Nur wenige Stunden nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis ist der prominente venezolanische Oppositionspolitiker Juan Pablo Guanipa Berichten zufolge von schwer bewaffneten, zivil gekleideten Männern verschleppt worden. Das bestätigten seine Familie und mehrere politische Weggefährten am Sonntagabend.
Guanipa, 61 Jahre alt, gehört zur konservativen Oppositionspartei Primero Justicia und war einer von mehreren politischen Gefangenen, die am Sonntag im Rahmen eines Zugeständnisses der Regierung an die USA freigelassen wurden – eine Reaktion auf die jüngsten Forderungen Washingtons nach politischen Reformen und Freilassungen von Gefangenen.
Doch nur kurze Zeit nach seinem Austritt aus einem Polizeigewahrsam in Caracas sei er im Stadtteil Los Chorros von etwa zehn bewaffneten Männern ohne Identifikation abgefangen und gewaltsam in Fahrzeuge gezwungen worden, so seine Familie.
Opposition macht Regierung verantwortlich
Oppositionsführerin María Corina Machado, derzeit im Exil, erklärte auf der Plattform X (ehemals Twitter):
„Schwer bewaffnete Männer in Zivil erschienen mit vier Fahrzeugen und verschleppten ihn mit Gewalt.“
Guanipas Sohn Ramón veröffentlichte ein Video, in dem er sagte, sein Vater sei bei einer Abendveranstaltung hinterrücks überfallen worden.
„Sie richteten ihre Waffen auf ihn, waren schwer bewaffnet, und nahmen meinen Vater mit. Ich fordere einen Beweis, dass er noch am Leben ist.“
Die Partei Primero Justicia machte unterdessen führende Regierungsvertreter direkt für das Verschwinden verantwortlich:
„Wir machen die Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, den Parlamentspräsidenten Jorge Rodríguez und Innenminister Diosdado Cabello für jede Gefahr verantwortlich, die Juan Pablo Guanipa droht.“
Freilassung nach acht Monaten Haft
Guanipa war erst am selben Abend freigelassen worden, nachdem er über acht Monate in Haft war. In einem kurzen Video auf Social Media sagte er:
„Heute werden wir freigelassen. Es gibt viel zu besprechen über die Gegenwart und die Zukunft Venezuelas – immer mit der Wahrheit im Vordergrund.“
Er war im Mai 2025 festgenommen worden, nachdem Innenminister Cabello ihm ohne Vorlage von Beweisen vorgeworfen hatte, in einen angeblichen „Terroranschlag“ im Zusammenhang mit Regional- und Parlamentswahlen verwickelt gewesen zu sein. Guanipa hatte diese Vorwürfe stets entschieden zurückgewiesen.
Weitere Freilassungen angekündigt – aber Enttäuschung bei Familien
Am Sonntag wurden laut der Menschenrechtsorganisation Foro Penal mindestens 30 politische Gefangene freigelassen – darunter der Anwalt Perkins Rocha, der allerdings nur unter strengen Auflagen entlassen wurde, sowie Luis Somaza (Partei Voluntad Popular) und der frühere Stadtrat Jesús Armas.
Insgesamt sollen laut Foro Penal bereits mehr als 380 Menschen freigelassen worden sein; die Regierung spricht von über 800. Dennoch bleiben Hunderte weitere politische Gefangene in Haft – einige bereits seit den frühen 2000er-Jahren unter Hugo Chávez.
Die Regierung weist den Vorwurf politisch motivierter Inhaftierungen zurück und behauptet, es handle sich um Menschen, die Verbrechen begangen hätten.
Politischer Druck nach Machtwechsel
Die jüngsten Freilassungen erfolgten nur wenige Tage nach dem Sturz von Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte. Sein Nachfolger, die frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, übernahm das Amt der Übergangspräsidentin mit Rückendeckung der US-Regierung – unter der Bedingung weitreichender Zugeständnisse, darunter Zugang zu venezolanischem Öl und die Freilassung politischer Gefangener.
Rodríguez hatte angekündigt, alle verbleibenden politischen Gefangenen bis spätestens Freitag, den 13. Februar, freizulassen – im Rahmen eines Amnestiegesetzes, das als erster Schritt zu einer „nationalen Versöhnung“ gelten soll.
Menschenrechtsorganisationen und Angehörige zeigten sich jedoch enttäuscht vom langsamen Tempo und der widersprüchlichen Informationslage – insbesondere angesichts neuer Vorfälle wie der mutmaßlichen Entführung Guanipas.
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