Chinas Geheimdienst hat ein neues nationales Sicherheitsrisiko entdeckt: junge Menschen mit Burnout, schlechter Laune und dem Wunsch, nicht ihr komplettes Leben für Überstunden und Eigentumswohnungen zu opfern. Verantwortlich dafür sollen natürlich nicht Wirtschaftskrise, Jugendarbeitslosigkeit oder der brutale Leistungsdruck sein – sondern finstere ausländische Mächte.
In einem dramatischen Video warnt das chinesische Sicherheitsministerium davor, dass „anti-chinesische Kräfte“ junge Menschen dazu verleiten würden, „lying flat“ zu praktizieren – also den gesellschaftlichen Dauerstress einfach nicht mehr mitzumachen. Übersetzt bedeutet das ungefähr: weniger Karrierewahn, weniger Selbstaufgabe und mehr „Lasst mich bitte in Ruhe“.
Für Pekings Sicherheitsapparat offenbar ein Angriff auf die nationale Stabilität.
Besonders bemerkenswert: Der Geheimdienst behauptet, ausländische Organisationen würden gezielt Influencer finanzieren, um chinesische Jugendliche emotional zu demoralisieren. Man könnte natürlich auch auf die Idee kommen, dass 14-Stunden-Arbeitstage, hohe Lebenshaltungskosten und sinkende Aufstiegschancen ausreichen, um Menschen zu frustrieren – aber das wäre vermutlich zu unpatriotisch.
Im Internet reagierten viele Chinesen entsprechend sarkastisch. Einige fragten scherzhaft, welche Länder denn Geld fürs „Nichtstun“ bezahlen würden und wo man sich bewerben könne. Andere bemerkten trocken, dass ausländische Mächte zumindest offenbar pünktlich zahlen würden – ein Seitenhieb auf chinesische Firmen, die in der Wirtschaftskrise teilweise monatelang keine Gehälter überwiesen haben.
Die Kampagne zeigt vor allem, wie nervös die chinesische Führung inzwischen auf gesellschaftliche Stimmungen reagiert. „Lying flat“ begann einst als ironischer Internetwitz – inzwischen behandelt der Staat das Thema fast wie ideologische Sabotage.
Dabei steckt hinter dem Trend eine ziemlich simple Botschaft: Viele junge Chinesen glauben nicht mehr daran, dass extremer Arbeitseinsatz automatisch zu Wohlstand führt. Das frühere Versprechen „arbeite hart und du wirst erfolgreich“ wirkt in Zeiten von Immobilienkrise, schwacher Konjunktur und harter Konkurrenz zunehmend brüchig.
Doch statt die Ursachen zu diskutieren, erklärt man die Frustration lieber zur geopolitischen Verschwörung. Das hat in autoritären Systemen Tradition: Wenn Menschen unzufrieden sind, muss eben irgendeine ausländische Kraft dahinterstecken.
Chinas Geheimdienst warnt inzwischen ohnehin vor allem: Wetterstationen, Karten-Apps, Studierende im Ausland, westliche Geheimdienste – und nun offenbar auch junge Leute, die einfach keine Lust mehr auf das Hamsterrad haben.
Die eigentliche Sorge der Führung dürfte dabei weniger Faulheit sein als Kontrollverlust. Denn wer anfängt, sich dem gesellschaftlichen Leistungsdruck zu entziehen, stellt am Ende vielleicht auch andere politische und wirtschaftliche Erwartungen infrage.
Und das ist für Peking vermutlich gefährlicher als jede ausländische Influencer-Kampagne.
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