Ein Jahr nach dem Prozess, der Frankreich und weit darüber hinaus erschütterte, meldet sich Gisèle Pelicot mit einem sehr persönlichen Buch zu Wort. In ihren Memoiren mit dem Titel „Ein Hymnus an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln“ schildert die heute 73-Jährige ihre jahrelange Leidensgeschichte – und ihren Weg vor Gericht.
Pelicot hatte 2020 erfahren, dass ihr damaliger Ehemann Dominique Pelicot sie über Jahre hinweg betäubt und Dutzende fremde Männer in das gemeinsame Haus eingeladen hatte, um sie zu vergewaltigen. Die Taten waren von ihm dokumentiert worden. Der Fall wurde 2021 öffentlich bekannt und sorgte in Frankreich – vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte und einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch – für Entsetzen.
Statt anonym zu bleiben, wie es das französische Recht Opfern sexualisierter Gewalt erlaubt, entschied sich Pelicot 2024 bewusst für einen öffentlichen Prozess. „Alle sollen die Gesichter der 51 Vergewaltiger sehen“, schreibt sie. „Sie müssen sich schämen – nicht ich.“ Der Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ wurde während des Prozesses zu einem zentralen Motto ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer.
In dem rund 250 Seiten starken Buch beschreibt Pelicot nicht nur die Taten und den Verrat ihres Mannes, sondern auch ihre innere Zerrissenheit. Lange habe sie ihre Ehe als ruhig und glücklich empfunden. Erst rückblickend erkannte sie Hinweise: unerklärliche gesundheitliche Probleme, Gedächtnisverlust, merkwürdige Veränderungen an Getränken oder Kleidung.
Im Dezember 2024 wurden alle 51 Angeklagten schuldig gesprochen. Ihr Ex-Mann gestand, viele der Mitangeklagten bestritten die Vorwürfe trotz belastender Videoaufnahmen.
Heute sieht sich Pelicot als Teil einer neuen feministischen Bewegung. Trotz des erlittenen Leids betont sie ihre Entschlossenheit, nicht als Opfer definiert zu werden. Ihr Buch ist zugleich Zeugnis, Anklage – und Ausdruck ihres Willens, weiterzuleben.
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