In Großbritannien rollt eine Sammelklage historischen Ausmaßes gegen den US-Pharmariesen Johnson & Johnson (J&J) an. Mehr als 3.000 Betroffene werfen dem Konzern vor, dass sein jahrzehntelang verkauftes Talkum-Babypuder gesundheitsschädlich sei und bei ihnen Krebserkrankungen ausgelöst habe. Der Fall könnte weitreichende Folgen für die gesamte Kosmetik- und Gesundheitsbranche haben.
Der Vorwurf: Talkum mit Asbest verunreinigt
Im Zentrum der Klage steht der Vorwurf, dass einige Chargen des J&J-Babypuders mit Asbest verunreinigt gewesen sein sollen – einer Substanz, die als krebserregend gilt. Die Klägerinnen und Kläger, vertreten durch die Kanzlei KP Law, machen geltend, dass sie über Jahrzehnte Produkte des Unternehmens verwendet hätten und anschließend an Eierstockkrebs, Mesotheliom oder anderen Tumorarten erkrankt seien.
Viele der Betroffenen berichten, das Babypuder über Jahrzehnte hinweg im täglichen Gebrauch verwendet zu haben – teils als Hautpflegeprodukt, teils für Kinder. Laut Klageschrift sollen J&J und seine britische Tochterfirma Kenvue UK Limited bereits seit den 1970er Jahren Hinweise auf mögliche Risiken gehabt haben, diese aber nicht öffentlich gemacht haben.
Klage vor dem High Court in London
Die Klage wurde beim High Court in London eingereicht und gilt als eines der größten Produkthaftungsverfahren in der Geschichte des Vereinigten Königreichs. Die Kläger fordern Schadensersatz in Milliardenhöhe, der Gesamtschaden wird auf rund eine Milliarde Pfund geschätzt.
Nach Angaben der Anwälte von KP Law betrifft die Klage alle Personen, die zwischen 1965 und 2023 regelmäßig Talkum-Produkte von Johnson & Johnson verwendet haben. In den USA hatte der Konzern bereits zuvor mit ähnlichen Klagen zu kämpfen – dort musste J&J Milliardenbeträge an Entschädigungen zahlen oder Vergleiche schließen.
Johnson & Johnson weist Vorwürfe zurück
Johnson & Johnson bestreitet alle Anschuldigungen. Das Unternehmen betont, dass sein Babypuder asbestfrei und sicher sei. Zahlreiche wissenschaftliche Studien hätten keine belastbaren Beweise für einen Zusammenhang zwischen Talkum und Krebserkrankungen geliefert.
Auch die Tochterfirma Kenvue UK erklärte, sie vertraue darauf, dass die britischen Gerichte zu demselben Schluss kommen werden. In Großbritannien nahm J&J seine talkumbasierten Produkte erst 2023 vom Markt, während dies in den USA bereits 2020 geschah.
Signalwirkung für weitere Verfahren
Sollte das Gericht den Klägerinnen und Klägern Recht geben, könnte der Fall Signalwirkung für Produkthaftungsklagen in Europa haben. Experten erwarten, dass sich dann auch in anderen EU-Ländern ähnliche Verfahren anschließen könnten.
In den Vereinigten Staaten laufen bereits mehr als 50.000 Klagen gegen Johnson & Johnson wegen angeblich krebserregender Talkumprodukte. Der Konzern hatte mehrfach versucht, die Verfahren über eine Tochtergesellschaft und Insolvenzverfahren abzuwickeln – bislang ohne Erfolg.
Vertrauen in Gesundheitsprodukte erschüttert
Für viele Betroffene ist der Rechtsstreit nicht nur eine juristische, sondern auch eine emotionale Auseinandersetzung. Sie fühlen sich von einem Unternehmen betrogen, dem sie über Jahrzehnte vertraut haben.
„Ich habe das Produkt benutzt, weil ich dachte, es sei sicher – jetzt kämpfe ich gegen Krebs“, sagte eine Klägerin laut The Times.
Die Entscheidung des High Court wird in den kommenden Monaten erwartet. Unabhängig vom Ausgang hat der Fall schon jetzt gezeigt, wie sehr Verbraucherschutz, Transparenz und Verantwortung in der Gesundheitsbranche wieder in den Mittelpunkt rücken müssen.
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