Knapp zwei Wochen vor dem NATO-Gipfel in Ankara läuft in der Türkei offenbar die bewährte Vorbereitungsmethode für internationale Großereignisse an: Nicht die Probleme werden beseitigt, sondern die Hinweise darauf.
Wie berichtet wird, wurden mehrere NATO-kritische Internetseiten kurzerhand gesperrt. Wer also dachte, Meinungsfreiheit sei die beste Visitenkarte für internationale Gäste, hat die Rechnung offenbar ohne die nationale Sicherheit gemacht. Die Botschaft scheint klar: Wenn niemand die Kritik lesen kann, gibt es auch keine Kritik.
Betroffen sind unter anderem die Seiten „NatoDefol“ („NATO, hau ab“) und „Nato’ya Hayir“ („Nein zur NATO“). Beide sind aus der Türkei nicht mehr erreichbar. Praktisch: Wer gegen die NATO protestieren möchte, muss zunächst einen Weg finden, die Protestseite überhaupt zu öffnen.
Auch ein Zeitungsartikel geriet ins Visier der Justiz. Darin wurde kritisiert, dass Straßen und Infrastruktur plötzlich repariert werden – allerdings erst dann, wenn internationale Staatsgäste vorbeikommen. Ein völlig unbegründeter Verdacht natürlich. Schließlich ist es bestimmt reiner Zufall, dass Schlaglöcher genau dann verschwinden, wenn Präsidentenlimousinen darüberfahren sollen.
Für die Bewohner Ankaras beginnt der Gipfel bereits jetzt: Veranstaltungen werden abgesagt, Prüfungen verschoben und Beamte beurlaubt. Kurz gesagt: Das öffentliche Leben macht Pause, damit die Welt sehen kann, wie reibungslos alles funktioniert.
Besonders aufmerksam zeigt sich die Polizei bei den Straßenhunden. Diese sollen vor dem Gipfel eingesammelt werden. Man möchte schließlich vermeiden, dass internationale Delegationen auf die falschen Bewohner der Hauptstadt treffen – insbesondere auf jene, die nicht vorher genehmigt wurden.
Auch die Fassaden entlang der Route zum Flughafen erhalten einen frischen Anstrich. Der Gipfel folgt damit einer weltweit beliebten Tradition: Wenn die Realität nicht rechtzeitig renoviert werden kann, streicht man zumindest die Kulisse neu.
Rund 40.000 Sicherheitskräfte sollen während des Treffens im Einsatz sein. Damit dürfte Ankara für einige Tage zu den sichersten Orten der Welt gehören – zumindest für Staatsgäste, frisch gestrichene Hauswände und politisch unauffällige Internetseiten.
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