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Neue Studie zu NFL-Profis: Schwere Hirnerkrankung CTE blieb bei Entschädigungstests offenbar unerkannt

Mohamed_hassan (CC0), Pixabay
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Eine neue Studie der Boston University wirft kritische Fragen zum Entschädigungssystem für ehemalige NFL-Spieler auf. Demnach erhielten frühere Football-Profis, bei denen nach ihrem Tod eine fortgeschrittene chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) festgestellt wurde, bei den zu Lebzeiten vorgenommenen Untersuchungen teilweise die niedrigste Einstufung für kognitive Beeinträchtigungen.

Besonders auffällig: Mehrere der betroffenen Spieler zeigten bei Tests messbare Einschränkungen ihrer geistigen Leistungsfähigkeit. Trotzdem erfüllten sie nach dem Bewertungssystem des sogenannten NFL Concussion Settlement offenbar nicht die Voraussetzungen für eine finanzielle Entschädigung.

Forscher untersuchten 33 ehemalige NFL-Spieler

Für die am Mittwoch in „JAMA Network Open“ veröffentlichte Untersuchung analysierten Wissenschaftler 33 ehemalige NFL-Spieler. Bei allen war nach ihrem Tod durch eine Autopsie CTE diagnostiziert worden.

Die Spieler hatten zu Lebzeiten außerdem am sogenannten Baseline Assessment Program (BAP) teilgenommen. Dieses Untersuchungsprogramm ist Teil des 2014 vereinbarten NFL Concussion Settlement, mit dem ein jahrelanger Rechtsstreit beigelegt worden war.

Die Forscher verglichen nun erstmals in größerem Umfang die damaligen Ergebnisse der kognitiven Tests mit den später bei Autopsien festgestellten Veränderungen im Gehirn.

Sieben Spieler hatten fortgeschrittene CTE

Bei sieben der untersuchten ehemaligen NFL-Profis wurde nach dem Tod eine fortgeschrittene CTE der Stadien drei oder vier festgestellt.

Sechs dieser sieben Spieler hatten bereits zu Lebzeiten bei Tests messbare kognitive Einschränkungen gezeigt.

Trotzdem erhielten nach den den Forschern zur Verfügung gestellten Unterlagen alle sieben Spieler im BAP-System die Einstufung „Level 0“ – also die niedrigste Bewertung für eine Beeinträchtigung.

Genau diese Diskrepanz sehen die Wissenschaftler als problematisch.

Michael Alosco, Co-Direktor der klinischen Forschung am CTE Center der Boston University, erklärte, die diagnostischen Kriterien des Programms könnten Fälle kognitiver Beeinträchtigungen übersehen, die objektiv messbar seien und mit einer später bestätigten CTE-Erkrankung zusammenhingen.

Das könne erhebliche Auswirkungen auf ehemalige Spieler haben, die im Rahmen des NFL-Vergleichs eine Diagnose und möglicherweise eine Entschädigung anstreben.

USA TODAY Sports bat die NFL um eine Stellungnahme.

Gedächtnisprobleme besonders häufig

Die untersuchten Spieler waren zum Zeitpunkt der Tests durchschnittlich 63 Jahre alt. Ihr durchschnittliches Sterbealter lag bei 65 Jahren.

Am häufigsten stellten die Forscher Probleme mit dem Gedächtnis fest, insbesondere mit dem Kurzzeitgedächtnis. Davon waren 63 Prozent der Teilnehmer betroffen.

Bei 52 Prozent zeigten sich Einschränkungen sogenannter exekutiver Funktionen. Dazu gehören beispielsweise Planung, Entscheidungsfindung, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu organisieren.

Bei 41 Prozent wurden außerdem sprachliche Beeinträchtigungen festgestellt.

Forscher sehen möglichen Ansatz für Diagnose zu Lebzeiten

CTE stellt die Medizin vor ein grundsätzliches Problem: Die Erkrankung kann bislang zuverlässig erst nach dem Tod anhand von Gehirngewebe diagnostiziert werden.

Gerade deshalb ist der Vergleich zwischen den zu Lebzeiten erhobenen Testergebnissen und den späteren Autopsiebefunden für die Forscher von besonderer Bedeutung.

Studienleiterin Anna Aaronson vom CTE Center der Boston University bezeichnete die Untersuchung als bislang größte Studie ihrer Art, die das Ausmaß der nach dem Tod festgestellten CTE-Veränderungen direkt mit objektiven kognitiven Tests zu Lebzeiten verknüpft.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler könnten die Ergebnisse dabei helfen, charakteristische Beeinträchtigungen bei lebenden Patienten künftig besser zu erkennen.

Milliardenvergleich sollte ehemalige Spieler entschädigen

Der Hintergrund der Untersuchung ist der jahrelange Streit über die gesundheitlichen Folgen wiederholter Kopfverletzungen im American Football.

Das 2014 vereinbarte NFL Concussion Settlement entstand nach einer Sammelklage ehemaliger Spieler und sollte finanzielle Leistungen für bestimmte neurologische Erkrankungen ermöglichen.

Bis zum 31. August 2026 wurden im Rahmen des Vergleichs insgesamt rund 1,7 Milliarden Dollar ausgezahlt.

Die neue Untersuchung behauptet nicht, dass sämtliche Entschädigungsentscheidungen des Programms falsch seien. Sie legt jedoch nahe, dass die verwendeten Diagnosekriterien bestimmte Formen kognitiver Beeinträchtigung möglicherweise nicht ausreichend erfassen.

Studie wirft neue Fragen zum Bewertungssystem auf

Für die betroffenen Familien dürfte vor allem eine Frage im Mittelpunkt stehen: Wie kann ein Spieler bei Tests die niedrigste Beeinträchtigungsstufe erhalten, wenn später eine schwere CTE-Erkrankung festgestellt wird und bereits zu Lebzeiten messbare kognitive Probleme vorhanden waren?

Genau hier sehen die Wissenschaftler weiteren Forschungs- und möglicherweise Überprüfungsbedarf.

Die Studie umfasst allerdings lediglich 33 ehemalige NFL-Spieler. Aus den Ergebnissen lässt sich daher nicht automatisch ableiten, wie häufig solche Abweichungen im gesamten Entschädigungsprogramm auftreten.

Dennoch liefert die Untersuchung einen bemerkenswerten Hinweis: Zwischen medizinisch messbaren Beeinträchtigungen, den Kriterien eines Entschädigungssystems und einer erst nach dem Tod sicher feststellbaren Erkrankung kann eine erhebliche Lücke bestehen.

Und für ehemalige Profis, bei denen es nicht nur um eine medizinische Diagnose, sondern möglicherweise auch um finanzielle Unterstützung geht, kann genau diese Lücke entscheidend sein.

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