Mit der neuen Themenwelt „Feuerland“ hat der Zoo Leipzig zweifellos eine beeindruckende Anlage geschaffen. Pinguine, Seelöwen, eine weitläufige Wasserlandschaft und ein rund 100 Meter langer Unterwassertunnel sollen Besucherinnen und Besuchern Tierwelten näherbringen, die sie ansonsten kaum aus dieser Perspektive erleben könnten. Die ersten Gäste zeigten sich von der neuen Anlage entsprechend begeistert.
Doch so beeindruckend „Feuerland“ auch sein mag: Gleichzeitig stellt sich eine ganz andere Frage, die weit über Pinguine, Seelöwen und spektakuläre Unterwassertunnel hinausgeht:
Für wen ist der Leipziger Zoo eigentlich noch da?
Ab dem 2. September steigt der Eintrittspreis für Erwachsene auf 27 Euro inklusive Artenschutz-Euro. Das sind noch einmal zwei Euro mehr als bisher. Der Besuch von „Feuerland“ kostet zwar keinen zusätzlichen Eintritt – doch letztlich bezahlen alle Besucherinnen und Besucher die neue Anlage über den gestiegenen Gesamtpreis mit.
27 Euro für eine einzelne erwachsene Person mögen für manche noch vertretbar erscheinen. Doch Familien rechnen anders. Sobald mehrere Personen Eintritt zahlen, kommen schnell Beträge zusammen, die für Menschen mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Rentnerinnen und Rentner oder Familien mit mehreren Kindern eine erhebliche Belastung darstellen. Hinzu kommen Anfahrt, möglicherweise Parkgebühren sowie Essen und Getränke.
Aus einem spontanen Familienausflug kann so schnell ein Luxus werden.
Ein Zoo darf kein Freizeitvergnügen nur für Besserverdienende werden
Genau hier liegt das Problem der neuen Preisgestaltung.
Ein Zoo ist eben nicht einfach nur ein Freizeitpark. Sein gesellschaftlicher Anspruch geht weit darüber hinaus. Ein moderner Zoo soll Menschen für Tiere und Natur begeistern, Wissen vermitteln, über bedrohte Arten informieren und Artenschutzprojekte unterstützen. Kinder sollen dort Tiere erleben können, die sie sonst höchstens aus Büchern, Filmen oder dem Internet kennen.
Gerade diese Bildungsfunktion macht einen Zoo zu einem besonderen Ort.
Im neuen „Feuerland“ wird dieser Anspruch durchaus sichtbar. Auf einer großen LED-Wand sollen unter anderem Informationen über das Artenschutzengagement des Zoos vermittelt werden. Auch das begehbare Erlebnis und die unmittelbare Beobachtung der Tiere sollen Nähe zur Natur schaffen.
Doch genau deshalb muss man fragen: Was nützt der schönste Bildungsort, wenn sich ein zunehmender Teil der Bevölkerung den Eintritt nicht mehr leisten kann?
Naturbildung darf keine Frage des Geldbeutels sein.
Wer Artenschutz vermitteln will, muss möglichst viele Menschen erreichen
Zoos begründen ihre Existenz heute zu Recht nicht allein mit Unterhaltung. Sie verstehen sich als Einrichtungen für Artenschutz, Forschung und Bildung. Daraus entsteht aber auch eine gesellschaftliche Verantwortung.
Wer Kindern erklären möchte, warum Artenvielfalt wichtig ist, sollte nicht gleichzeitig durch immer höhere Eintrittspreise dafür sorgen, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien draußen bleiben.
Ein Zoo für alle bedeutet nicht, dass ein Zoobesuch kostenlos sein muss. Natürlich kosten Tierhaltung, Personal, Energie, Instandhaltung und moderne Anlagen viel Geld. Hochwertige und tiergerechte Gehege gibt es nicht zum Nulltarif.
Auch „Feuerland“ ist eine aufwendige Anlage. Der Zoo hat hier nach jahrelanger Planung eine Themenwelt geschaffen, die international Aufmerksamkeit bekommen dürfte. Der Präsident des Europäischen Zooverbandes bezeichnete „Feuerland“ sogar als Beispiel dafür, was moderne Zoos heute sein könnten und sein müssten.
Das alles darf anerkannt werden.
Aber hohe Investitionen dürfen nicht automatisch bedeuten, dass die Rechnung immer weiter an die Besucherinnen und Besucher weitergegeben wird.
Besonders kritisch: Ein öffentlich bedeutender Zoo muss gesellschaftlich zugänglich bleiben
Der Leipziger Zoo ist ein Aushängeschild der Stadt. Er gehört zu Leipzig und wird auch politisch als wichtiger Bestandteil der Stadtentwicklung gesehen. Oberbürgermeister Burkhard Jung bezeichnete „Feuerland“ bei der Eröffnung als „unglaubliche Werbung für die Stadt“. Nach Angaben des vorliegenden Berichts hat die Stadt Leipzig den Masterplan „Zoo der Zukunft“ mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt.
Gerade dann muss aber die Frage erlaubt sein, welchen gesellschaftlichen Auftrag ein solcher Zoo hat.
Wenn öffentliche Mittel eine Rolle spielen und der Zoo zugleich Bildung, Naturverständnis und Artenschutz vermitteln möchte, muss gesellschaftliche Teilhabe ein ebenso wichtiges Ziel sein wie spektakuläre Neubauten.
Ein Zoo sollte sich nicht danach unterscheiden, welches Kind Eltern mit hohem Einkommen hat und welches nicht.
Ein Pinguin interessiert sich schließlich auch nicht für den Kontostand seiner Besucher.
27 Euro sind nicht für jeden „nur“ 27 Euro
In Diskussionen über Eintrittspreise wird schnell argumentiert, ein Zoobesuch sei schließlich ein ganzer Tagesausflug und im Vergleich mit anderen Freizeitangeboten noch immer sein Geld wert.
Das kann stimmen – geht aber am Kern der Kritik vorbei.
Für eine Familie mit gutem Einkommen sind einige Euro Preissteigerung vielleicht kaum bemerkbar. Für Menschen, die jeden Monat genau rechnen müssen, sieht das völlig anders aus.
Man sollte deshalb aufhören, Eintrittspreise ausschließlich aus der Perspektive derjenigen zu beurteilen, die sie problemlos bezahlen können.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Kann sich auch eine Familie mit wenig Geld noch regelmäßig einen Besuch leisten?
Wenn die Antwort irgendwann Nein lautet, hat ein Zoo ein gesellschaftliches Problem.
Sozialtarife statt immer höherer Eintrittsbarrieren
Statt den allgemeinen Eintritt immer weiter steigen zu lassen, sollte der Zoo stärker über Modelle nachdenken, die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
Denkbar wären beispielsweise deutlich vergünstigte Sozialtickets, Familientage, bestimmte eintrittsreduzierte Tage, Kooperationen mit Schulen und sozialen Einrichtungen oder stärker gestaffelte Preise nach Einkommen beziehungsweise Leipzig-Pass.
Auch Jahreskarten und Familienangebote müssen so gestaltet sein, dass sie nicht nur für diejenigen attraktiv sind, die ohnehin ausreichend Geld zur Verfügung haben.
Denn gerade Kinder aus Familien mit wenig Einkommen profitieren von außerschulischen Bildungsangeboten.
Sie sollten nicht diejenigen sein, die zuerst darauf verzichten müssen.
Feuerland ist beeindruckend – aber Bezahlbarkeit wäre mindestens genauso wichtig
Niemand muss die Qualität der neuen Anlage kleinreden, um die Preisentwicklung zu kritisieren.
„Feuerland“ bietet spektakuläre Einblicke. Pinguine und Seelöwen können durch einen etwa 100 Meter langen Unterwassertunnel beobachtet werden; insgesamt erstreckt sich der unterirdische Gang über rund 140 Meter. Die Anlage zeigt, welche Möglichkeiten ein moderner Zoo heute besitzt.
Aber vielleicht sollte die nächste große Aufgabe des Leipziger Zoos nicht noch spektakulärer, größer und teurer werden.
Vielleicht sollte sie lauten:
Wie schaffen wir einen Zoo, den sich wirklich alle Menschen leisten können?
Denn der Wert eines Zoos bemisst sich nicht nur an Millioneninvestitionen, Besucherrekorden, Unterwassertunneln und internationalen Auszeichnungen.
Er bemisst sich auch daran, wen er erreicht.
Ein Zoo sollte ein Ort sein, an dem Kinder Natur entdecken, Familien gemeinsam Zeit verbringen, Menschen etwas über Tiere lernen und Verständnis für Artenschutz entwickeln können – unabhängig davon, ob ihre Eltern viel oder wenig verdienen.
Der Leipziger Zoo darf deshalb nicht zu einem Ort werden, an dessen Kasse sich entscheidet, wer an Naturbildung und gesellschaftlicher Teilhabe teilnehmen darf.
Ein Zoo für Leipzig muss auch ein Zoo für alle Leipzigerinnen und Leipziger sein.
Kommentar hinterlassen