Eine 22-jährige Frau ist tot, fünf weitere Menschen wurden schwer verletzt, es fielen zahlreiche Schüsse aus mindestens zwei Waffen – und die Täter sind weiterhin auf der Flucht.
Man muss es so deutlich sagen: Das ist schwer nachvollziehbar.
Nach Angaben der Behörden hielten sich zum Zeitpunkt der Schüsse noch weit über 100 Menschen auf dem Gelände auf. Zuvor hatten an dem Rave offenbar Tausende Menschen teilgenommen. Kurz nach den Schüssen gingen die ersten Notrufe ein, und der Polizei war nach eigener Darstellung sofort klar, dass es sich um eine äußerst ernste Lage handelte.
Trotzdem gelang es dem oder den Tätern offenbar, zu entkommen.
Inzwischen läuft sogar eine nationale und internationale Fahndung.
Natürlich ist eine solche Situation chaotisch. Natürlich kann niemand erwarten, dass die Polizei innerhalb weniger Minuten jeden Tatverdächtigen identifiziert und festnimmt. Und selbstverständlich muss sauber ermittelt werden, bevor Personen öffentlich beschuldigt werden.
Aber Fragen müssen trotzdem erlaubt sein.
Wie kann man nach einer solchen Tat einfach verschwinden?
Nach bisherigen Angaben wurden Patronenhülsen gefunden, die auf mindestens zwei unterschiedliche Waffen hindeuten – eine Pistole beziehungsweise Maschinenpistole sowie ein Sturmgewehr.
Wir reden also nicht über einen kurzen Streit mit einem einzelnen Schuss.
Es sollen zahlreiche Schüsse gefallen sein.
Bei einer Veranstaltung mit vielen Besuchern.
Mit vielen möglichen Zeugen.
Und vermutlich auch mit Fahrzeugen, Mobiltelefonen, Videoaufnahmen, Fotos und digitalen Spuren.
Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie kann es unter diesen Umständen passieren, dass der oder die Schützen nicht unmittelbar festgestellt werden können?
Gab es keine verwertbaren Aufnahmen?
Hat niemand gesehen, wie die Täter das Gelände verlassen haben?
Gab es Fluchtfahrzeuge?
Wurden Zufahrtsstraßen kontrolliert?
Welche Erkenntnisse gibt es aus Mobilfunkdaten, Kennzeichen, Videoaufzeichnungen oder Zeugenaussagen?
Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, bleibt bei Außenstehenden ein erhebliches Unverständnis zurück.
Internationale Fahndung klingt groß – zeigt aber auch das Problem
Dass nun international gefahndet wird, ist selbstverständlich richtig.
Das Schweizer Bundesamt für Polizei hat Verbindungsoffiziere nach Aarau geschickt, um den Informationsaustausch zwischen den beteiligten Behörden zu verbessern.
Das zeigt, wie ernst die Situation genommen wird.
Gleichzeitig bedeutet eine internationale Fahndung aber eben auch: Die Ermittler müssen offenbar damit rechnen, dass sich die gesuchten Personen möglicherweise längst außerhalb des unmittelbaren Zugriffsbereichs befinden.
Und genau das ist der Punkt, der irritiert.
Wenn nach einer derart schweren Tat mit einer Toten und fünf Schwerverletzten erst Tage später grenzüberschreitend nach den Tätern gesucht werden muss, stellt sich automatisch die Frage, welche Möglichkeiten unmittelbar nach der Tat bestanden – und ob diese ausreichend genutzt werden konnten.
Bei mehr als 100 Menschen muss es Zeugen geben
Besonders erstaunlich ist die Zahl der Menschen, die sich zum Tatzeitpunkt noch auf dem Gelände befunden haben sollen.
„Weit über 100“ Personen waren laut Polizei noch vor Ort.
Das sind weit über 100 potenzielle Zeugen.
Natürlich hat nicht jeder etwas gesehen. In einer Paniksituation achten Menschen zuerst darauf, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Erinnerungen können zudem ungenau oder widersprüchlich sein.
Aber es erscheint kaum vorstellbar, dass bei einer derartigen Tat niemand entscheidende Beobachtungen gemacht haben soll.
Wie sahen die Täter aus?
Wie waren sie gekleidet?
Woher kamen sie?
Wohin liefen sie?
Gab es ein Fahrzeug?
Waren sie zuvor bereits auf dem Gelände aufgefallen?
All das sind Fragen, von denen man hoffen muss, dass sie inzwischen intensiv ausgewertet werden.
Die Polizei muss jetzt Ergebnisse liefern
Es wäre unfair, zum jetzigen Zeitpunkt so zu tun, als hätten die Schweizer Ermittlungsbehörden versagt. Außenstehende kennen weder sämtliche Spuren noch die laufenden operativen Maßnahmen.
Aber genauso falsch wäre es, keine kritischen Fragen zu stellen.
Eine junge Frau wurde erschossen. Fünf Menschen wurden schwer verletzt. Offenbar kamen mehrere Waffen zum Einsatz.
Und der oder die Täter sind noch immer nicht gefasst.
Das darf kein Zustand sein, an den man sich einfach gewöhnt.
Die internationale Fahndung muss deshalb jetzt schnell zu konkreten Ergebnissen führen.
Denn für die Angehörigen der getöteten 22-Jährigen, für die Verletzten und für die vielen Menschen, die diese Tat miterlebt haben, dürfte kaum etwas belastender sein als die Vorstellung, dass die Verantwortlichen weiterhin frei herumlaufen.
Die Schweizer Polizei steht deshalb unter enormem Druck. Und nach einer Tat dieses Ausmaßes ist dieser Druck auch gerechtfertigt.
Nicht, weil Ermittlungen immer sofort erfolgreich sein müssen.
Sondern weil eine Tat mit zahlreichen Schüssen, vielen Zeugen und mehreren Schwerverletzten am Ende nicht mit dem Satz stehen bleiben darf:
„Die Täter sind unbekannt und auf der Flucht.“
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