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Manchester City und die Milliardenfrage: Wenn Financial Fair Play plötzlich sehr theoretisch wirkt

jorono (CC0), Pixabay
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Im englischen Fußball herrscht derzeit ungefähr die Stimmung, die entsteht, wenn man nach Jahren feststellt, dass beim Monopoly offenbar einer heimlich mit echtem Geld gespielt hat.

Im Mittelpunkt:

Manchester City.

Der Klub, der in den vergangenen Jahren Titel gesammelt hat wie andere Vereine Fan-Schals, sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, die selbst im milliardenschweren Profifußball außergewöhnlich sind.

Es geht um angebliche Schein-Sponsorenverträge, möglicherweise verschleierte Finanzierungen und um die Frage, ob über Jahre hinweg gewaltige Summen in den Klub geflossen sein sollen, ohne dass dies ordnungsgemäß gegenüber der Premier League offengelegt wurde.

Manchester City weist die Vorwürfe weiterhin zurück.

Doch in der Premier League wird offenbar längst über die nächste Frage diskutiert:

Was macht man eigentlich mit einem Klub, wenn am Ende tatsächlich Verstöße dieses Ausmaßes festgestellt werden?

Und genau hier beginnt der Teil, bei dem selbst englische Fußballfunktionäre plötzlich sehr nachdenklich werden.

Die Premier League entdeckt den Anwalt als Neuzugang

Andere Vereine verpflichten normalerweise Stürmer, Innenverteidiger oder Torhüter.

In den vergangenen Tagen sollen zahlreiche Premier-League-Klubs dagegen eine ganz andere Position verstärkt haben:

die Rechtsabteilung.

Renommierte Juristen wurden offenbar damit beschäftigt, umfangreiche Entscheidungen und Dokumente rund um Manchester City zu analysieren.

Denn anscheinend genügt inzwischen kein Fußball-Sachverstand mehr, um die Tabelle zu verstehen.

Man braucht zusätzlich:

einen Fachanwalt für Wirtschaftsrecht,

einen Spezialisten für Finanzregulierung

und vermutlich jemanden, der 800 Seiten Fußnoten freiwillig liest.

Früher fragte man:

„War der Ball drin?“

Heute fragt man:

„War dieser Sponsorenvertrag wirtschaftlich marktüblich und vollständig offengelegt?“

Fortschritt ist eben relativ.

Von „Financial Fair Play“ blieb möglicherweise vor allem das Wort „Financial“

Im Raum stehen Vorwürfe, nach denen über viele Jahre erhebliche Finanzmittel verschleiert worden sein sollen.

Es geht um Summen, die sich nach der Darstellung des vorliegenden Berichts auf nahezu eine Milliarde Euro belaufen könnten.

Das wäre dann eine interessante Interpretation des Begriffs „Financial Fair Play“.

Financial?

Ganz sicher.

Fair?

Darüber streitet man gerade.

Play?

Oh ja. Und zwar offenbar mit sehr vielen Juristen.

Jetzt diskutiert man über 200 Minuspunkte

Unter den möglichen Sanktionen kursieren inzwischen Maßnahmen, bei denen selbst ein Tabellenrechner Nervosität entwickeln dürfte.

Diskutiert werden offenbar unter anderem massive Punktabzüge.

Bis zu 200 Punkte über mehrere Spielzeiten stehen als mögliche Größenordnung im Raum.

200 Punkte.

Damit könnte Manchester City vermutlich schon im August wissen:

Die Champions League wird schwierig.

Selbst Pep Guardiola müsste dann wahrscheinlich feststellen, dass Ballbesitz allein nicht alle Probleme löst.

„Wir hatten 74 Prozent Ballbesitz.“

„Ja, Pep. Aber minus 63 Punkte.“

Manche würden City offenbar gerne ganz aus der Premier League werfen

Noch drastischer ist die Forderung einiger Verantwortlicher, Manchester City vollständig aus der Premier League auszuschließen.

Und damit nicht genug.

Teilweise soll sogar darüber gesprochen werden, den Klub nicht einfach in die zweite Liga zu schicken.

Offenbar denken manche darüber nach, City gleich aus dem gesamten professionellen Ligasystem der English Football League herauszunehmen.

Das wäre sportlich ungefähr der Unterschied zwischen:

„Du musst nachsitzen.“

und

„Wir haben deine Schule abgerissen.“

Aber wohin mit Manchester City?

Genau hier beginnt das praktische Problem.

Wenn City aus der Premier League fliegt:

Wo spielt der Klub dann?

Champions League vermutlich eher nicht.

Championship vielleicht auch nicht.

Sonntagvormittags auf Platz drei hinter dem Pub?

Man stelle sich vor:

Manchester City gegen „Red Lion FC“.

Anstoß 10.30 Uhr.

Eintritt frei.

Erling Haaland muss danach noch Würstchen verkaufen.

Und was passiert mit den Meisterschaften?

Noch komplizierter wird es bei den bereits gewonnenen Titeln.

Manchester City hat in den vergangenen Jahren die Premier League geprägt wie kaum ein anderer Klub.

Sollten Regelverstöße für Zeiträume festgestellt werden, in denen Meisterschaften gewonnen wurden, stellt sich automatisch die Frage:

Was passiert mit diesen Titeln?

Werden sie aberkannt?

Bleiben sie bestehen?

Werden andere Vereine nachträglich Meister?

Und vor allem:

Wie feiert man eigentlich eine Meisterschaft acht Jahre später?

„Herzlichen Glückwunsch, Liverpool. Ihr seid Meister 2018.“

„Danke. Gibt es noch eine Parade?“

„Nein, aber wir schicken euch die Tabelle als PDF.“

Der Fußball entdeckt rückwirkende Gefühle

Bei Spielern, Trainern und Vereinen könnte sich außerdem eine ganz neue juristische Branche entwickeln:

entgangene Fußballfreude.

Denn wenn ein Verein aufgrund möglicher Regelverstöße sportliche Vorteile hatte, könnten andere argumentieren:

Uns sind Einnahmen entgangen.

Uns ist eine Champions-League-Teilnahme entgangen.

Uns ist vielleicht sogar ein Titel entgangen.

Und plötzlich diskutiert nicht mehr nur der Fußballverband.

Dann diskutieren Gerichte.

Jahrelang.

Vielleicht jahrzehntelang.

Der englische Fußball könnte irgendwann so viele Verfahren haben, dass jedes Premier-League-Spiel sicherheitshalber gleichzeitig in einem Gerichtssaal übertragen wird.

500 Millionen Euro offene Transferzahlungen sorgen für Nervosität

Besonders interessant wird die Sache beim Geld.

Nach den im Bericht genannten Zahlen soll Manchester City anderen Vereinen zum Stichtag 30. Juni 2025 noch rund 500 Millionen Euro an Transferzahlungen geschuldet haben.

Dem Klub selbst standen demnach noch Forderungen von rund 112 Millionen Euro zu.

Das ist im Fußball völlig üblich:

Transfers werden oft in Raten bezahlt.

Nur bekommt diese Praxis plötzlich eine andere Bedeutung, wenn gleichzeitig diskutiert wird, ob ein Klub womöglich aus einer Liga ausgeschlossen werden könnte.

Denn die anderen Vereine möchten dann natürlich gerne wissen:

„Bekommen wir unser Geld noch?“

Fußballromantik endet erfahrungsgemäß spätestens bei der Buchhaltung.

Die Super League wartet vermutlich schon mit offenen Armen

Ein weiteres Schreckgespenst heißt:

Super League.

Sollte Manchester City aus der Premier League ausgeschlossen werden, könnte die Idee einer europäischen Abspaltung plötzlich wieder interessant werden.

Man kann sich das Gespräch ungefähr vorstellen:

„Ihr wollt uns nicht mehr in der Premier League?“

„Richtig.“

„Dann bauen wir eben unsere eigene Liga.“

„Das habt ihr schon einmal versucht.“

„Ja. Diesmal mit besseren Anwälten.“

Im europäischen Fußball sollte man deshalb vermutlich schon einmal vorsichtshalber prüfen, ob irgendwo noch ein altes Super-League-Logo herumliegt.

Ohne City wäre die Premier League ärmer – möglicherweise auch langweiliger

Und dann gibt es noch ein unangenehmes Argument.

Manchester City ist sportlich und wirtschaftlich ein gigantischer Faktor.

Der Klub zieht internationale Zuschauer an.

Er beschäftigt Weltstars.

Er erzeugt enorme TV-Reichweiten.

Er spielt regelmäßig um nationale und internationale Titel.

Ein Ausschluss könnte deshalb auch der Premier League selbst schaden.

Das macht die Situation so unangenehm.

Denn eine Liga muss eigentlich Regeln durchsetzen.

Aber sie muss gleichzeitig berücksichtigen, dass einer ihrer wertvollsten Klubs betroffen sein könnte.

Das ist ungefähr so, als müsste ein Restaurant entscheiden, ob es seinen besten Kunden hinauswirft, nachdem dieser angeblich seit Jahren seine eigene Rechnung schreibt.

Manche Klubs schauen plötzlich nervös auf ihre eigene Buchhaltung

Besonders charmant ist noch ein anderer Punkt.

Einige Vereine sollen sich Sorgen machen, ob bei einer besonders harten Auslegung der Regeln möglicherweise auch ihre eigenen Finanzierungsmodelle genauer untersucht werden könnten.

Natürlich alles viel kleiner.

Natürlich alles völlig anders.

Natürlich alles regelkonform.

Selbstverständlich.

Aber vielleicht schaut der eine oder andere Finanzchef gerade trotzdem noch einmal in den Ordner mit der Aufschrift:

„Sponsoring – bitte nicht unnötig öffnen.“

Der Lance-Armstrong-Vergleich macht die Runde

Intern sollen manche Verantwortliche inzwischen sogar Vergleiche zum Doping-Skandal um Lance Armstrong ziehen.

Das ist ein bemerkenswerter Vergleich.

Armstrong gewann jahrelang.

Er dominierte seinen Sport.

Und irgendwann stand die Frage im Raum, ob diese Erfolge unter Bedingungen erzielt wurden, die mit den Regeln nicht vereinbar waren.

Ob dieser Vergleich bei Manchester City tatsächlich trägt, ist eine andere Frage.

Fest steht:

Er zeigt, wie emotional die Stimmung inzwischen geworden ist.

City zeigt sich offenbar wenig zerknirscht

Zusätzlichen Ärger verursacht offenbar die Haltung des Klubs.

Manchester City bestreitet die Vorwürfe weiterhin und geht juristisch dagegen vor.

Andere Vereinsvertreter hätten sich offenbar eine versöhnlichere Haltung gewünscht.

Das klingt ein wenig nach:

„Ihr könnt euch ja verteidigen, aber könntet ihr dabei bitte etwas schuldbewusster aussehen?“

Das Problem:

Wer sich für unschuldig hält, wird normalerweise nicht freiwillig auftreten wie jemand, der gerade beim Abschreiben erwischt wurde.

Und genau deshalb dürfte der Ton in den kommenden Monaten kaum freundlicher werden.

Politik ist plötzlich auch dabei

Als wäre Fußball nicht kompliziert genug, spielt inzwischen sogar internationale Politik eine Rolle.

Manchester City gehört zur City Football Group, die mit Abu Dhabi verbunden ist.

Sollte es zu extremen Maßnahmen gegen Eigentümer oder Vereinsstrukturen kommen, könnten auch wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten berührt werden.

Dann wäre aus einem Streit über Fußball-Finanzen endgültig ein internationales Thema geworden.

Früher brauchte man für ein Fußballspiel:

22 Spieler.

Einen Ball.

Einen Schiedsrichter.

Heute braucht man offenbar zusätzlich:

Regierungsvertreter,

Wirtschaftsjuristen,

Diplomaten,

Forensiker

und einen sehr großen Taschenrechner.

Die Premier League sitzt selbst mit auf der Anklagebank

Am Ende geht es längst nicht mehr nur um Manchester City.

Es geht um die Glaubwürdigkeit der gesamten Premier League.

Wenn schwere Regelverstöße tatsächlich rechtskräftig festgestellt würden und die Strafe am Ende kaum spürbar wäre, könnten andere Vereine fragen:

Warum sollen wir uns dann überhaupt an Finanzregeln halten?

Wenn die Strafe dagegen maximal hart ausfällt, könnte die Liga einen ihrer wichtigsten Klubs beschädigen oder verlieren.

Es gibt deshalb möglicherweise keine Lösung, bei der anschließend alle zufrieden sind.

Was im Fußball eigentlich nichts Neues wäre.

Neu ist nur die Dimension.

Vielleicht führt die Premier League bald neue Tabellen ein

Angesichts der Lage könnte man künftig mehrere Tabellen brauchen.

Die sportliche Tabelle.

Die Finanztabelle.

Die Anwaltstabelle.

Und vielleicht eine vorsorgliche Tabelle nach sämtlichen möglichen Punktabzügen.

Manchester City:

Platz 1 sportlich.

Platz 20 juristisch.

Platz 3 nach Berufung.

Meister nach CAS-Entscheidung.

Absteiger nach Fußnote 742 Absatz 3.

Das wäre zumindest konsequent.

Fazit: Der teuerste Fußball der Welt bekommt möglicherweise seine teuerste Gerichtsserie

Manchester City hat den englischen Fußball sportlich über Jahre geprägt.

Nun könnte ausgerechnet die finanzielle Konstruktion hinter diesem Erfolg zum größten Problem des Klubs werden.

Wie hart eine mögliche Sanktion ausfällt, ist noch offen.

Punktabzug?

Titelverlust?

Ausschluss?

Geldstrafe?

Alles zusammen?

Oder am Ende deutlich weniger?

Bis darüber entschieden ist, dürfte nur eines sicher sein:

Die erfolgreichste Mannschaft auf dem Platz ist derzeit vermutlich die Rechtsabteilung.

Denn während Pep Guardiola normalerweise versucht, elf Gegner auseinanderzuspielen, müssen die Anwälte von Manchester City jetzt offenbar ein ganz anderes System knacken.

Und dafür gibt es leider keine Taktiktafel.

Redaktioneller Hinweis: Manchester City weist die gegen den Klub erhobenen Vorwürfe zurück und nutzt die ihm zur Verfügung stehenden Rechtsmittel. Über Art und Umfang möglicher Sanktionen ist nach dem zugrunde liegenden Bericht noch nicht abschließend entschieden. Im Artikel genannte mögliche Strafen und Reaktionen anderer Vereine sind daher als diskutierte Szenarien und nicht als bereits verhängte Maßnahmen zu verstehen.

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