Schon vor dem Krieg stand Irans Wirtschaft auf wackligen Beinen. Jetzt droht sie für Millionen Menschen endgültig wegzubrechen.
Asal, eine freiberufliche Designerin aus Teheran, lebt von Aufträgen aus dem Ausland. Oder besser: lebte. Seit fast zwei Monaten ohne verlässlichen Internetzugang ist ihre Arbeit praktisch zum Erliegen gekommen. „Keine neuen Projekte, keine Antworten – es ist, als wäre alles über Nacht stehen geblieben“, sagt sie. Ihr Einkommen reicht nicht einmal mehr für das Nötigste.
Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Millionen Iraner spüren die Folgen des Konflikts mit den USA und Israel direkt – durch Jobverlust, ausbleibende Löhne und wachsende Armut. Kaum eine Branche bleibt verschont: Arbeiter in Raffinerien und Textilfabriken, Lkw-Fahrer, Flugbegleiter, Journalisten – sie alle gehören zu den neuen Verlierern dieses Krieges.
Dabei war die Lage schon zuvor angespannt. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in den vergangenen Jahren drastisch gesunken – von rund 8.000 Dollar im Jahr 2012 auf etwa 5.000 Dollar 2024. Inflation, Korruption und Sanktionen hatten die Wirtschaft bereits schwer getroffen. Jetzt verschärft der Krieg die Krise massiv. Laut UN könnten bis zu 4,1 Millionen weitere Menschen in die Armut abrutschen.
Die Zerstörung ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch physisch. Tausende Luftangriffe haben mehr als 23.000 Betriebe beschädigt oder zerstört. Mindestens eine Million Jobs gingen dadurch direkt verloren, eine weitere Million indirekt. Gleichzeitig stören unterbrochene Lieferketten und eingeschränkter Handel die ohnehin fragile Versorgung.
Die Inflation ist außer Kontrolle geraten. Offiziell lag sie im März bei 72 Prozent – bei lebensnotwendigen Gütern oft noch deutlich höher. Für viele bedeutet das: Selbst wer noch arbeitet, kann sich das Leben kaum leisten.
Besonders hart trifft es die Industrie. Nach Angriffen auf petrochemische Anlagen wurden tausende Beschäftigte in Zwangspausen geschickt. Stahlwerke sind beschädigt, Zulieferketten brechen zusammen. Ein Anhängerhersteller entließ 1.500 Mitarbeiter, weil Stahl fehlt. Ein großer Textilbetrieb strich 700 Stellen. Selbst Molkereien stellen den Betrieb ein – es fehlt an Verpackungsmaterial.
Auch der Dienstleistungssektor kollabiert. Flugbegleiterin Soheila berichtet, wie ihr Job von einem Tag auf den anderen verschwand: Flüge gestrichen, Verträge ausgelaufen, Einkommen weg. Ähnliche Geschichten hört man überall im Land.
Die Arbeitslosigkeit steigt rasant. Allein in den letzten zwei Monaten haben 147.000 Menschen Arbeitslosenhilfe beantragt – dreimal so viele wie im Vorjahr. Besonders betroffen sind informell Beschäftigte sowie gering qualifizierte Arbeitskräfte – also jene, die ohnehin kaum abgesichert sind.
Hinzu kommt ein Problem, das im digitalen Zeitalter existenziell ist: das Internet. Unternehmen, Selbstständige, Onlinehändler – viele verlieren ihre Grundlage. Selbst der größte iranische Onlinehändler baut Stellen ab. Für viele bleibt nur noch der informelle Sektor. Ein Datenanalyst berichtet, er denke darüber nach, als Fahrer zu arbeiten, um zu überleben.
Frauen trifft die Entwicklung besonders hart. Viele arbeiteten von zu Hause aus – oft online. Doch ohne stabile Verbindungen brechen auch diese Einkommensquellen weg. Sprachlehrerin Somayeh aus Isfahan kann ihren Unterricht kaum noch durchführen. „Nichts funktioniert mehr richtig“, sagt sie. Plattformen stürzen ab, Teilnehmer kommen nicht gleichzeitig online.
Gleichzeitig gerät das soziale Sicherungssystem unter Druck. Sinkende Staatseinnahmen treffen auf steigende Ausgaben. Ohne schnelle Hilfsmaßnahmen – Steuererleichterungen, Kredite, gezielte Unterstützung – droht eine noch größere Entlassungswelle.
Die Kritik wächst. Während staatliche Angestellte teils Gehaltserhöhungen erhalten, kämpfen Unternehmen ums Überleben. „Viele Betriebe können ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen“, sagt ein Vertreter der Handelskammer. Arbeitsplätze zu sichern müsse jetzt oberste Priorität haben.
Die Regierung verweist auf den Krieg und plant offenbar zusätzliche Hilfen für die Ärmsten. Doch Beobachter sprechen längst von einer tiefen Systemkrise. Inflation, Arbeitslosigkeit und Versorgungsengpässe hätten eine „dramatische und komplexe Lage“ geschaffen, schreibt eine konservative Zeitung.
Für viele Menschen ist das längst Realität. Und es ist nicht nur der finanzielle Absturz, der belastet – sondern die Ungewissheit.
„Der Einkommensverlust ist schlimm“, sagt Somayeh. „Aber noch schlimmer ist, dass man nie weiß, was als Nächstes passiert.“
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