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„Literarisches Attentat“ auf Natalie Portman? Rachel Cusks neuer Roman sorgt für Hollywood-Wirbel

Maklay62 (CC0), Pixabay
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Ist „Life of M“, der neue Roman der britischen Schriftstellerin Rachel Cusk, in Wahrheit ein kaum verhülltes Porträt von Natalie Portman? Genau diese Frage beschäftigt derzeit Literaturwelt und Hollywood. Denn die fiktive Schauspielerin „M“ weist auffällig viele Gemeinsamkeiten mit dem realen Filmstar auf – von ihrer Karriere als Kinderstar über berühmte Filmrollen bis hin zu einem großen Werbevertrag.

Cusk selbst hält sich bedeckt. Ob ihre Figur tatsächlich auf einer realen Person beruhe, sei letztlich „nicht wirklich der Punkt“, erklärte sie. Doch je genauer Leser hinschauen, desto schwieriger wird es, die Parallelen zu übersehen.

Eine Schauspielerin namens „M“ – und erstaunlich viele Zufälle

„Life of M“ erzählt von einer berühmten Schauspielerin und einer namenlosen, geschlechtsneutral gehaltenen Schriftstellerfigur.

Gleich zu Beginn erklärt der Erzähler, er habe M vorgeschlagen, ihre Autobiografie zu schreiben. Zunächst gefällt ihr die Idee. Später allerdings fühlt sie sich durch die Darstellung verletzt.

Damit stellt Cusk eine ziemlich explosive Frage in den Mittelpunkt ihres Romans: Wem gehört eigentlich eine Lebensgeschichte – dem Menschen, der sie erlebt hat, oder dem Schriftsteller, der daraus Literatur macht?

Besonders brisant wurde diese Konstruktion, weil Kulturjournalistin Valerie Stivers bereits vor Erscheinen des Romans behauptete, das Buch sei ein „dunkles Porträt“ Natalie Portmans. Zugleich berichtete sie, die Schauspielerin sei über das Ergebnis alles andere als glücklich.

Ob Portman Cusk jemals tatsächlich gestattet hat, Elemente ihres Lebens literarisch zu verwenden, ist allerdings nicht belegt.

Portman bewunderte Rachel Cusk öffentlich

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Verbindung zwischen den beiden Frauen nicht.

Portman und Cusk leben beide in Paris und sind sich bereits begegnet. Portman nahm gleich zwei Romane Cusks in ihren Buchclub auf, interviewte die Schriftstellerin und äußerte öffentlich große Bewunderung für deren Arbeit.

Wie eng die beiden tatsächlich miteinander bekannt sind, bleibt jedoch unklar. Eine Quelle erklärte gegenüber „Vanity Fair“, sie hätten nie besonders viel miteinander zu tun gehabt.

Damit beginnt bereits das zentrale Problem der ganzen Affäre: Vieles sieht verdächtig passend aus – aber nur wenig ist eindeutig belegt.

Von „Léon“ bis „Black Swan“: Die Parallelen sind auffällig

Besonders deutlich wird die vermeintliche Verbindung bei der Karriere der Romanfigur.

M wird bereits als Kind durch einen Film mit einem wesentlich älteren männlichen Co-Star berühmt – ein Erlebnis, das laut Roman ihre Kindheit abrupt beendet.

Das erinnert stark an Portmans Durchbruch im Film „Léon – Der Profi“ von 1994.

Doch damit nicht genug.

M ist das Werbegesicht einer großen Marke und wird in Anzeigen zwischen rosafarbenen Blumen inszeniert. Natalie Portman wiederum ist seit Jahren eng mit dem Parfüm Miss Dior verbunden.

Auch einige Filmrollen wirken verblüffend vertraut: Die fiktive M spielt unter anderem eine psychisch belastete Primaballerina sowie eine Überlebende eines Schulmassakers, die später zum Popstar wird.

Portman spielte sehr ähnliche Figuren in „Black Swan“ und „Vox Lux“.

Irgendwann wird aus Zufall zumindest ein bemerkenswert großer Zufallshaufen.

Freunde Portmans sollen verärgert sein

Natalie Portman selbst hat sich bislang nicht öffentlich zu dem Romanstreit geäußert.

„Vanity Fair“ berichtete jedoch unter Berufung auf eine Quelle, Freunde der Schauspielerin seien über die Darstellung verärgert. Die Figur M habe abgesehen von ihrem beruflichen Lebenslauf nur wenig mit der tatsächlichen Natalie Portman gemeinsam.

Der britische „Telegraph“ ging noch weiter und bezeichnete den Roman sogar als eine Art „literarisches Attentat“ auf Portman.

Tatsächlich kommt M in dem Buch nicht besonders sympathisch davon.

Sie erscheint zwar oberflächlich charmant, zugleich aber herablassend, emotional distanziert und stark auf Äußerlichkeiten fixiert. In einer Szene begegnet sie einer Verkäuferin, deren Gesicht ihrem ähnelt, deren Körper jedoch kräftiger ist. Anschließend beschäftigt M sich gedanklich ausführlich damit, wie sehr ein anderer Körper ihr eigenes Schicksal verändert hätte.

Wenn Leser in dieser Figur Natalie Portman sehen, kann eine solche Darstellung entsprechend unangenehm wirken.

Doch vielleicht führt genau diese Annahme in die Falle

Und hier wird Cusks Roman interessanter als der reine Hollywood-Klatsch.

Denn alles, was der Leser über M erfährt, wird durch den Erzähler vermittelt. Die Darstellung ist damit ausdrücklich konstruiert.

Wer automatisch davon ausgeht, M müsse Natalie Portman sein, macht möglicherweise genau das, wovon der Roman handelt: Er konstruiert aus einzelnen Informationen eine vermeintliche Wahrheit über einen anderen Menschen.

Cusk spielt damit offenbar bewusst mit der Erwartung des Publikums.

Wir glauben, Prominente zu kennen, weil wir ihre Filme gesehen, Interviews gelesen und Fotos betrachtet haben. Tatsächlich kennen wir vor allem eine öffentliche Erzählung über diese Menschen.

Rachel Cusk kennt literarische Kontroversen bestens

Dass ausgerechnet Rachel Cusk eine solche Debatte auslöst, überrascht kaum.

Die britische Autorin veröffentlicht seit 1993 und gilt als eine der provokanteren Stimmen der zeitgenössischen Literatur. Immer wieder verwischt sie die Grenze zwischen autobiografischer Erfahrung und Fiktion.

Bereits ihre Memoiren sorgten für heftige Reaktionen.

In „A Life’s Work“ von 2001 beschrieb sie schonungslos ihre Erfahrungen mit früher Mutterschaft. Was damals Empörung hervorrief, gilt inzwischen teilweise als Wegbereiter für offenere literarische Auseinandersetzungen mit Mutterschaft.

Noch handfestere Konsequenzen hatte „The Last Supper: A Summer in Italy“.

Ein Mann, den Cusk während eines Urlaubs kennengelernt hatte, erkannte sich in dem 2009 erschienenen Buch wieder und klagte wegen der wenig schmeichelhaften Darstellung. Der Verlag musste daraufhin die erste Auflage einstampfen.

Cusk machte die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion zum Prinzip

Nach den heftigen Reaktionen auf ihre Scheidungsmemoiren „Aftermath“ erklärte Cusk später, sie habe eine Art „kreativen Tod“ erlebt.

Traditionelle Memoiren erschienen ihr problematisch, weil sie damit Menschen verärgere und missverstanden werde. Klassische Fiktion empfand sie wiederum als künstlich.

Ihre Lösung war Autofiktion – eine Literaturform, die autobiografische Elemente mit erfundenen Figuren und Situationen verbindet.

Besonders erfolgreich setzte sie diesen Ansatz in ihrer gefeierten „Outline“-Trilogie um. Darin tritt die Schriftstellerin Faye auf, die deutliche Ähnlichkeiten mit Cusk selbst besitzt und vor allem durch Gespräche mit anderen Menschen charakterisiert wird.

Auch dort fühlten sich reale Personen gelegentlich wiedererkannt.

Ist „Life of M“ überhaupt ein Hollywood-Enthüllungsroman?

Wer das Buch ausschließlich deshalb kauft, weil er auf pikante Enthüllungen über Natalie Portman hofft, könnte allerdings enttäuscht werden.

Die vermeintlichen Portman-Parallelen sind möglicherweise eher Köder oder Projektionsfläche als eigentlicher Inhalt.

Im Kern beschäftigt sich „Life of M“ weniger mit einem bestimmten Star als mit dem Konzept des Berühmtseins selbst: Wie verändert Ruhm die eigene Identität? Wann spielt ein Mensch nur noch eine Rolle? Und gibt es hinter einer perfekt gepflegten öffentlichen Persönlichkeit überhaupt noch ein „authentisches“ Ich?

Gerade eine Schauspielerin eignet sich für diese Fragen besonders gut, weil ihr Beruf ohnehin darin besteht, ständig andere Identitäten anzunehmen.

Kritiker reagieren eher kühl

Literarisch hat „Life of M“ bislang allerdings keine uneingeschränkte Begeisterung ausgelöst.

Der Roman umfasst lediglich 183 Seiten und wechselt zwischen drei Perspektiven. Neben dem Ich-Erzähler gibt es Passagen über M in der dritten Person sowie rätselhafte Abschnitte, die von einem nicht näher bestimmten „Wir“ erzählt werden.

Die experimentelle Konstruktion beeindruckt einige Kritiker, andere empfinden sie als distanziert und schwer zugänglich.

Die „New York Times“ bezeichnete den Roman als kühl und abstrakt. „The New Yorker“ nannte ihn sogar Cusks bislang schwächsten Roman. Der „Guardian“ formulierte etwas freundlicher: Es sei ein Buch, das man enorm bewundern könne – aber nicht unbedingt lieben müsse.

Der Skandal könnte selbst Teil des literarischen Experiments sein

Cusk weist die ganze Aufregung jedenfalls zurück. Für sie sei „Life of M“ ein gewagter und ungewöhnlicher Roman – aber weder ein Skandal noch Stoff für Klatsch.

Das Problem: Dafür ist es inzwischen wohl zu spät.

Die Kombination aus Natalie Portman, Hollywood, einem wenig schmeichelhaften fiktiven Filmstar und einer Autorin, die seit Jahrzehnten bewusst mit der Grenze zwischen Realität und Literatur spielt, ist praktisch eine Einladung zur öffentlichen Spurensuche.

Vielleicht liegt darin sogar die größte Ironie von „Life of M“: Ein Roman darüber, wie Menschen Identitäten konstruieren, hat sein Publikum dazu gebracht, aus einer erfundenen Figur unbedingt einen realen Menschen machen zu wollen.

Ob M tatsächlich Natalie Portman ist, bleibt unbeantwortet.

Dass inzwischen fast alle darüber reden, als könnte sie es sein, dürfte Rachel Cusk kaum entgangen sein.

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