Der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada ist längst mehr als ein politisches Kräftemessen. Neue Zölle treffen inzwischen konkrete Industrien, Arbeitsplätze und Verbraucher auf beiden Seiten der Grenze.
Die USA haben zuletzt zusätzliche 50-Prozent-Zölle auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar verhängt. Kanada reagiert mit eigenen Gegenzöllen und spricht von einer „Dollar-für-Dollar“-Antwort.
Besonders hart trifft es Ontario. Die bevölkerungsreichste kanadische Provinz ist stark von Autoindustrie, Stahl und Zulieferern abhängig. Mehrere Werke haben bereits Stellen gestrichen oder ihre Produktion reduziert. Seit Anfang 2025 gingen dort nach Schätzungen zehntausende Jobs im verarbeitenden Gewerbe verloren.
Auch Québec leidet. Die Metallausfuhren der Provinz gingen zwischen Februar 2025 und Februar 2026 um 36 Prozent zurück. Gleichzeitig sank die Beschäftigung in diesem Bereich um 3,6 Prozent.
Kanada zielt bewusst auf politisch wichtige US-Staaten
Ottawas Gegenzölle treffen die USA nicht zufällig.
Besonders stark betroffen ist der Swing State Ohio. Waren im Wert von rund 3,2 Milliarden kanadischen Dollar sollen dort künftig mit kanadischen Zöllen belegt werden. Danach folgen Illinois und Pennsylvania.
Ökonomen sehen darin eine klare politische Strategie: Kanada richtet seine Maßnahmen bewusst gegen Bundesstaaten, die bei den kommenden Zwischenwahlen entscheidend sein könnten.
Kanadas Vorteil bei US-Zöllen schrumpft
Lange konnte Kanada darauf verweisen, trotz aller Konflikte relativ niedrige amerikanische Zölle zu haben.
Doch auch das ändert sich.
Der durchschnittliche effektive US-Zollsatz auf kanadische Waren lag im Juni noch bei 2,9 Prozent. Inzwischen ist er auf rund 5,7 Prozent gestiegen. Damit liegt Kanada inzwischen über Mexiko und nähert sich Ländern wie Großbritannien an. China bleibt mit durchschnittlich rund 20,5 Prozent allerdings deutlich stärker belastet.
Kanada sucht neue Märkte
Mehr als 70 Prozent der kanadischen Exporte gehen traditionell in die USA. Genau diese Abhängigkeit soll nun reduziert werden.
Premierminister Mark Carney will Kanadas Exporte in andere Länder innerhalb des kommenden Jahrzehnts verdoppeln. Erste Unternehmen reagieren bereits und suchen verstärkt Kunden in Europa oder anderen Regionen.
Ganz einfach ist das allerdings nicht. Vor allem Industriezentren in Ontario sind seit Jahrzehnten eng mit amerikanischen Lieferketten verflochten und können ihre Absatzmärkte nicht kurzfristig austauschen.
Trotz Handelskrieg wächst Kanadas Wirtschaft
Nicht alle Nachrichten sind negativ.
Kanada verzeichnete 2025 ausländische Direktinvestitionen von 96,8 Milliarden kanadischen Dollar – so viel wie seit 2007 nicht mehr. Im zweiten Quartal 2026 wuchs die Wirtschaft zudem um 3,3 Prozent, getragen von höheren Exporten und Investitionen. Damit sind unmittelbare Rezessionsängste vorerst zurückgegangen.
Die Rechnung zahlen Arbeitnehmer und Verbraucher
Trotzdem hinterlässt der Handelsstreit Spuren.
Zwischen Januar 2025 und Januar 2026 gingen in Kanada rund 55.000 Industriearbeitsplätze verloren. Sollte der neue 50-Prozent-Zoll bestehen bleiben, könnten nach Schätzungen eines Ökonomen insgesamt bis zu 90.000 kanadische Jobs gefährdet sein.
Auch amerikanische Haushalte spüren die Folgen. Die Tax Foundation schätzt, dass ein durchschnittlicher US-Haushalt durch Trumps Zölle in diesem Jahr rund 840 Dollar zusätzlich zahlen könnte.
Damit zeigt sich immer deutlicher: Der Handelskrieg ist längst nicht mehr nur eine Auseinandersetzung zwischen Washington und Ottawa.
Er findet in Fabrikhallen, an Supermarktkassen und auf den Gehaltszetteln der Menschen statt.
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