Die britische Regierung sorgt heute für internationale Schnappatmung – und zwar nicht wegen einer royalen Hochzeit oder einer weiteren Welle postkolonialer Nostalgie. Nein, Premierminister Keir Starmer will offenbar als erster G7-Chefstaat das tun, was bislang nur „diese anderen“ Länder wagten: Einen Staat Palästina anerkennen. Ja, den Palästina.
Wie die BBC und die Nachrichtenagentur PA berichten, soll die Verkündung noch heute über die Bühne gehen – vermutlich mit einem leicht betretenen Gesichtsausdruck und einem diskreten Blick zur israelischen Botschaft. Damit wäre das Vereinigte Königreich nicht nur Vorreiter, sondern auch der erste westliche Wirtschaftsriese mit Rückgrat. Oder je nach Perspektive: mit Todessehnsucht im Nahost-Diplomatiezirkus.
Labour – plötzlich mit Meinungen
In Starmers sozialdemokratischer Labour-Partei rumort es schon länger – die Kritik am israelischen Vorgehen im Gazakrieg ist in etwa so leise wie ein Posaunenchor im Fahrstuhl. Deshalb hat Starmer Israel im Juli kurzerhand eine Art Hausaufgabenliste mit Frist verpasst: Waffenstillstand, echtes Friedensbekenntnis, und bitte endlich genug zu essen und Medizin für die eingesperrte Bevölkerung in Gaza. Klingt fair – ist aber internationaler Sprengstoff.
Die Zweistaatenlösung steht wieder auf der Agenda – dieser altbewährte Friedensklassiker, der ungefähr so oft wiederbelebt wurde wie die Rolling Stones. Nur dass hier die Chancen auf ein Happy End noch schlechter stehen.
Anerkennungswelle mit diplomatischem Wellengang
Frankreich, Kanada, Australien, Belgien – alle stehen angeblich in den Startlöchern, um sich dem Anerkennungsklub anzuschließen. Man kann förmlich zusehen, wie die „Nicht-Anerkenner“-Gruppe schrumpft. Deutschland übrigens ganz vorne mit dabei, wenn es ums Nicht-Mitmachen geht. Kanzler Merz betonte im August, dass man diesen Schritt nicht gehen werde. Weil Tradition, Kontinuität und… man weiß es selbst nicht so genau.
Dass London nun ausgerechnet vor der UN-Vollversammlung mit diesem Schritt vorprescht, hat – wie britische Medien kolportieren – womöglich einen ganz praktischen Grund: Das jüdische Neujahrsfest steht bevor. Und nichts ruiniert einen Festtag so sehr wie ein diplomatischer Flächenbrand im Nahen Osten. Man zeigt sich also sensibel – aber bitte mit Terminplaner.
Tel Aviv: „Belohnung für Terror“
Die israelische Regierung sieht das Ganze erwartungsgemäß völlig anders. Für sie ist jede Anerkennung Palästinas ein Freifahrtschein für Hamas. Dass London betont, man wolle Hamas nicht an irgendeiner Verwaltung beteiligt sehen, geht im politischen Grundrauschen unter – dort, wo auch UNO-Resolutionen landen, die niemand mehr liest.
Und täglich grüßt der Albtraum
Der Gazakrieg bleibt die traurige Konstante. Er begann mit dem blutigen Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 – 1.200 Tote, 250 Verschleppte, und bis heute sind etwa 20 Geiseln in Geiselhaft. Die Welt ist entsetzt – theoretisch. Praktisch wird weiter bombardiert, blockiert und gestorben.
Nach Hamas-Angaben – ja, es sind deren Angaben – sind inzwischen rund 65.000 Palästinenser getötet worden. Wie viele davon Zivilisten, wie viele bewaffnete Kämpfer, wie viele Kinder mit Plastikeimern auf dem Kopf – schwer zu sagen. Aber sicher ist: Die humanitäre Lage ist ein Desaster. Sogar die IPC, nicht gerade für Übertreibungen bekannt, spricht inzwischen offiziell von „Hungersnot“. Israel kontrolliert die Hilfsgüter – und lässt sie nur in homöopathischen Dosen passieren. Internationale Hilfswerke sehen das – und verzweifeln.
Fazit: Großbritannien erkennt Palästina an – ein Schritt, der Jahrzehnte zu spät, aber womöglich genau zum falschen Zeitpunkt kommt. Für die einen ein mutiger Akt diplomatischer Reifung, für die anderen ein brandgefährlicher Tabubruch. Aber hey – wenigstens sorgt London mal wieder international für Schlagzeilen, ohne dass ein Prinz in einem Nazi-Kostüm irgendwo aufkreuzt.
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