In Kiew wächst der Unmut – und diesmal richtet er sich nicht gegen Moskau, sondern gegen Washington. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat ungewöhnlich offen Kritik an zwei zentralen Figuren der US-Außenpolitik geübt. Dass die amerikanischen Gesandten wiederholt nach Moskau reisen, aber Kiew konsequent meiden, bezeichnet er als „respektlos“.
Gemeint sind der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Präsidentenschwiegersohn Jared Kushner – zwei Männer, die in den vergangenen Monaten auffallend häufig in der russischen Hauptstadt gesichtet wurden. Witkoff allein soll bereits achtmal in Moskau gewesen sein und dort mehrfach Präsident Wladimir Putin getroffen haben. Ein offizieller Besuch in der ukrainischen Hauptstadt? Fehlanzeige.
Selenskyj zeigt sich irritiert, bemüht sich aber zugleich um diplomatische Zurückhaltung. Natürlich verstehe man logistische Herausforderungen, sagt er – fügt jedoch hinzu, dass man sich notfalls auch an einem neutralen Ort treffen könne. Die Botschaft ist klar: Es geht nicht um Geografie, sondern um Prioritäten.
Tatsächlich hat sich der Fokus der US-Außenpolitik zuletzt deutlich verschoben. Seit dem militärischen Konflikt mit dem Iran dominieren Krisengespräche im Nahen Osten die Agenda in Washington. Witkoff und Kushner sind aktuell Teil genau dieses Verhandlungsteams – unterwegs zu Gesprächen in Pakistan. Der Ukraine-Krieg, seit mehr als vier Jahren blutige Realität in Europa, scheint dabei zumindest zeitweise in den Hintergrund gerückt zu sein.
Für Kiew ist das ein gefährliches Signal. Denn die Verhandlungen über ein mögliches Ende des Krieges stecken ohnehin fest. Zwar gab es Fortschritte bei militärischen Detailfragen, doch die zentralen Streitpunkte bleiben unüberbrückbar: territoriale Ansprüche Russlands im Donbas, Forderungen nach politischem Wandel in Kiew und die Rückführung verschleppter ukrainischer Kinder.
Selenskyj weiß, dass die Unterstützung der USA entscheidend bleibt – militärisch wie politisch. Umso sensibler reagiert er auf jede Geste, die als mangelnde Wertschätzung interpretiert werden könnte. In einem Krieg, der längst auch ein diplomatischer ist, zählen eben nicht nur Waffenlieferungen und Sanktionen, sondern auch Besuche – oder das demonstrative Ausbleiben derselben.
Während in der Ukraine weiterhin täglich Raketen einschlagen und an der Front gekämpft wird, entsteht so ein zweiter, leiser Konflikt: einer um Aufmerksamkeit, Einfluss und politische Symbolik. Und der könnte langfristig ebenso entscheidend sein wie die Gefechte auf dem Schlachtfeld.
Kommentar hinterlassen