Ach, Borussia.
Man könnte meinen, nach all den Jahren hätte man sich als Gladbach-Fan an gewisse Abläufe gewöhnt.
Hat man aber nicht.
Man sitzt da, trinkt seinen Kaffee, schaut auf die Transfermeldungen und denkt für ungefähr zwölf Minuten: Diesmal haben sie es wirklich im Griff.
Und dann verletzt sich einer.
Dann noch einer.
Dann stellt man fest, dass der Spieler, den man eigentlich verkaufen wollte, plötzlich der Mann ist, ohne den es hinten rechts ziemlich zugig wird.
Willkommen bei Borussia Mönchengladbach.
Joe Scally sollte eigentlich weg.
Nicht unbedingt mit Pauken und Trompeten, aber sagen wir es freundlich: Wenn ein ordentlicher Verein mit ordentlicher Ablöse gekommen wäre, hätte man in Gladbach wohl nicht lange nach dem Kugelschreiber gesucht.
Manager Rouven Schröder wollte in diesem Sommer schließlich ein bisschen Luft auf der Gehaltsliste schaffen. Florian Neuhaus, Tomas Cvancara und Scally galten als Kandidaten.
Cvancara ist tatsächlich weg.
Leihweise.
Ohne Kaufoption.
Also ungefähr jene Art von Transfer, bei der man das Problem ordentlich verpackt und für ein Jahr bei jemand anderem vor die Tür stellt.
Neuhaus wiederum hat dem Verein recht deutlich signalisiert, dass er gar nicht die Absicht hat, irgendwohin zu gehen.
Warum auch?
Noch ein Jahr Vertrag, rund vier Millionen Euro Gehalt und vermutlich beste Aussicht auf die Tribüne.
Es gibt schlechtere Arbeitsplätze.
Und dann ist da Joe Scally.
Bei ihm war die Sache eigentlich auch klar.
Nur kam dann Borussia.
Denn für seine Position hatte man ja längst den vermeintlichen Königstransfer verpflichtet: Yukhym Konoplia.
Jahrelang Champions League mit Schachtjor Donezk gespielt, 26 Jahre alt, Erfahrung vorhanden.
Sehr vernünftig.
Also riss sich Konoplia prompt das Innenband im Knie.
Natürlich.
Wir sind ja schließlich Borussia.
Also reagierte Schröder und holte mit Daiki Hashioka gleich noch einen Rechtsverteidiger.
Auch vernünftig.
Der verletzte sich dann beim 0:3 in Leipzig am Nacken.
Natürlich.
Wir sind ja schließlich Borussia.
Und plötzlich sitzt Joe Scally da, schaut sich das Ganze an und dürfte sich gedacht haben:
„Interessant. Vor drei Wochen sollte ich noch verkauft werden, und jetzt bin ich offenbar wieder systemrelevant.“
So schnell kann das gehen.
Der amerikanische Nationalspieler bleibt jedenfalls.
Nicht zuletzt, weil bis zum Ende der Transferperiode offenbar kein Klub aus einer europäischen Top-Liga bereit war, die gewünschte Ablöse auf den Tisch zu legen.
Und Scally sieht sich nun einmal in einer Top-Liga.
Türkei?
Portugal?
Saudi-Arabien?
Nein danke.
Kann man verstehen.
Wenn man 150 Spiele für Borussia gemacht hat, darf man vermutlich gewisse Vorstellungen davon entwickeln, wie die Karriere weitergehen soll.
Rouven Schröder macht deshalb jetzt die noch offenen Transferfenster zu.
Scally bleibt.
Punkt.
Und natürlich bekommt er gleich noch ein dickes Lob.
Beim Spiel in Leipzig sei er nach seiner Einwechslung hervorragend gewesen und habe sich voll reingehauen.
Na bitte.
Vor kurzem noch Verkaufskandidat, jetzt fast schon Retter in der Not.
Gladbach ist manchmal weniger Fußballverein als tägliche Neubewertung.
Das Problem kommt nur später.
Scallys Vertrag läuft 2027 aus.
Im Winter gäbe es vermutlich die letzte realistische Chance, noch eine ordentliche Ablöse zu bekommen.
2024 soll sein Marktwert bei zwölf Millionen Euro gelegen haben.
Jetzt sind es ungefähr sieben.
Und wenn er im kommenden Sommer ablösefrei geht, hat Borussia wieder einmal jene Disziplin perfektioniert, in der der Klub über die Jahre bemerkenswerte Erfahrung gesammelt hat:
Vermögenswerte elegant verdampfen lassen.
Aber gut.
Bis dahin brauchen wir ihn ja plötzlich wieder.
Man muss Prioritäten setzen.
Während hinten also improvisiert wird, hat Trainer Eugen Polanski vorne eine ganz andere Aufgabe bekommen.
Die Jugend soll ran.
Mehr Nachwuchs.
Mehr eigene Talente.
Mehr junge Spieler.
Das klingt erst einmal wunderbar.
Als Gladbach-Fan hört man „eigene Jugend“ und bekommt sofort einen leicht romantischen Blick.
Endlich wieder Jungs, die nicht erst über sechs Berater, drei Leihgeschäfte und irgendeinen portugiesischen Mittelständler am Niederrhein landen.
Das Vorbild heißt Wael Mohya.
17 Jahre alt.
Innerhalb kürzester Zeit soll sein Marktwert von einer auf 17 Millionen Euro gestiegen sein.
Siebzehn Millionen!
Da bekommt der Borussen-Fan sofort dieses gefährliche Funkeln in den Augen.
Nicht, weil wir ihn verkaufen wollen.
Natürlich nicht.
Wir denken nur schon einmal ganz unverbindlich darüber nach, für wie viel Geld wir ihn irgendwann viel zu früh abgeben könnten.
Alte Gewohnheiten.
Die nächsten Talente stehen jedenfalls bereit.
Mathieu Danfa hat sogar Chancen auf einen Platz in der Startelf.
Dahinter lauern Fritz Fleck und Iaia Danfa.
Beide 19.
Beide offenbar mit guten Ansätzen in der Vorbereitung.
Und dann macht Borussia das, was Vereine gern machen, wenn sie ihre Jugend unbedingt fördern wollen:
Sie verpflichten noch einen Spieler für genau diese Position.
Nicolas Kühn kommt auf Leihbasis aus Como.
Natürlich ist Kühn ein guter Spieler.
Darum geht es gar nicht.
Aber aus Sicht von Fleck und Danfa dürfte die Nachricht ungefähr so geklungen haben:
„Jungs, wir setzen voll auf euch. Und übrigens: Das hier ist Nicolas. Er spielt auch eure Position.“
Willkommen im Profifußball.
Polanski macht daraus immerhin kein pädagogisches Seminar.
Seine Ansage an die jungen Spieler ist wunderbar deutlich.
Keiner spiele nur deshalb, weil der Verein Nachwuchsförderung betreiben wolle.
Wer spielen möchte, müsse gut genug sein.
Besser als die Konkurrenz.
Und die jungen Spieler sollen dem Trainer im Training derart auf die Nerven gehen, dass er irgendwann gar nicht mehr anders könne, als sie aufzustellen.
Man muss sagen:
Das gefällt mir.
So eine Ansage versteht sogar der Borussen-Fan.
Kein Entwicklungsplan mit 48 PowerPoint-Seiten.
Keine „individuelle Progression im leistungsorientierten Übergangsbereich“.
Einfach:
Jungs, seid so gut, dass ich euch nicht ignorieren kann.
Herrlich.
Das Problem ist nur: Die Konkurrenz ist nicht ganz klein.
Im Sturmzentrum stehen Tim Kleindienst und Isac Lidberg.
Links Mohya und Robin Hack.
Zentral Hugo Bolin und Shuto Machino.
Rechts Franck Honorat und jetzt auch noch Kühn.
Wenn man das so aufzählt, wirken Fleck und Danfa ungefähr wie die Plätze neun und zehn in einer Warteschlange am Flughafen.
Polanski sagt zwar, es gebe keine feste Rangliste.
Entscheidend seien Leistung und das passende Profil für den jeweiligen Gegner.
Das stimmt natürlich.
Aber wir Fans kennen Fußball.
Es gibt vielleicht keine offizielle Rangliste.
Es gibt nur acht andere Spieler, die vorher eingewechselt werden.
Aber gut.
Immerhin bleiben die jungen Burschen fest beim Profikader.
Und genau da liegt vielleicht die spannendste Geschichte dieser Saison.
Borussia muss sparen.
Borussia muss entwickeln.
Borussia kann nicht jedes Problem mit einem 20-Millionen-Transfer lösen.
Was im Übrigen auch deshalb beruhigend ist, weil wir bei 20-Millionen-Transfers ohnehin gelegentlich etwas nervös werden.
Also sollen die Jungen ihre Chance bekommen.
Nur eben nicht geschenkt.
Und das ist richtig so.
Jugendförderung bedeutet schließlich nicht, dass der Trainer nach der 60. Minute feierlich einen Teenager einwechselt, damit die Statistik hübscher aussieht.
Sie bedeutet, dass junge Spieler irgendwann wirklich besser sein müssen als ältere.
Und wenn Polanski möchte, dass sie ihm dafür täglich „auf den Sack gehen“, dann bitte.
Geht ihm auf den Sack.
Geht den etablierten Spielern auf den Sack.
Geht am besten auch dem Gegner auf den Sack.
Wir Fans kennen uns mit dieser Form der Belastung schließlich bestens aus.
Borussia geht uns seit Jahrzehnten regelmäßig auf die Nerven.
Und trotzdem sind wir jedes Wochenende wieder da.
Vielleicht ist das am Ende die höchste Form der Nachwuchsförderung:
Beharrlichkeit.
Joe Scally weiß inzwischen jedenfalls, wie schnell sich die Dinge drehen können.
Gestern noch Verkaufskandidat.
Heute dringend gebraucht.
Morgen vielleicht wieder auf der Transferliste.
Und unsere Nachwuchsspieler wissen nun auch Bescheid.
Heute Talent.
Morgen Ersatzbank.
Übermorgen vielleicht Stammspieler.
Oder noch ein Neuzugang.
Bei Borussia weiß man nie.
Und genau deshalb schauen wir wieder hin.
Mit Hoffnung.
Mit Sorge.
Und mit diesem leicht gequälten Lächeln, das nur Menschen beherrschen, die seit Jahren Borussia Mönchengladbach unterstützen.
Also Jungs:
Geht dem Trainer auf den Sack.
Aber bitte gewinnt zwischendurch auch mal ein Fußballspiel.
Das würde uns Fans zur Abwechslung ganz hervorragend gefallen.
Polanski darf jetzt noch 2x verlieren,dann ist Länderspielpause und Lichte übernimmt,der schon in Mainz gezeigt hat,daß er Cheftrainer nicht kann…
Sicher hätte Eugen gegen Elversberg nach der 3-1 Führung und auch in Leipzig das löchrige Gefüge gerne mit einer Fünferkette stabilisiert,aber so darf er ja laut Schröder nicht mehr spielen und das mußte er vor der Saison versprechen,sonst wäre er seinen Job sofort los geworden.So aber wächst durch die vorläufige Weiterbeschäftigung wenigstens etwas Gras über die wieder mal fatale Fehlentscheidung,seinen Vertrag frühzeitig und ohne Not 2 Jahre zu verlängern,anstatt erstmal die weitere Entwicklung nach dem Klassenerhalt-Rumpelfußball abzuwarten,aber mit Abfindungszahlungen kennen wir uns ja aus,siehe Hütter,Farke und Seoane…
Kann ein Trainer eigentlich mehr enteiert sein???
Macht doch bitte mal nach jedem Satz einen Absatz.
Oh, macht ihr schon? Toll, danke. Liest sich echt beschissen
„Polanski sagt zwar, es gebe keine feste Rangliste. Entscheidend seien Leistung und das passende Profil für den jeweiligen Gegner.“
Im Grund super formuliert, Respekt. Das Problem ist nur das Polanski seine Lieblingsspieler hat, z.B. Stöger. Der ist anscheinend Trainingsweltmeister, nur in den Spielen sieht man nix davon, aber trotzdem stellt er ihn immer wieder auf..
Das verstehe wer will..
„Entscheidend seien Leistung und das passende Profil für den jeweiligen Gegner.“
Aber leider gibt es keinen passenden Gegner für Stöger, ist aber nur meine Meinung… Das verstehe wer will
Polanski eben, aber wie geschrieben es ist nur ein Beispiel von mehreren.. schade