In Deutschland infizieren sich immer mehr Krankenhauspatienten mit Keimen. Durch vorher häufige Inanspruchnahme sind Antibiotika oft keine Lösung.

Auf einer Türklinke kann der Staphylococcus aureus lange überleben. Die  Feuchtigkeit von der Hand eines Menschen bietet ihm Nährstoffe. Auf dessen Haut oder in seiner Nase ist er zu finden. Jeder Dritte trägt das Bakterium mit sich und weiß oft nichts davon. Der Keim richtet zunächst keinen Schaden an, solange er nicht über eine Wunde oder einen Katheter in den Körper gelangt. Dort kann er eitrige Infektionen, Blutvergiftungen oder auch eine Lungenentzündung verursachen. Damit kann dieser Keim zum Tod führen. In Krankenhäusern ist er aus diesen Gründen gefürchtet.Die Keime haben leichtes Spiel, wenn die Patienten gegen Antibiotika resistent sind. Gegen den Keim (MRSA), dem bekanntesten aller Krankenhauskeime, können weder Methicillin noch andere Antibiotika etwas bewirken. Im Krankenhaus schaltet dieser Keim durch den häufigen Einsatz von Antibiotika andere Erreger aus. Dabei verbreitet er sich über Lichtschalter oder einen Handschlag, wenn er auf Menschen mit einem schwachen Immunsystem trifft. Dazu zählen Frühgeborene, Transplantationspatienten oder sehr alte Menschen. Im Krankenhaus hat der MRSA Überlebensvorteil.

Das trifft auch für andere multiresistente Bakterien zu. Es kommt deshalb oft zu aufsehenerregenden Fällen. Der größte Ausbruch resistenter Keime seit zehn Jahren entstand mit dem Bakterium Klebsiella pneumoniae in Frankfurt. Jedes Jahr infizieren sich mehr als 500000 Menschen mit einem Krankenhauserreger, wobei zwei Elemente zu beachten sind:

Nur ein kleiner Teil dieser Erreger ist gegen Antibiotika resistent. Es wird von 30000 Fällen gesprochen. Die Zuordnung der Zahl der Todesfälle ist schwierig, da viele Patienten vor der Infektion schwer erkrankt sind. Die Krankenhauskeime selbst entstehen nicht im Krankenhaus, sondern werden meist von Patienten eingeschleppt.

Jeder Patient, der in eine Klinik stationär aufgenommen wird, sollte anhand eines Abstrichs in Mund und Nase auf MRSA getestet werden. Dieser Test sollte in der jeweiligen Klinik zwei Wochen vor einer Operation durchgeführt werden,  wenn kein Notfall vorliegt. Bei Verkehrsunfällen sollte ein Schnelltest zum Einsatz kommen, der innerhalb weniger Stunden ein Ergebnis liefert. Aus südeuropäischen Ländern kommende Patienten sollten vorsorglich isoliert werden, weil Keime in Kliniken dieser Länder weiter verbreitet sind.

Als Risikogruppen sollten primär Auslandsreisende auf Keime untersucht werden Ob es sinnvoll ist, jeden Patienten vor einer Operation zu testen, bedarf des Entscheids des befassten Mediziners. Das „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ verweist darauf, dass durch universelle Tests Ressourcen verbraucht würden, die an anderer Stelle im Krankenhaus benötigt werden könnten. Kommt es allerdings zu einer MRSA-Infektion, können für den Krankenhausaufenthalt und die Behandlung mehr als 10000 Euro fällig werden.

Weshalb sind MRSA oder andere multiresistente Keime schwer in den Griff zu bekommen? In Deutschland investieren die größten Pharmaunternehmen der Welt jährlich Milliarden in Forschung und Entwicklung neuer Arzneien – jedoch nicht in Antibiotika. Der Umfang der  Entwicklungen ist in jedem Jahrzehnt zurückgegangen. Dafür gibt es viele Gründe. Der ausschlaggebende ist der fehlende finanzielle Anreiz. Um ein neues Medikament zu entwickeln, sind Hunderte Millionen Euro über meist zehn Jahre einzusetzen. Die Antibiotika sollen an möglichst wenige Patienten verabreicht werden, damit es nicht zu neuen Resistenzen kommt.

Das grundsätzliche Problem sind Menschen, die bei einer Erkältung Antibiotika nehmen, obwohl diese dagegen gar nicht helfen. Auch in der Landwirtschaft werden sie zu oft eingesetzt, sodass sie im Ernstfall nicht mehr wirken.

Seit Beginn dieses Jahrhunderts sind die meisten großen Pharmakonzerne nicht mehr in der Antibiotika-Forschung tätig. Mit politischen Initiativen wird versucht dies zu ändern. Antibiotika-Resistenzen wurden auf dem G-20-Treffen in Hamburg thematisiert, um mehr Anreize für die Hersteller zu schaffen.

Schon vorher – in den vergangenen Jahren hat sich die Forschungssituation verbessert. Etwa fünfzig kleine und mittlere Unternehmen auf der Welt forschen wieder an neuen Antibiotika. In Deutschland gilt das für die Bayer-Ausgründung Aircuris, das Hamburger Biotech-Unternehmen Evotec sowie Roche und den französischen Konzern Sanofi.

Sanofi betreibt in Frankfurt-Höchst eine Forschungskooperation mit dem Fraunhofer-Institut in Gießen, das eine Sammlung mit mehr als 130000 Mikroorganismen (Pilzen und Bakterien) einbringt. Diese Maßnahmen können für neue Antibiotika oder auch Mittel in den Bereichen Pflanzenschutz, Ernährungs- und Materialwirtschaft wirken. Erkenntnisse aus der Insektenwelt werden genutzt. Insekten setzen unter Stress Stoffe frei, die als Grundlage für neue Medikamente mit weniger Nebenwirkungen dienen können. Termiten – als Beispiel –  haben ein schwaches Immunsystem. Es gelingt ihnen aber resistent gegen Erreger zu sein, indem sie selbst Abwehrstoffe – Antibiotika – produzieren.

Sanofi forscht an „gramnegativen“ Bakterien, denn mit diesen Keimen nehmen Infektionen seit einigen Jahren zu, während Erkrankungen durch MRSA rückläufig sind. Es wird zwischen vier und fünf Jahre dauern, bis das Medikament auf dem Markt ist. Vorher dürfte es von der Konkurrenz neue Präparate geben – elf seit 2011. Erfreulich ist, dass alle gegen Problemkeime wie MRSA entwickelt worden sind.

Wenn ein Patient den MRSA-Keim trägt und die Operation nicht aufgeschoben werden kann, kommt der Betroffene in ein Einzelzimmer, das vom Klinikpersonal nur mit Schutzkleidung betreten werden darf. Nach jedem Kontakt mit dem Patienten sind die Hände zu desinfizieren, Geräte und Türklinken zu reinigen. Obwohl bekannt ist, dass „MRSA-Keime nicht durch die Luft fliegen“, wird mangelnde Hygiene als Grund für die Ausbreitung von Erregern genannt.

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