Ein junger Grauwal, der in den vergangenen Tagen für großes Aufsehen im US-Bundesstaat Washington gesorgt hatte, ist tot. Das Tier war zuvor rund 32 Kilometer flussaufwärts in einen Nebenarm des Willapa River geschwommen – ein ungewöhnlicher und tragischer Irrweg, der nun offenbar tödlich endete.
Das teilte die Meeresforschungsorganisation Cascadia Research Collective am Samstag in einem Facebook-Update mit.
„Wir sind traurig, bestätigen zu müssen, dass der Wal, der in den vergangenen Tagen im Willapa River gesehen wurde, verstorben ist“, hieß es dort.
Die Wissenschaftler erklärten weiter, man prüfe derzeit zunächst, ob der Ort sicher genug sei, um den Kadaver zu untersuchen und die genaue Todesursache festzustellen.
„Willapa Willy“ bewegte viele Menschen
Der junge Wal, den Anwohner liebevoll „Willapa Willy“ tauften, war erstmals am vergangenen Mittwoch im nördlichen Arm des Flusses gesichtet worden. Die Stelle liegt etwa 230 Kilometer südwestlich von Seattle.
Nach Angaben der Forscher wirkte das Tier zwar auffallend mager, verhielt sich zunächst aber noch weitgehend normal. Äußere Verletzungen seien zunächst nicht erkennbar gewesen.
Die Hoffnung war, dass der Wal aus eigener Kraft wieder den Weg zurück ins offene Meer finden würde. Doch dazu kam es nicht.
Wahrscheinlich auf verzweifelter Nahrungssuche
Als wahrscheinlichste Ursache gilt nach Einschätzung von Experten Hunger bzw. Unterernährung.
Grauwale unternehmen im Frühjahr normalerweise ihre langen Wanderungen entlang der Pazifikküste nach Norden, um in den arktischen Gewässern Nahrung zu finden. Auf diesem Weg zehren sie stark von ihren Energiereserven.
Der Meeresbiologe John Calambokidis vom Cascadia Research Collective erklärte, dass Wale in solchen Situationen mitunter in ihrer Not nach neuen Futterplätzen suchen. Genau das sei vermutlich auch bei diesem Tier geschehen.
„Wenn ihre Reserven knapp werden, sieht man Grauwale oft auf einer verzweifelten Suche nach neuen Nahrungsgebieten“, sagte er. „Das ist der wahrscheinlichste Hintergrund in diesem Fall.“
Grauwale stehen zunehmend unter Druck
Besonders problematisch sei, dass Grauwale im östlichen Pazifik in den vergangenen Jahren offenbar immer weniger Nahrung in ihren traditionellen Futtergebieten in der nördlichen Beringsee und der Tschuktschensee vor Alaska finden.
Calambokidis sprach deshalb von einer ernsten Krise für die Art. Das Kernproblem scheine in der schwindenden Verfügbarkeit ihrer Beutetiere in der Arktis zu liegen.
Weitere tote Grauwale in der Region
Der Fall von „Willapa Willy“ ist kein Einzelfall:
Bereits Anfang April waren laut Cascadia Research Collective in der nahegelegenen Region Ocean Shores zwei ausgewachsene Grauwale tot an Land gespült worden – ein Männchen und ein Weibchen.
Beide Tiere seien ebenfalls stark unterernährt gewesen. Beim männlichen Wal seien zudem schwere Kopfverletzungen festgestellt worden, die auf eine Kollision mit einem Schiff hindeuteten.
Beliebte Tiere – aber vielen Gefahren ausgesetzt
Grauwale gehören an der Westküste Nordamerikas zu den bekanntesten und beliebtesten Walen. Sie sind ein zentraler Bestandteil von Walbeobachtung und Ökotourismus. Erwachsene Tiere können laut US-Behörden bis zu 15 Meter lang und rund 40 Tonnen schwer werden.
Auf ihren langen Wanderungen sind sie jedoch zahlreichen Gefahren ausgesetzt – darunter:
- Kollisionen mit Schiffen
- Verheddern in Fischereigerät
- Nahrungsmangel
- und die zunehmenden Folgen veränderter Meeresökosysteme
Hinzu kommt: Grauwale sind meist Einzelgänger, enge langfristige Bindungen zwischen einzelnen Tieren gelten als eher selten.
Der Tod des jungen „Willapa Willy“ zeigt damit nicht nur ein trauriges Einzelschicksal – sondern womöglich auch ein weiteres Warnsignal für die zunehmenden Belastungen, denen Grauwale in Nordamerika ausgesetzt sind.
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