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Ungarns Familienoffensive: Milliarden für Babys – doch der Babyboom blieb aus

RGY23 (CC0), Pixabay
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Ein Land gegen den demografischen Trend

Als Viktor Orbán 2010 erneut Ministerpräsident wurde, erklärte er den Geburtenrückgang zur nationalen Herausforderung. Während viele europäische Länder auf Zuwanderung setzen, wollte Ungarn einen anderen Weg gehen: mehr ungarische Kinder statt mehr Einwanderung.

Es folgte eines der weltweit umfangreichsten Förderprogramme für Familien. Junge Ehepaare erhielten zinslose Kredite, Steuervergünstigungen, Zuschüsse für Immobilien, Autos und Renovierungen – oft verbunden mit der Zusage, Kinder zu bekommen.

Für einige Jahre schien die Strategie aufzugehen. Die Geburtenrate stieg von 1,25 Kindern pro Frau im Jahr 2010 auf 1,59 im Jahr 2020. Doch der Aufwärtstrend hielt nicht lange. 2025 lag die Geburtenrate wieder bei lediglich 1,31 Kindern pro Frau – kaum höher als zu Beginn der Reformen.

Zwischen Hoffnung und finanzieller Falle

Wie kompliziert die Situation geworden ist, zeigt das Beispiel von Barbara Elek und ihrem Ehemann Levi aus Debrecen. Das Paar nahm einen staatlich geförderten Kredit in Höhe von zehn Millionen Forint auf – umgerechnet rund 25.000 Pfund. Voraussetzung war die Geburt von zwei Kindern.

Doch trotz mehrerer künstlicher Befruchtungen blieb der ersehnte Erfolg aus. Sollte bis November kein Kind unterwegs sein, drohen dem Paar erhebliche Rückzahlungen inklusive Strafzinsen. Für Barbara und Levi steht damit nicht nur ihr Kinderwunsch, sondern auch ihre finanzielle Zukunft auf dem Spiel.

Erfolg oder Misserfolg?

Über die Bilanz der ungarischen Familienpolitik wird heftig gestritten.

Befürworter argumentieren, die Maßnahmen hätten den Geburtenrückgang zumindest verlangsamt. Ohne die staatlichen Hilfen wären möglicherweise deutlich weniger Kinder geboren worden. Familien mit mehreren Kindern profitierten von Steuererleichterungen, großzügigen Elternleistungen und Wohnbauförderungen.

Kritiker sehen dagegen nur einen kurzfristigen Effekt. Viele Paare hätten ihre Familienplanung lediglich vorgezogen, anstatt sich für zusätzliche Kinder zu entscheiden. Nach einigen Jahren sei die Geburtenrate deshalb wieder gesunken.

Demografen weisen zudem darauf hin, dass ähnliche Entwicklungen auch in anderen osteuropäischen Ländern zu beobachten waren – selbst dort, wo es keine vergleichbaren Förderprogramme gab.

Geld allein reicht nicht

Für viele junge Menschen sind finanzielle Anreize offenbar nicht das entscheidende Kriterium.

Die Budapesterin Antonia Miskolczi berichtet, dass sie vor allem das Gesundheitssystem abgeschreckt habe. Berichte über überfüllte Krankenhäuser und schlechte Bedingungen hätten ihr mehr Sorgen bereitet als finanzielle Fragen. Trotz staatlicher Unterstützung plant sie mit ihrem Mann nur ein weiteres Kind. Entscheidend seien funktionierende Schulen, Kinderbetreuung und medizinische Versorgung.

Auch Wissenschaftler kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Viele Frauen würden staatliche Zuschüsse zwar begrüßen, sähen darin aber eher eine einmalige Unterstützung als eine langfristige Hilfe bei der Kindererziehung. Wichtiger seien verlässliche Institutionen und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ein weltweites Problem

Ungarn ist mit seinen Schwierigkeiten nicht allein. In Südkorea wurden seit 2008 umgerechnet mehr als 215 Milliarden Pfund in Programme zur Förderung von Familien investiert. Trotzdem sank die Geburtenrate dort weiter und liegt inzwischen bei nur noch 0,8 Kindern pro Frau.

Auch in Schweden, lange Zeit als Vorbild für familienfreundliche Politik angesehen, stiegen die Geburtenzahlen zunächst an, bevor sie später wieder zurückgingen.

Experten sehen deshalb tieferliegende Ursachen. Wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Wohnkosten, gesellschaftliche Veränderungen und Zukunftsängste spielen eine immer größere Rolle. Die Pandemie, der Krieg in der Ukraine und die Inflation hätten diese Unsicherheiten zusätzlich verstärkt.

Kultur schlägt Geld

Einige Forscher glauben inzwischen, dass finanzielle Anreize allein kaum ausreichen, um dauerhaft mehr Kinder zur Welt zu bringen.

Als Gegenbeispiel wird häufig Israel genannt. Dort liegt die Geburtenrate deutlich über dem Niveau anderer Industriestaaten, obwohl die staatlichen Familienleistungen vergleichsweise moderat ausfallen. Entscheidend seien gesellschaftliche Werte, kulturelle Erwartungen und die Stellung der Familie in der Gesellschaft.

Gleichzeitig warnen Experten davor, dass Regierungen kulturelle Entwicklungen nur begrenzt beeinflussen können. Zu starke politische Eingriffe könnten sogar Gegenreaktionen auslösen.

Die offene Rechnung

Die neue Regierung von Peter Magyar überprüft inzwischen die Familienprogramme. Besonders umstritten ist die Frage, was mit jenen Paaren geschehen soll, die staatliche Kredite aufgenommen haben, ihren Kinderwunsch aber nicht erfüllen konnten.

Für Barbara und Levi ist diese Debatte keine theoretische Frage. Kurz vor Ablauf der Frist erhielten sie die Nachricht, dass auch der jüngste Embryotransfer gescheitert ist. Der Traum vom eigenen Kind bleibt unerfüllt – und die Sorge um die finanzielle Zukunft wächst.

Ungarns Experiment zeigt damit eindrucksvoll, wie schwierig es für Staaten geworden ist, den Geburtenrückgang aufzuhalten. Milliarden können Anreize schaffen. Ob sie Menschen tatsächlich dazu bewegen, mehr Kinder zu bekommen, bleibt eine ganz andere Frage.

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