings noch jene Entscheidungen, bei denen wir Fans uns gegenseitig beruhigend auf die Schulter klopfen.
Dennis Seimen ist verletzt.
Ein neuer Torwart?
Nein.
Außenverteidiger-Backup?
Auch nein.
Mutig nennt man das.
Als Fan übersetzt man „mutig“ ungefähr mit:
Hoffentlich verletzt sich keiner.
Das ist bei Fußballvereinen immer eine ausgezeichnete Strategie.
Bis sich einer verletzt.
Aber gut.
Der VfB wollte den Kader in der Breite verbessern.
Das scheint gelungen.
Note zwei für die Zugänge?
Kann man geben.
Ich wäre sogar geneigt, freundlich zu nicken.
Und dann kommen die Abgänge.
Da wurde erst einmal ordentlich aufgeräumt.
Bouanani zu den Rangers.
Darvich nach Elversberg.
Ulrich nach Paderborn.
Hellstern nach Fürth.
Catovic nach Barcelona.
Der Kader atmet plötzlich wieder.
Im Trainingszentrum dürfte man sich morgens gegenseitig erkennen.
Auch wirtschaftlich gab es Erfreuliches.
Milosevic wurde für neun Millionen Euro nach Braga verkauft.
Jovanovic für 6,5 Millionen nach Udine.
Bankspieler verkauft und dabei Geld verdient.
Sehr schön.
So liest man das gern.
Dann allerdings kam der Teil des Transfersommers, bei dem offenbar niemand die Spieler darüber informiert hatte, dass sie eigentlich verkauft werden sollten.
Atakan Karazor hätte gehen dürfen.
Jamie Leweling ebenfalls.
Bilal El Khannouss ebenso.
Ermedin Demirovic auch.
Nur wollten die Herren nicht.
Teilweise lagen offenbar Angebote mit deutlich höherem Gehalt vor.
Und die Spieler sagten trotzdem:
Nein, danke. Wir bleiben in Stuttgart.
Nun weiß man als Fan nicht recht, ob man lachen oder weinen soll.
Einerseits:
Wie schön!
Die wollen alle beim VfB bleiben.
Andererseits:
Der Verein wollte eigentlich Geld einnehmen.
Und plötzlich kleben die Leistungsträger am Neckar wie Spätzle am Topfboden.
Es gibt schlimmere Probleme.
Aber für die Finanzplanung ist es natürlich etwas unpraktisch.
Also musste kurz vor Schluss Chema Andrés gehen.
Für rund 25 Millionen Euro zu Brighton.
Und damit sind wir beim klassischen Deadline-Day-Moment.
Man verkauft einen wichtigen Spieler kurz vor Toresschluss und stellt anschließend fest:
Oh.
Jetzt fehlt da einer.
Im zentralen Mittelfeld hinterlässt Chema ein ordentliches Loch.
Einen Ersatz konnte man nicht mehr verpflichten.
Natürlich nicht.
Das Transferfenster schließt schließlich besonders zuverlässig dann, wenn man gerade noch jemanden bräuchte.
Sebastian Hoeneß hat bereits gesagt, dass man Chema vermissen werde.
Das glaube ich sofort.
Ich vermisse ihn ehrlich gesagt bereits, obwohl die Tinte auf dem Vertrag in Brighton vermutlich noch nicht trocken ist.
Aber 25 Millionen Euro sind eben 25 Millionen Euro.
Und irgendwo musste das Geld schließlich herkommen.
Denn jetzt kommen wir zu jenem Kapitel, bei dem der schwäbische Fan automatisch seine Lesebrille aufsetzt.
Die Finanzen.
Der VfB hat zuletzt Rekordzahlen präsentiert.
83,4 Millionen Euro Eigenkapital.
Klingt hervorragend.
Da möchte man fast glauben, wir seien inzwischen finanziell so solide, dass selbst die schwäbische Hausfrau anerkennend nickt.
Und dann schaut man auf die Transferbilanz.
Mehr als 20 Millionen Euro Minus.
Aha.
Das geplante Transferplus wurde also nicht knapp verfehlt.
Es wurde eher in Sichtweite vorbeigefahren.
Trotz des Chema-Verkaufs.
Note vier für die Finanzen.
Da beginnt man als VfB-Fan automatisch zu rechnen.
Prömel ablösefrei.
Gut.
Pejcinovic 25 Millionen.
Sauer 12,5 Millionen.
Und plötzlich möchte man gar nicht mehr rechnen.
Denn als Fan lebt es sich manchmal besser, wenn man Geldbeträge einfach als „Investitionen in die sportliche Zukunft“ bezeichnet.
Das klingt viel angenehmer.
Und seien wir fair:
Sportlich kann dieser Kader richtig stark sein.
Der große Stamm ist zusammengeblieben.
Leweling bleibt.
El Khannouss bleibt.
Demirovic bleibt.
Karazor bleibt.
Nicht unbedingt, weil der VfB sie mit Handschellen ans Clubhaus gekettet hätte.
Sie wollten schlicht nicht weg.
Als Fan gefällt mir das ausgezeichnet.
Man muss sich nur den Gedanken verkneifen, dass der Verein manche dieser Spieler gern verkauft hätte.
Romantik funktioniert im Profifußball eben am besten, wenn man die Excel-Tabelle nicht öffnet.
Unterm Strich steht also ein ziemlich kurioser Transfersommer.
Der Kader wurde kleiner.
Die Qualität wurde vermutlich höher.
Die gewünschten Verstärkungen kamen.
Mehrere Leistungsträger blieben.
Nur beim geplanten Geldverdienen ist die Sache ein wenig anders gelaufen.
Aber wenn wir ehrlich sind:
Lieber ein gutes Team und 20 Millionen Transferminus als 20 Millionen Transferplus und am 1. September festzustellen, dass der rechte Flügel jetzt von einem Praktikanten aus der Geschäftsstelle gespielt wird.
Der VfB ist sportlich ins Risiko gegangen.
Das kann schiefgehen.
Natürlich.
Aber dieser Kader besitzt Qualität.
Vielleicht sogar außergewöhnlich viel Qualität.
Und deshalb sitzt man als Fan jetzt da und denkt:
Das könnte richtig gut werden.
Was natürlich genau jener Satz ist, nach dem beim VfB traditionell irgendetwas Merkwürdiges passiert.
Also bitte nicht zu laut sagen.
Vielleicht einfach still freuen.
Die Mannschaft ist stark.
Die Stars sind geblieben.
Die Neuen machen Hoffnung.
Und beim Transferkonto schauen wir fürs Erste einfach nicht so genau hin.
Wir sind schließlich Fußballfans.
Keine Wirtschaftsprüfer.
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