Kiew ist in der Nacht zum Sonntag Ziel eines massiven russischen Luftangriffs geworden. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland dabei Drohnen sowie unterschiedliche Typen von luft- und bodengestützten Raketen ein. Im Zentrum der Attacke stand demnach die ukrainische Hauptstadt.
Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von mehr als 40 Raketen unterschiedlicher Bauart, von denen die meisten auf Kiew abgefeuert worden seien. Zusätzlich habe Russland rund 120 Angriffsdrohnen gestartet. Der amtierende ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte, es habe sich um die größte Zahl ballistischer Raketen seit Beginn des russischen Angriffskrieges gehandelt.
Journalisten vor Ort berichteten von einem besonders intensiven Beschuss, der sich über etwa zwei Stunden in der Nacht konzentrierte. Am Sonntagmorgen lag Rauchgeruch über Teilen der Hauptstadt, während weiterhin Luftalarm galt.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe konnten 126 Ziele abgeschossen oder unschädlich gemacht werden, darunter 18 Raketen und 108 Drohnen. Dennoch schlugen 23 Raketen und zehn Drohnen an insgesamt 20 Orten ein. Bilder aus Kiew zeigten einen großen Einschlagskrater, beschädigte Gebäude und verkohlte Fassaden. Auch ein großes Logistiklager wurde schwer getroffen.
Die ukrainischen Rettungsdienste meldeten Einschläge in fünf Bezirken der Hauptstadt. In Kiew wurde mindestens ein Mensch getötet, 16 weitere wurden verletzt. Landesweit sprachen örtliche Behörden von mindestens 16 getöteten Zivilisten und 77 Verletzten innerhalb von 24 Stunden durch russische Drohnen- und Raketenangriffe. Besonders betroffen waren demnach die Regionen Charkiw und Donezk.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte einen „massiven Schlag“ auf Ziele in Kiew. Nach russischer Darstellung richtete sich der Angriff gegen Einrichtungen der Verteidigungsindustrie und Logistikzentren. Auf Telegram erklärte das Ministerium später: „Wir sind geladen und machen weiter.“
Der Angriff folgt auf schwere ukrainische Drohnenattacken auf zwei russische Logistikzentren am frühen Samstag, bei denen acht Menschen getötet worden sein sollen.
Selenskyj bezeichnete den Schutz vor ballistischen Raketen als eine der derzeit wichtigsten Aufgaben seines Landes. Die Ukraine fordert seit Langem zusätzliche Abfangsysteme, da ballistische Raketen wegen ihrer Geschwindigkeit und Flugbahn besonders schwer zu bekämpfen sind. Sie können mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintreten.
Militärexperten gehen davon aus, dass Russland die Häufigkeit kombinierter Raketen- und Drohnenangriffe weiter erhöht, um ukrainische Infrastruktur zu zerstören und die Luftverteidigung zu überlasten. Besonders kritisch ist für Kiew der begrenzte Vorrat an Patriot-Abfangraketen aus den USA. Diese Systeme gelten als besonders wichtig gegen ballistische Raketen, sind jedoch auch bei anderen US-Verbündeten stark nachgefragt.
Zwar soll die Produktion der Patriot-Systeme in den USA ausgeweitet werden, doch die Nachfrage übersteigt weiterhin das Angebot. Ein Vorschlag, die Ukraine künftig Patriot-Systeme in Lizenz herstellen zu lassen, dürfte nach Einschätzung von Fachleuten Monate oder sogar Jahre benötigen. Parallel arbeitet Kiew mit Frankreich und Italien an Vereinbarungen zur Produktion des europäischen Luftabwehrsystems SAMP/T.
Während Russland seine Angriffe auf ukrainische Städte fortsetzt, greift die Ukraine weiter russische Energie- und Logistikinfrastruktur an. Am Sonntag meldete das Konsortium der Kaspischen Pipeline, dass zwei Tanker an einem Exportterminal an der russischen Schwarzmeerküste getroffen worden seien. Die Ölverladung sei gestoppt worden, Verletzte habe es nicht gegeben. Dieselbe Anlage war bereits am Freitag angegriffen worden.
Die Ukraine erklärte zudem, sie habe mit einer Marinedrohne einen Tanker im Schwarzen Meer getroffen, der Teil der sogenannten russischen Schattenflotte gewesen sein soll. Außerdem seien nach Angaben des ukrainischen Sicherheitsdienstes drei Öldepots im Süden Russlands angegriffen worden.
Die jüngsten Attacken zeigen, dass beide Seiten ihre Angriffe auf kritische Infrastruktur ausweiten. Für die Ukraine bleibt dabei vor allem die Luftverteidigung gegen ballistische Raketen zur Überlebensfrage. Für Russland wiederum werden Energieexporte, Logistik und Versorgungsketten zunehmend zu Zielen ukrainischer Gegenschläge.
Kommentar hinterlassen