Fast 200 mit Russland verbundene Schiffe haben seit Ende März britische Gewässer passiert – obwohl Premierminister Keir Starmer angekündigt hatte, sanktionierte Tanker künftig stoppen und durchsuchen zu lassen. Das zeigt eine Analyse von BBC Verify.
Demnach registrierten die Journalisten seit dem 25. März insgesamt 184 sanktionierte Schiffe mit 238 Fahrten durch britische Gewässer. Öffentliche Hinweise darauf, dass tatsächlich ein einziges Schiff geentert oder festgesetzt wurde, gibt es bislang nicht.
„Schattenflotte“ transportiert weiter russisches Öl
Bei den Schiffen handelt es sich überwiegend um Tanker der sogenannten russischen „Schattenflotte“. Moskau nutzt diese Flotte aus undurchsichtigen Reedereien und wechselnden Besitzstrukturen, um westliche Sanktionen gegen russische Öl-Exporte zu umgehen.
Die meisten Schiffe fuhren laut den Daten durch den Ärmelkanal. In mindestens 94 Fällen drangen die Tanker sogar kurzzeitig in britische Territorialgewässer ein.
Die britische Regierung hatte im März angekündigt, Streitkräfte könnten sanktionierte Schiffe künftig stoppen und durchsuchen. Das Verteidigungsministerium erklärte nun lediglich, man „störe und schrecke ab“, ohne konkrete Maßnahmen zu nennen.
Ex-Marineoffizier nennt Vorgehen „erbärmlich“
Der frühere Kommandant der Royal Navy, Tom Sharpe, kritisierte das Vorgehen scharf. Es sei „völlig verwirrend“ und „pathetisch“, dass bislang keine Schiffe kontrolliert worden seien.
Großbritannien verfüge sowohl über Kriegsschiffe als auch über Boarding-Teams und Zollkapazitäten. Stattdessen agiere die Regierung „risikoscheu“ und schlecht koordiniert.
Russische Kriegsschiffe begleiten Tanker
Besonders brisant: Mindestens ein sanktionierter Tanker soll von einem russischen Kriegsschiff begleitet worden sein. Satellitenbilder und Schiffsanalysen deuten laut BBC darauf hin, dass die russische Fregatte „Admiral Grigorowitsch“ einen Tanker namens „Universal“ eskortierte.
Der Tanker fuhr Anfang April durch britische Gewässer in Richtung Ärmelkanal.
Juristische Hürden bremsen London aus
Juristen sehen allerdings erhebliche rechtliche Probleme bei möglichen Beschlagnahmungen. Der Schifffahrtsanwalt James M. Turner erklärte, Schiffe unter gültiger ausländischer Flagge dürften grundsätzlich nicht einfach gestoppt oder beschlagnahmt werden – selbst dann nicht, wenn sie sanktionierte Güter transportieren.
Die britische Regierung habe offenbar politische Härte demonstrieren wollen, stoße in der Praxis aber an internationales Seerecht. „Rhetorik und Realität passen hier nicht zusammen“, sagte Turner.
Einige Tanker meiden inzwischen den Ärmelkanal
Ganz wirkungslos scheint Londons Kurs dennoch nicht zu sein. Einige Tanker änderten zuletzt ihre Route und umfahren nun britische Gewässer über den Norden Schottlands und Irlands.
Das verlängert die Transportwege, erhöht die Kosten und erschwert den Handel mit russischem Öl. Experten sehen darin zumindest einen begrenzten Abschreckungseffekt.
Kommentar hinterlassen