Während an den Finanzmärkten nach der vorübergehenden Öffnung der Straße von Hormus vorsichtige Erleichterung aufkam, war die Stimmung hinter verschlossenen Türen in Washington deutlich ernster. Beim Frühjahrstreffen von IWF und Weltbank wurde in dieser Woche klar: Viele Regierungen, Notenbanker und Spitzenmanager halten die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges für erheblich – und zwar weit über die eigentliche Konfliktregion hinaus.
Im Zentrum der Krise stehen aus Sicht der internationalen Finanzelite zwei Orte: die nur 39 Kilometer breite Straße von Hormus südlich des Iran – eine der wichtigsten Handels- und Energierouten der Welt – und das Weiße Haus in Washington. Denn dort fällt letztlich die politische Entscheidung, wie lange die Eskalation andauert und wie hoch der Preis für die Weltwirtschaft ausfällt.
Nach Gesprächen mit zahlreichen G7-Finanzministern, Zentralbankern und führenden Finanzakteuren zeigte sich vor allem eines: Außerhalb der USA wächst der Unmut darüber, dass die wirtschaftlichen Kosten eines Krieges, den viele Staaten weder wollten noch mittragen, nun global verteilt werden. Besonders deutlich äußerte sich die britische Finanzministerin Rachel Reeves. Sie sprach offen von der „Torheit“ und dem „Fehler“ eines Krieges, „der nicht unserer ist“.
Bei Treffen wie dem G20-Frühstück sei die Atmosphäre entsprechend gedrückt gewesen. Teilnehmer berichten, dass einzig die amerikanische Delegation Zuversicht für die kurzfristige Entwicklung ausstrahlte. Vor allem asiatische Finanzvertreter warnten dagegen vor sehr realen Energieengpässen. US-Finanzminister Scott Bessent versuchte diese Sorgen öffentlich herunterzuspielen und erklärte im US-Fernsehen, Märkte und Wirtschaft würden sich rasch erholen.
Doch diese Gelassenheit teilen viele andere nicht. Kanadas Finanzminister François-Philippe Champagne machte deutlich, dass es hier nicht nur um einen kurzfristigen Schock gehe. Die Geografie ändere sich nicht, sagte er – und damit bleibe auch das Risiko für die globale Energieversorgung noch über Jahre bestehen, selbst wenn der Konflikt bald ende.
Auch IWF-Chefin Kristalina Georgiewa warnte vor einem „langsamer wirkenden Schock“. Weltbank-Präsident Ajay Banga verwies besonders auf die Folgen für ärmere Länder. So fällt im Irak ein Großteil der Öleinnahmen weg, Bangladesch kämpft mit ausbleibenden Gaslieferungen für Haushalte, und pazifische Inselstaaten mit geringen Reserven warten am Ende extrem langer Lieferketten auf Tanker und Containerschiffe. Die Blockade der Straße von Hormus habe offengelegt, wie fragil die globale Versorgung in Wahrheit ist.
Die Weltbank bereitet deshalb Hilfen von bis zu 100 Milliarden Dollar vor – mehr als während der Corona-Lockdowns –, um wirtschaftlich schwächere Länder bei steigenden Energie- und Lebensmittelkosten zu stützen. Georgiewa warnte, dass sich die eigentlichen Probleme erst verzögert zeigen. Die Tanker, die Ende Februar noch ausliefen, seien inzwischen angekommen – aber neue Lieferungen fehlten. Und ein Tanker brauche eben Zeit: Bis nach Fidschi seien es rund 40 Tage.
Besonders heikel ist inzwischen die Entwicklung bei Düngemitteln. Der Preis für Harnstoff, einen zentralen Bestandteil für Dünger, hat sich bereits verdoppelt. Während auf der Nordhalbkugel gerade ausgesät wird, drohen im Sommer ernsthafte Engpässe für die weltweite Nahrungsmittelversorgung – insbesondere dann, wenn in anderen Weltregionen die Pflanzsaison beginnt. Weltbank-Präsident Banga warnte ausdrücklich vor einem gefährlichen Kreislauf steigender Lebensmittelpreise und sinkender Verfügbarkeit.
Die Linie der Trump-Regierung bleibt dennoch klar: Der Krieg werde bald vorbei sein – und der strategische Nutzen sei größer als der wirtschaftliche Schaden. US-Finanzminister Bessent brachte diese Haltung in Washington auf bemerkenswert drastische Weise auf den Punkt. Auf die Frage nach den Risiken einer globalen Rezession infolge des Iran-Krieges entgegnete er sinngemäß, man müsse sich eher fragen, was ein nuklearer Treffer auf London für das globale Bruttoinlandsprodukt bedeuten würde. Kurzfristige Konjunkturprognosen seien ihm weniger wichtig als langfristige Sicherheit. Ein wenig wirtschaftlicher Schmerz für einige Wochen sei vertretbar, wenn dadurch ein unkalkulierbares Risiko beseitigt werde.
Diese Argumentation sorgt international für Stirnrunzeln. Frankreichs Finanzminister Roland Lescure, der zuvor mit Bessent gesprochen hatte, machte deutlich, dass die Straße von Hormus der Knotenpunkt dieser Krise sei – und dass dieser Knoten gelöst werden müsse. Die wirtschaftlichen Schäden träfen alle. Zugleich betonte er, dass auch die USA die Folgen über höhere Benzinpreise spürten. Der Iran nutze den wirtschaftlichen Schaden ganz bewusst als Abschreckungsinstrument.
Frankreich sieht sich im Vergleich zu anderen Ländern allerdings robuster aufgestellt. Anders als in den 1970er-Jahren ist das Land deutlich weniger von fossilen Brennstoffen abhängig und setzt nun verstärkt auf Kernenergie und erneuerbare Energien. Auch in Großbritannien hat der Konflikt bereits zu einem Umdenken geführt. Finanzministerin Reeves will die Förderung bestehender Nordsee-Felder maximieren und zugleich den britischen Strommarkt reformieren, um die Strompreise stärker von den schwankenden Gaspreisen zu entkoppeln. Neue Vorschläge dazu werden in Kürze erwartet.
Bemerkenswert ist auch die Haltung der Bank of England. Gouverneur Andrew Bailey machte klar, dass eine vorschnelle Zinserhöhung als Reaktion auf kriegsbedingte Inflation aus seiner Sicht der falsche Weg wäre. Das wirksamste Mittel gegen steigende Preise sei nicht härtere Geldpolitik, sondern Deeskalation.
Der Iran-Krieg war in Washington allerdings nicht das einzige Thema. Viele Finanzpolitiker und Banker sehen weitere Risiken am Horizont. Dazu zählen Sorgen über den boomenden Markt für Private Credit, mögliche Überbewertungen im Technologie- und KI-Sektor sowie neue Cyberrisiken durch leistungsfähige KI-Modelle. Kanadas Finanzminister Champagne formulierte es so: Die Straße von Hormus kenne man – ihre Lage und ihre Größe seien bekannt. Bei manchen neuen KI-Risiken habe man es dagegen mit dem klassischen „Unbekannten Unbekannten“ zu tun.
Selbst Spitzenbanker wie Barclays-Chef C.S. Venkatakrishnan stuften die Lage im Nahen Osten zuletzt nur als drittgrößte Sorge ein – hinter der Frage, ob im Technologie- und KI-Sektor bereits zu viel investiert wurde, und hinter möglichen Liquiditätsproblemen im Bereich privater Kredite. Das zeigt: Die globale Finanzwelt blickt längst nicht mehr nur auf den Krieg, sondern auf ein ganzes Bündel miteinander verknüpfter Risiken.
Trotzdem hat die vorläufige Öffnung der Straße von Hormus die Märkte spürbar beruhigt. Energiepreise gaben nach, ebenso Kreditkosten, Benzinpreise und Hypothekenzinsen. In Washington wächst nun die Hoffnung, dass der Höhepunkt der Krise überschritten sein könnte. Doch genau darin liegt die Nervosität: Sollte sich diese Hoffnung als trügerisch erweisen, könnten die wirtschaftlichen Folgen deutlich gravierender werden, als es die offizielle Zuversicht aus dem Weißen Haus derzeit glauben machen will.
Denn hinter den Kulissen scheint man sich in einem Punkt erstaunlich einig zu sein:
Wenn die Straße von Hormus wieder dauerhaft zum geopolitischen Druckmittel wird, zahlt am Ende nicht nur der Westen an der Zapfsäule – sondern die ganze Welt an der Supermarktkasse.
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