Nach dem umstrittenen US-Militäreinsatz zur Festnahme von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro behauptete Donald Trump, Venezuela habe „Amerikas Öl gestohlen“. Tatsächlich ist die Geschichte der venezolanischen Erdölförderung und der internationalen Einflussnahme deutlich komplexer – und vielschichtiger.
Die Entdeckung des gewaltigen Ölvorkommens im Maracaibo-Becken im Jahr 1922 machte Venezuela innerhalb weniger Jahre zu einer globalen Erdölmacht. Bereits in den 1920er-Jahren war das Land der zweitgrößte Ölproduzent der Welt – hinter den USA. Doch der wirtschaftliche Erfolg kam nicht allen zugute: Internationale Ölkonzerne wie Shell, Standard Oil und Gulf dominierten den Markt, während große Teile der Bevölkerung kaum profitierten.
Ab den 1940er-Jahren begann Venezuela, seine Ölindustrie stärker zu kontrollieren. 1976 wurde der Staatskonzern PDVSA gegründet, der fortan mit ausländischen Konzernen kooperierte – jedoch nur noch gegen hohe Gewinnbeteiligung. Die strategische Bedeutung Venezuelas für die USA wuchs, da amerikanische Raffinerien speziell für venezolanisches Schweröl ausgerichtet waren.
Ein Bruch kam 2007 unter Präsident Hugo Chávez, als er die Ölindustrie verstaatlichte und US-Konzerne wie ExxonMobil und ConocoPhillips enteignete. Die Einnahmen wurden zunehmend für politische Zwecke und das Militär verwendet, während die Infrastruktur verfiel. Unter Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro verschärfte sich die Lage weiter: Sanktionen, Misswirtschaft und der Rückzug westlicher Unternehmen führten zum Niedergang der einst florierenden Industrie.
Heute produziert Venezuela nur noch rund eine Million Barrel Öl pro Tag – weniger als die Hälfte des Niveaus von 2013. Die Anlagen sind veraltet, teils seit 50 Jahren unmodernisiert. Die US-Regierung unter Trump behauptet nun, das Land müsse „zurückerobert“ werden, um amerikanische Interessen zu schützen. Geplant sei der Wiederaufbau durch US-Ölkonzerne – ein Vorhaben, das laut Experten bis zu 10 Milliarden Dollar pro Jahr kosten und Jahre dauern könnte.
Beobachter warnen vor einer übermäßigen Einmischung: Ohne rechtmäßige Vereinbarungen mit einer legitimierten Regierung sei ein US-geführter Wiederaufbau fragwürdig. Zudem sei unklar, ob sich Unternehmen überhaupt langfristig engagieren wollen, solange Venezuelas politische Zukunft ungewiss ist.
Trump beruft sich auf vergangene Verflechtungen und verlorene Gewinne – doch die geopolitische Realität ist weitaus komplizierter als die Erzählung vom gestohlenen Öl.
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