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Irans Brief

phoenix64 (CC0), Pixabay
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Mitten im Krieg sucht Irans Präsident Massud Peseschkian die direkte Ansprache an die US-Bevölkerung – und weist den Vorwurf zurück, sein Land bedrohe die Vereinigten Staaten. In einem offenen Brief an die „Menschen in den Vereinigten Staaten“ bestreitet er, dass Iran eine Gefahr für Amerika darstelle, und bezeichnet das militärische Vorgehen seines Landes als „legitime Selbstverteidigung“.

Der vierseitige, auf Englisch veröffentlichte Brief wurde am 1. April auf der Plattform X verbreitet. Darin betont Peseschkian, das iranische Volk hege „keine Feindschaft“ gegenüber anderen Nationen, auch nicht gegenüber den Menschen in den USA, Europa oder den Nachbarstaaten.

Die Darstellung Irans als Bedrohung sei weder historisch noch gegenwärtig haltbar, schreibt der Präsident. Vielmehr sei sie politisch konstruiert.

Brief wenige Stunden vor Trumps Drohung

Besonders brisant: Der Appell aus Teheran erschien nur wenige Stunden, bevor US-Präsident Donald Trump in einer Fernsehansprache erneut den Krieg gegen Iran rechtfertigte – und dem Land unverhohlen drohte. Die Vereinigten Staaten würden Iran „zurück in die Steinzeit“ schicken, sagte Trump.

Neue militärische Details nannte der Präsident zwar nicht. Er bekräftigte jedoch sein zentrales Kriegsziel: Iran dürfe niemals in den Besitz von Atomwaffen gelangen. Einen klaren Zeitrahmen für ein Ende des Konflikts nannte Trump erneut nicht. Zuvor hatte er erklärt, der Krieg könne in „zwei Wochen, vielleicht drei“ beendet sein.

„Wenn es keine Bedrohung gibt, wird eine erfunden“

In seinem Brief wirft Peseschkian Washington vor, faktisch als „Stellvertreter Israels“ zu agieren. Die USA hätten während laufender Verhandlungen zur Beendigung des Krieges „zwei Akte der Aggression“ begangen, schreibt er. Zugleich fordert er die Amerikaner auf, die Darstellungen der Trump-Regierung kritisch zu hinterfragen.

Besonders deutlich wird der iranische Präsident bei der Frage des Bedrohungsnarrativs. Das Bild Irans als Gefahr sei, so Peseschkian, ein Produkt machtpolitischer Interessen: Feindbilder würden geschaffen, um Druck zu legitimieren, militärische Dominanz zu sichern, die Rüstungsindustrie zu stützen und strategische Märkte zu kontrollieren.

Sein Kernsatz: „Wenn eine Bedrohung nicht existiert, wird sie erfunden.“

Peseschkian ruft die US-Bürger dazu auf, „jenseits der Maschinerie der Desinformation“ zu blicken – etwa mit Menschen zu sprechen, die Iran besucht haben, oder auf die Leistungen iranischer Einwanderer in Wissenschaft und Technologie zu schauen.

Appell an Diplomatie – oder politische Inszenierung?

Der Präsident zeichnet in seinem Schreiben das Bild einer Welt an einem Wendepunkt. Eine Fortsetzung der Konfrontation sei kostspieliger und sinnloser denn je, argumentiert er. Die Entscheidung zwischen Eskalation und Dialog werde die Zukunft ganzer Generationen prägen.

Doch wie viel politisches Gewicht diese Worte tatsächlich haben, ist fraglich.

Mehrere außenpolitische Beobachter bezweifeln laut USA Today, dass Peseschkian in der aktuellen Kriegsphase überhaupt maßgeblich über die strategische Linie des Landes entscheidet. Der geopolitische Analyst Alp Sevimlisoy sagt, die eigentliche Macht liege inzwischen weitgehend bei den verbliebenen Führungsstrukturen der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC).

Peseschkians Einfluss sei „sehr gering“, sagte Sevimlisoy. In Abwesenheit einer glaubwürdigen zentralen Autorität agierten Teile des militärischen Apparats zunehmend eigenständig. Der Präsident betreibe vor allem Narrative-Building – also politische Rahmensetzung für die nächste Phase des Konflikts.

Wenig Wirkung ohne konkrete Verhandlungen

Auch Mark Cancian, früherer Oberst des US Marine Corps und heute Berater beim Center for Strategic and International Studies, hält den Brief eher für symbolisch. Zwar sei das Schreiben gut konstruiert und rhetorisch geschickt, doch in den USA werde es nur dann Wirkung entfalten, wenn sich seine Botschaft in realen Verhandlungen niederschlage.

Mit anderen Worten: Solange der Krieg weiter eskaliert, dürfte ein öffentlicher Appell aus Teheran kaum reichen, um das amerikanische Meinungsbild zu verändern.

Botschaft nach innen und außen

Der Brief erfüllt damit womöglich vor allem zwei Funktionen: nach außen ein diplomatischer Appell an die amerikanische Öffentlichkeit, nach innen ein Versuch, Iran als rationalen Akteur darzustellen – trotz eines Krieges, in dem die militärische Logik zunehmend dominiert.

Peseschkians Botschaft ist eindeutig: Iran wolle nicht als globaler Aggressor erscheinen. Ob sie in Washington verfängt, ist eine andere Frage.

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