„Darf ich Sie Kevin nennen? Oder lieber Mr. Johnson?“
Was wie eine harmlose Frage klingt, bekam in jenem Raum in Oklahoma eine gespenstische Bedeutung. Der Mann, der mir das entwaffnend freundlich entgegnete, war kein gewöhnlicher Interviewpartner. Er war Timothy McVeigh, der Haupttäter des schlimmsten inländischen Terroranschlags in der US-Geschichte – verantwortlich für 168 Tote, darunter 19 Kinder.
Nur zehn Monate nach dem Attentat saß McVeigh mir gegenüber. Ungefesselt. Mit einem leichten Lächeln. Die Füße auf einem Stuhl. Nicht wie jemand, der sich auf einen Prozess mit möglichem Todesurteil vorbereitete, sondern eher wie jemand, der einen PR-Schaden kontrollieren möchte.
Ein Imagewechsel des Unvorstellbaren
Das Treffen kam auf kuriose Weise zustande: McVeighs Anwalt Stephen Jones wollte eine neue Erzählung formen – weniger Monster, mehr Mensch. Eine Art Medienoffensive, in der McVeigh seine Sicht darstellen durfte – ohne jedoch über die Tat selbst zu sprechen.
„Wir wollen keine Details zum Fall besprechen“, sagte McVeigh gleich zu Beginn, „wir wollen eher die Biografie sortieren und das mediale Spin-Label korrigieren.“ So, als ginge es um einen Politiker mit miesem Pressefeedback, nicht um einen Mann, der ein ganzes Gebäude in die Luft jagte.
Kein Schuldbekenntnis, keine Reue
Ich stellte die Fragen, die gestellt werden mussten:
- Wussten Sie vom Kindergarten im Murrah-Gebäude?
- Was war Ihre Beziehung zu Terry Nichols?
- Warum wurden Sie 75 Minuten nach der Explosion gestoppt?
- Haben Sie es getan?
Keine Antwort. Keine Reue. Keine Verantwortung. Stattdessen beschwerte sich McVeigh über die Medien, die ihn als „Neo-Nazi“ und „Speedfreak“ beschrieben hätten. Seine Körpersprache war entspannt. Sein Humor – ja, er lachte – wirkte verstörend. Selbst in dieser Situation schien er sich mehr um seine Wirkung als um die Opfer zu kümmern.
Selbstmitleid statt Empathie
Besonders bemerkenswert war sein Groll darüber, wie er nach seiner Verhaftung präsentiert wurde. Er habe bei seiner ersten öffentlichen Vorführung ohne kugelsichere Weste als „perfektes Ziel“ gedient – ein Seitenhieb auf die Sicherheitsvorkehrungen. Und ein makabrer Vergleich mit der Ermordung von Lee Harvey Oswald.
Dass er selbst hunderte Menschenleben ausgelöscht hatte – darunter Babys, Eltern, Beamte, Helfer – schien in seiner Gedankenwelt kaum Platz zu haben.
Das Ende eines eiskalten Lebens
Ich sah McVeigh wieder. 1997 vor Gericht in Denver. Und 2001 in Terre Haute, Indiana – bei seiner Hinrichtung durch Giftspritze. Ich war einer der zehn Zeugen.
Der einstige Soldat, der sich selbst als „Kämpfer gegen Tyrannei“ sah, wirkte auf der Liege blass, abgemagert, beinahe durchsichtig. Keine letzten Worte. Kein „Es tut mir leid“. Stattdessen ein Gedicht, „Invictus“, das er dem Gefängnisleiter übergab:
„Mein Kopf ist blutig, aber ungebeugt.
Ich bin der Herr meines Schicksals,
der Kapitän meiner Seele.“
Ein letzter Akt des Egoismus. Kein Bedauern, kein Innehalten, kein Menschsein.
Fazit
Timothy McVeigh bleibt ein Symbol für das kalte, kalkulierte Gesicht des Terrorismus – ein Mann, der Massentötung rechtfertigte und sich selbst in der Rolle des tragischen Helden sah.
Er war kein Wahnsinniger im klassischen Sinn. Viel gefährlicher: Er war vollkommen klar in seiner Überzeugung – und davon überzeugt, im Recht zu sein. Das macht ihn so erschreckend – und seine Geschichte so wichtig.
Selbst nach dem letzten Atemzug sprach er nicht für seine Opfer. Nur für sich.
Kommentar hinterlassen