Für Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ist die Niederlage von Viktor Orbán bei der Wahl in Ungarn weit mehr als nur eine schlechte Nachricht aus Europa. Es ist ein politischer Schlag ins Kontor. Denn ausgerechnet sein engster Verbündeter auf dem Kontinent, sein verlässlicher Blockierer in Brüssel und sein ideologischer Bruder im Geiste wurde nun von den Wählern aus dem Amt befördert – und zwar nicht leise, sondern ziemlich deutlich.
Man könnte auch sagen: Wenn der Lieblings-Illiberale Europas stürzt, wackelt in Jerusalem zumindest die Stimmung.
Netanjahu hatte Orbán offen unterstützt, ganz ohne diplomatische Zurückhaltung. Mit persönlicher Videobotschaft, warmen Worten und dem üblichen Pathos, das man sonst nur bei Wahlkampfhilfen unter Freunden kennt. Orbán stehe für „Sicherheit, Stabilität und Schutz“, erklärte Netanjahu. Sein Sohn Yair setzte noch einen drauf und bezeichnete Budapest fast schon als zweites Zuhause. Das ist natürlich nett, solange der Gastgeber auch tatsächlich gewinnt. Wenn nicht, wirkt es plötzlich eher wie ein schlecht gealterter Familienausflug mit politischem Beigeschmack.
Dass Netanjahu Orbán so offen hofierte, hatte handfeste Gründe. Orbán war für ihn in Europa das, was ein Türsteher für einen VIP-Bereich ist: der Mann, der unliebsame Gäste draußen hält. Wann immer die EU Israel kritisieren oder Sanktionen diskutieren wollte, stand Ungarn bereit und hob den Daumen nach unten. Da in Brüssel bei solchen Fragen oft Einstimmigkeit nötig ist, reichte ein Orbán, um ganz Europa kollektiv in den Leerlauf zu schicken.
Noch wertvoller wurde die Freundschaft, als der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Netanjahu im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg erließ. Budapest kündigte kurzerhand den Rückzug aus dem ICC an – und wurde damit zu einem der wenigen Orte, an denen Netanjahu einreisen konnte, ohne dass man ihm am Flughafen unangenehme Fragen oder gar Handschellen präsentiert. Wenn ein Staatsbesuch plötzlich wie eine Fluchtwegplanung klingt, weiß man, wie wertvoll loyale Freunde geworden sind.
Orbán war für Netanjahu also nicht einfach nur ein konservativer Partner. Er war politischer Schutzschirm, diplomatischer Bremsklotz und ideologischer Sparringspartner in Personalunion. Beide verbindet seit Jahren mehr als nur rechte Rhetorik. Beide eint ein tiefes Misstrauen gegenüber unabhängigen Institutionen, kritischen Medien und Gerichten, die sich anmaßen, nicht bloß als Deko im Staatsgefüge herumzustehen. Beide lieben das Narrativ vom starken Führer, der gegen Eliten, Liberale und internationale Einmischung kämpft. Und beide wissen, wie man aus Machtpolitik eine Dauerinszenierung macht.
Umso schmerzhafter dürfte für Netanjahu sein, was in Israel nun aus Orbáns Niederlage gemacht wird. Die Opposition dort reagiert fast euphorisch. Für sie ist das Ergebnis in Ungarn eine Art politischer Hoffnungsschimmer. Wenn selbst ein Mann wie Orbán, der über Jahre Institutionen umgebaut, Medienlandschaften zurechtgebogen und das System auf sich zugeschnitten hat, am Ende doch abgewählt werden kann, dann gilt plötzlich wieder ein alter demokratischer Gedanke: Auch betonierte Macht kann Risse bekommen.
Israels Opposition sieht darin nicht nur Symbolik, sondern eine konkrete Botschaft für die anstehende Wahl im Oktober. Seit Jahren warnen Kritiker Netanjahus davor, dass Israel auf einem gefährlichen Weg sei – weg von starken Kontrollmechanismen, weg von richterlicher Unabhängigkeit, weg von politischer Balance. Orbáns Ungarn galt vielen als abschreckendes Modell. „Israel wird nicht Ungarn“ war nicht umsonst eine der zentralen Parolen der Massenproteste gegen Netanjahus Justizumbau.
Und genau darin liegt der eigentliche politische Sprengstoff: Orbáns Niederlage ist für Israels Opposition der Beweis, dass selbst langjährige Machtapparate nicht unbesiegbar sind. Dass man einen Regierungschef nicht nur kritisieren, sondern auch tatsächlich ablösen kann. Vorausgesetzt, man bringt etwas zustande, das in Oppositionslagern oft seltener vorkommt als politische Vernunft auf X: Einigkeit.
Denn so inspirierend das Signal aus Budapest für Netanjahus Gegner auch sein mag – es ist noch lange kein Automatismus. Orbán wurde nicht allein deshalb geschlagen, weil er Orbán war. Er wurde geschlagen, weil sich gegen ihn eine Kraft formierte, die stark genug war, den Frust vieler Wähler zu bündeln. Genau das ist in Israel die große offene Frage. Netanjahus Gegner sind motiviert, empört, mobilisierungsfähig – aber traditionell auch meisterhaft darin, sich gegenseitig zu zerlegen, bevor der eigentliche Gegner ernsthaft in Gefahr gerät.
Netanjahu selbst versuchte am Montag, Haltung zu bewahren. Er lobte Orbán noch einmal als „wahren Freund Israels“, gratulierte dann aber pflichtschuldig Peter Magyar zum Wahlsieg. Politisch korrekt, diplomatisch sauber – und dennoch mit der stillen Erkenntnis im Hintergrund, dass gerade ein sehr nützlicher Verbündeter von der europäischen Landkarte der Macht verschwunden ist.
Für Netanjahu kommt das zur Unzeit. Wahljahr. Wachsende Kritik im Inland. Internationale Isolation. Juristischer Druck. Eine aufgeheizte Gesellschaft. Und nun fällt auch noch einer jener wenigen Partner weg, die ihm auf offener Bühne nicht nur Beifall klatschten, sondern im Zweifel sogar institutionellen Schutz organisierten.
Man muss also gar nicht übertreiben: Orbáns Niederlage ist für Netanjahu kein Weltuntergang – aber sie ist ein Warnsignal. Nicht, weil Ungarn und Israel identisch wären. Sondern weil sie zeigt, dass auch Politiker, die sich lange als unantastbar inszenieren, am Ende doch eine sehr unangenehme Begegnung mit dem Wahlzettel haben können.
Oder etwas weniger diplomatisch formuliert:
Wenn selbst der Mann fällt, der sich jahrelang wie Europas Dauerkanzler mit Sonderrechten aufführte, dann sollte auch Netanjahu nicht so tun, als sei Macht auf Lebenszeit inzwischen ein Naturgesetz.
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