Die Vereinigten Staaten brauchen venezolanisches Öl offenbar dringender als seit Jahrzehnten. Doch weil sich amerikanische Energiekonzerne bislang nur sehr zögerlich auf neue Milliardeninvestitionen in Venezuela einlassen wollten, hat die Regierung von Donald Trump nun zu einem außergewöhnlichen Mittel gegriffen:
Die USA wollen selbst Mehrheitseigentümer eines großen venezolanischen Ölprojekts werden.
Nach den vorliegenden Angaben soll Washington 55 Prozent an einem neuen Gemeinschaftsunternehmen mit einem privaten venezolanischen Betreiber übernehmen. Das Projekt basiert auf einer Laufzeit von 100 Jahren und soll Zugriff auf gewaltige Ölreserven ermöglichen.
Es ist ein Schritt, der wirtschaftlich nachvollziehbar erscheinen mag – politisch aber kaum gewöhnlicher sein könnte.
Denn hier investiert nicht einfach ExxonMobil, Chevron oder ein anderer Energiekonzern.
Hier steigt der amerikanische Staat unmittelbar in ein ausländisches Ölprojekt ein.
Venezuela wird für die USA plötzlich wieder unverzichtbar
Noch vor wenigen Jahren war Venezuela durch amerikanische Sanktionen weitgehend aus dem US-Energiemarkt gedrängt worden.
Das hat sich drastisch verändert.
Die Vereinigten Staaten haben ihre Rohölimporte aus Venezuela in diesem Jahr mehr als vervierfacht. Mittlerweile kommen rund 600.000 Barrel pro Tag aus dem südamerikanischen Land – so viel wie seit den Sanktionen von 2019 nicht mehr.
Venezuela ist damit nach Kanada bereits der zweitwichtigste ausländische Öllieferant der USA.
Der Grund liegt nicht einfach darin, dass Amerika zu wenig Öl fördert.
Die USA sind der größte Rohölproduzent der Welt und zugleich Nettoexporteur von Öl und Kraftstoffen. Doch ein erheblicher Teil des amerikanischen Öls ist leicht und schwefelarm.
Venezuelas Rohöl besitzt dagegen ganz andere Eigenschaften: Es ist schwer und schwefelhaltig und eignet sich besonders für die Herstellung von Diesel, Flugzeugtreibstoff, Industrieölen und Asphalt. Viele amerikanische Raffinerien wurden bereits in den 1970er-Jahren gezielt für genau diese Art venezolanischen Rohöls gebaut.
Damit wird Venezuela ausgerechnet zu einem Zeitpunkt wieder strategisch wichtig, an dem die weltweiten Energiemärkte unter erheblichem Druck stehen.
Der Iran-Krieg verändert die Rechnung
Besonders brisant ist der internationale Hintergrund.
Nach Darstellung des Berichts hat der Iran-Krieg etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung beeinträchtigt. Die Vereinigten Staaten sind dadurch zunehmend zum Ersatzlieferanten für Länder geworden, die Schwierigkeiten haben, ausreichend Diesel oder Flugzeugtreibstoff aus dem Nahen Osten zu erhalten.
Gleichzeitig wurde die amerikanische strategische Erdölreserve eingesetzt, um die Ausfälle am Persischen Golf abzufedern.
Das Ergebnis ist alarmierend: Die Strategic Petroleum Reserve soll mittlerweile auf dem niedrigsten Stand seit 1982 liegen.
In Washington wächst damit offenbar die Sorge, dass eine weitere internationale Energiekrise die USA in einer deutlich schwächeren Position treffen könnte.
Venezuelas gigantische Reserven erscheinen vor diesem Hintergrund wie eine Versicherung.
Das Land verfügt über rund 303 Milliarden Barrel nachgewiesene Ölreserven – mehr als jedes andere Land der Welt. Das neue Gemeinschaftsunternehmen soll allein Kontrolle über etwa 65 Milliarden Barrel erhalten.
Doch kaum ein Ölkonzern wollte das Risiko eingehen
Genau hier beginnt Trumps eigentliches Problem.
Venezuela besitzt zwar gewaltige Mengen Öl.
Aber Öl im Boden ist noch kein nutzbarer Rohstoff.
Jahrzehntelange Unterinvestitionen, Misswirtschaft und politische Instabilität haben die venezolanische Ölindustrie massiv geschwächt.
Aktuell produziert das Land rund 1,2 Millionen Barrel täglich. Das sind etwa 150.000 Barrel mehr als zu Jahresbeginn, aber immer noch weit entfernt von den ungefähr 3,5 Millionen Barrel pro Tag, die Venezuela vor dem Ende der 1990er-Jahre förderte.
Um diese alten Produktionsmengen wieder zu erreichen, wären nach Einschätzung von Experten Investitionen in Milliardenhöhe über mindestens ein Jahrzehnt notwendig.
Und genau dazu waren amerikanische Ölkonzerne bislang kaum bereit.
Chevron ist die große Ausnahme. Das Unternehmen ist seit Jahrzehnten im Land präsent.
Andere amerikanische Energiekonzerne schrecken dagegen vor den Risiken zurück: Korruption, Kriminalität, politische Instabilität und die Unsicherheit darüber, ob einmal geschlossene Verträge auch langfristig Bestand haben.
Wenn die Unternehmen nicht kommen, kommt der Staat
Trumps Lösung ist deshalb bemerkenswert.
Wenn private US-Konzerne Venezuela für zu riskant halten, soll offenbar die direkte amerikanische Beteiligung Sicherheit schaffen.
Der Gedanke dahinter ist relativ einfach: Wenn die Regierung der Vereinigten Staaten selbst Mehrheitseigentümer des Projekts ist, könnten Unternehmen davon ausgehen, dass amerikanische Interessen und Investitionen wesentlich stärker geschützt werden.
Genau darin sehen Branchenbeobachter eine mögliche Wende. Ein stärkerer amerikanischer Rechtsrahmen könne Investitionen möglicherweise beschleunigen.
Aber die Konstruktion wirft zugleich erhebliche Fragen auf.
Denn die Grenzen zwischen amerikanischer Außenpolitik, Energiepolitik und staatlichen Wirtschaftsinteressen verschwimmen damit ungewöhnlich stark.
Die Vereinigten Staaten würden nicht lediglich die Rahmenbedingungen für private Unternehmen schaffen.
Sie würden selbst wirtschaftlicher Akteur.
Ein Geschäft mit einer politisch explosiven Vorgeschichte
Besonders sensibel wird diese Beteiligung durch die politischen Ereignisse, die ihr vorausgingen.
Nach Darstellung des zugrunde liegenden Berichts nahmen die Vereinigten Staaten Nicolás Maduro im Januar bei einer militärischen Operation fest. Danach versuchte Washington, die venezolanische Ölindustrie unter seiner Nachfolgerin Delcy Rodríguez grundlegend neu zu ordnen.
Gerade vor diesem Hintergrund dürfte die 55-Prozent-Beteiligung politisch kontrovers diskutiert werden.
Denn ein Staat, der zunächst entscheidend in die politische Ordnung eines anderen Landes eingreift und anschließend eine Mehrheitsbeteiligung an einem seiner wichtigsten Rohstoffprojekte erhält, setzt sich zwangsläufig dem Vorwurf aus, wirtschaftliche und geopolitische Interessen miteinander zu vermischen.
Ob dieser Vorwurf berechtigt ist, lässt sich allein aus dem vorliegenden Bericht nicht abschließend beurteilen.
Aber die Frage wird sich kaum vermeiden lassen.
Für Venezuela könnte das Öl trotzdem eine Chance sein
Auch die andere Seite der Geschichte darf nicht übersehen werden.
Venezuela braucht Kapital.
Dringend.
Jahrzehntelange wirtschaftliche Fehlsteuerung und zuletzt auch die Folgen eines schweren Erdbebens haben das Land zusätzlich belastet. Die wirtschaftliche und humanitäre Situation bleibt schwierig.
Eine funktionierende Ölindustrie könnte Einnahmen generieren, Arbeitsplätze schaffen und dem Staat die finanziellen Mittel geben, Infrastruktur wiederaufzubauen.
Venezuelas neue Regierung hat deshalb die Ölwirtschaft stärker für private Investoren geöffnet. Doch ohne ausreichende Garantien blieb die Resonanz bisher begrenzt.
Für Venezuela lautet die Hoffnung deshalb:
Amerikanische Beteiligung bringt Kapital.
Kapital bringt neue Technik.
Neue Technik erhöht die Produktion.
Und höhere Produktion bringt endlich wieder dringend benötigte Staatseinnahmen.
Das ist zumindest die wirtschaftliche Logik hinter dem Projekt.
Doch die Milliarden werden nicht sofort fließen
Wer nun mit einem kurzfristigen Ölboom rechnet, dürfte enttäuscht werden.
Experten warnen ausdrücklich davor, schnelle Resultate zu erwarten.
Selbst wenn Chevron seine Investitionen deutlich erhöht, wird ein einzelner Konzern kaum ausreichen, um Venezuela zurück zu seinen historischen Fördermengen zu bringen.
Andere internationale Ölkonzerne wiederum müssen entscheiden, ob Investitionen in Venezuela attraktiver sind als Projekte in politisch stabileren Regionen.
Ein Branchenexperte bringt das Problem auf den Punkt: Zusätzliches venezolanisches Öl werde wahrscheinlich eher in Jahren als in Monaten auf den Markt kommen.
Ein möglicher Gewinn – aber mit hohem Einsatz
Das Geschäft könnte tatsächlich beiden Ländern helfen.
Die USA würden sich langfristigen Zugriff auf jene schwere Rohölsorte sichern, die ihre Raffinerien benötigen.
Venezuela könnte die Investitionen bekommen, ohne die seine Ölindustrie kaum wiederaufgebaut werden kann.
Aber der Preis dafür ist eine ungewöhnliche wirtschaftspolitische Konstruktion, die zahlreiche offene Fragen hinterlässt.
Wie groß ist der tatsächliche Einfluss Washingtons auf das Unternehmen?
Wer trägt die finanziellen Risiken?
Wie werden Gewinne verteilt?
Welche rechtlichen Garantien gelten über Jahrzehnte?
Und vor allem: Wie stabil ist ein Geschäft, das auf 100 Jahre ausgelegt ist, in einem Land, dessen politische Verhältnisse sich innerhalb weniger Jahre dramatisch verändern können?
Darauf liefert der vorliegende Bericht bislang keine vollständigen Antworten.
Genau deshalb sollte man Trumps Venezuela-Deal weder vorschnell als genialen energiepolitischen Schachzug feiern noch automatisch als wirtschaftlichen Zugriff auf ein fremdes Land verurteilen.
Er ist zunächst etwas anderes:
ein gewaltiges geopolitisches Experiment.
Wenn es funktioniert, könnten die Vereinigten Staaten ihre Energiesicherheit stärken und Venezuela einen wirtschaftlichen Wiederaufbau ermöglichen.
Wenn es scheitert, könnten Milliarden verloren gehen – und aus einem Ölgeschäft könnte ein weiteres langfristiges politisches Problem für Washington werden.
Eines aber zeigt die Entscheidung schon jetzt sehr deutlich: In einer Welt, in der Energie wieder zu einer strategischen Machtfrage geworden ist, ist venezolanisches Öl plötzlich viel zu wichtig geworden, um es einfach im Boden zu lassen.
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