Wer heute 22 ist, trägt die Uhr nicht mehr, um zu wissen, wie spät es ist. Dafür reicht ein Blick aufs Handy, den Laptop, den Backofen, das Autoradio oder notfalls den Badezimmerspiegel. Und trotzdem gibt es in der Generation Z plötzlich junge Menschen, die vierstellige Summen für alte Armbanduhren ausgeben – ausgerechnet für ein Objekt, das technisch längst überflüssig ist. Vielleicht gerade deshalb.
Der Amerikaner Evan Fry, Jahrgang 2003, gehört zu dieser neuen Sammlerklasse. Er besitzt nach eigenen Angaben mehr als 35 Uhren, viele davon im Preisbereich zwischen 1000 und 2000 Dollar. Sein derzeitiges Lieblingsstück: eine Tag Heuer Carrera mit silbernem Gliederband und magentafarbenem Lünettenring, gekauft für rund 3500 Dollar. Irgendwann, sagt er, wolle er eine H. Moser tragen – manche Modelle kosten etwa 50.000 Dollar. Für jemanden, der mit iPhone, Nintendo DS und digitaler Dauerzeitansage aufgewachsen ist, wirkt das wie ein Anachronismus mit Absicht.
Genau darin liegt der Reiz. Für viele junge Käufer ist die mechanische oder vintage Uhr kein Werkzeug, sondern ein Gegenentwurf. Sie ist das Gegenteil der glatten, austauschbaren, softwaregetriebenen Gegenwart. Während Smartphones jährlich ihr Design wechseln, Apps verschwinden und Bildschirme alles verschlucken, bleibt eine Uhr ein Ding. Aus Metall. Mit Gewicht. Mit Patina. Mit Geschichte.
Der Secondhandhändler Bezel berichtet, dass Käufer unter 30 inzwischen rund ein Drittel aller Transaktionen ausmachen. Und laut Firmenchef Quaid Walker geben gerade diese Jüngeren im Schnitt besonders viel für einzelne Käufe aus. Luxusmarken, die lange vor allem auf ältere Kundschaft schielten, entdecken plötzlich eine Zielgruppe, die nicht nur konsumiert, sondern kuratiert. Die Uhr wird zum Stilstatement, Sammlerobjekt und Identitätsmarker in einem.
Auffällig ist dabei, dass Gen Z offenbar gerade nicht den offensichtlichen Weg geht. Statt ausschließlich auf protzige Statussymbole zu setzen, greifen viele zu klassischen Dresswatches: schmale, elegante Modelle mit schlichten Zifferblättern, oft in Gold oder Silber, manchmal mit Lederband. Laut Daten der Plattform Chrono24 ist der Kauf solcher Modelle bei 14- bis 28-Jährigen seit 2018 deutlich gestiegen. Es sind Uhren, die aussehen, als gehörten sie eher an das Handgelenk eines Großvaters als in ein TikTok-Video. Genau deshalb funktionieren sie dort so gut.
Denn Vintage ist für diese Generation keine Erinnerung, sondern Fantasie. Viele von ihnen sehnen sich nach einer Vergangenheit, die sie nie erlebt haben. Eine Uhr, die aussieht wie von der Großmutter, ist dann nicht altmodisch, sondern emotional aufgeladen. Die Londoner Vintage-Händlerin Dahyn Lee sagt, viele ihrer jungen Kunden griffen gezielt zu Modellen, weil sie „genau so eine“ von ihren Großeltern kennen. Manche wüssten am Ende nicht einmal, wie man die Uhrzeit richtig abliest. Hauptsache, sie sieht gut aus.
Das klingt absurd, ist aber ziemlich konsequent. In einer Welt, in der fast alles digitalisiert, beschleunigt und entmaterialisiert ist, wird das analoge Accessoire zur Sehnsuchtsware. Eine Uhr muss dann nicht einmal zwingend funktionieren. Für manche Käufer ist sie schlicht ein Armband mit Charakter. Ein Schmuckstück mit Story. Oder wenigstens mit der Aura einer Story.
Auch bei den Geschlechterrollen räumt Gen Z im Uhrenregal gründlich auf. Kleine, filigrane „Damenuhren“ landen längst an männlichen Handgelenken, während Frauen bewusst größere Modelle wählen. Vintage-Händlerin Lee sagt, ihre Kunden ignorierten die traditionellen Kategorien zunehmend komplett. Ein 22-jähriger Sammler wie Fry berichtet, dass er sich erst traute, kleinere und femininere Modelle zu tragen, nachdem Timothée Chalamet mit einer Cartier Panthère auf dem roten Teppich auftauchte. Ein Promi-Moment als Stil-Freibrief.
Der Einfluss der roten Teppiche ist ohnehin enorm. Händler berichten, dass junge Käufer mit Screenshots von Oscar-Looks in die Läden kommen und gezielt nach ähnlichen Modellen fragen. Nicht nur Rolex und Patek zählen, sondern auch ungewöhnlichere, weniger offensichtliche Namen. Das passt zum kulturellen Selbstbild einer Generation, die sich gern über Individualität definiert – und sich dabei paradoxerweise sehr genau an kuratierten Vorbildern orientiert.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Trends: Die Generation, die jederzeit überall die Uhrzeit sehen kann, interessiert sich ausgerechnet für Uhren, die oft weniger über Zeit erzählen als über Geschmack. Nicht die Funktion zählt, sondern das Gefühl. Nicht das Ticken, sondern das Bild. Nicht die Präzision, sondern die Patina.
Oder anders gesagt: Gen Z trägt keine Uhren, um pünktlich zu sein. Sondern um auszusehen, als hätten sie eine Vergangenheit.
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