Eine junge Frau aus Norddeutschland spricht offen über den langen Kampf mit ihrem Körper – und gegen die Essstörung, die ihr Leben über Jahre bestimmt hat. Schon im Kindesalter begannen ihre Probleme mit dem Essen, ausgelöst durch Schönheitsideale, Leistungsdruck und den ständigen Vergleich mit makellosen Körperbildern in sozialen Medien. Heute ist sie Anfang 20 – und obwohl sie eine Therapie absolviert hat, begleitet die Krankheit sie bis heute.
Ein subtiler Beginn – und ein langsamer Absturz
Alles begann, als sie gerade einmal elf oder zwölf Jahre alt war. Erst fehlte ihr der Appetit, später geriet sie in immer heftigere Essanfälle. Schließlich entwickelte sich daraus eine Bulimie. Zu diesem Zeitpunkt verstand sie selbst kaum, was mit ihr passierte. Die Unsicherheit über ihr Aussehen und das Gefühl, nie richtig in den eigenen Körper hineinzupassen, wuchs über Jahre hinweg.
In Mecklenburg-Vorpommern leben Schätzungen zufolge mehrere Zehntausend Menschen mit Essstörungen. Besonders betroffen sind junge Frauen – und viele von ihnen geraten früh in den Sog einer Erkrankung, die oft spät erkannt oder lange verschwiegen wird.
Die Macht sozialer Medien: Perfektion als täglicher Druck
Die junge Frau beschreibt, wie sehr sie die Präsenz von Social Media geprägt hat: überall perfekte Körper, dünne Silhouetten, scheinbar mühelose Schönheit. Vor allem Plattformen wie TikTok hätten mit Trends wie „SkinnyTok“ einen gefährlichen Einfluss. Die ständige Konfrontation mit idealisierten Körperformen habe sie zunehmend unter Druck gesetzt.
Es sei kaum vorstellbar, wie selten sie in den Spiegel schauen könne, ohne ihren Körper abzulehnen. „Perfekt“ zu sein, schien wie die einzige Möglichkeit, glücklich zu werden.
Der Wendepunkt: Das Gefühl, zu dick zu sein
Mit 17 kam der Moment, der alles veränderte: Sie empfand sich plötzlich als „zu dick“, obwohl ihr Gewicht im völlig normalen Bereich lag. Doch ihr eigenes Körperbild war bereits so verzerrt, dass sie sich zum Abnehmen gezwungen fühlte. Genau in dieser Phase stieß sie erstmals bewusst auf bulimisches Verhalten – ein gefährlicher Ausweg, der sich schließlich verselbstständigte.
Heimliches Erbrechen – und die wachsende Scham
Was als verzweifeltes Experiment begann, wurde schnell zur Regel. Aus Angst, jemand könne sie bemerken, suchte sie abgelegene Orte auf, um sich zu übergeben – weit weg vom Badezimmer, weit weg vom Blick anderer. Die Scham war groß, aber der Druck, schlanker zu werden, war größer.
Die körperliche Belastung blieb nicht aus: Schwäche, Kreislaufprobleme, Zusammenbrüche. Doch der Teufelskreis aus Essanfällen und Erbrechen führte weiter in die Krankheit hinein.
Der Wunsch nach Veränderung – und der Schritt in die Therapie
Anfang 2024 erlebte sie einen plötzlichen inneren Wendepunkt. Der Wunsch, gesund zu werden, wurde stärker als alles andere. Sie begann, wieder normal zu essen, suchte Hilfe und erhielt schließlich die Diagnose Bulimie. Die Therapie war ein erster wichtiger Schritt – aber keine sofortige Lösung.
Zwischen Essanfällen und Verzicht – ein Leben in Extremen
Bis heute wechseln sich Phasen des kaum Essens mit massiven Fressanfällen ab. Besonders Süßigkeiten und salzige Snacks dienen ihr dann als kurzfristiger Trost. An anderen Tagen versucht sie, die aufgenommenen Kalorien durch wenig Essen oder übermäßige Bewegung auszugleichen. Das Muster sei ihr bewusst, aber schwer zu durchbrechen.
Der Wunsch nach Normalität: Ein Leben ohne Zwang
Was sie sich am meisten wünscht, ist nicht der „perfekte Körper“, sondern die Fähigkeit, sich selbst anzunehmen. Essen soll wieder normal werden – nicht mit Angst verbunden, nicht mit Scham. Die Vorstellung, sich so akzeptieren zu können, wie sie ist, wirkt für sie wie ein Fernziel, aber eines, das sie erreichen will.
Hilfe für Betroffene: Selbsthilfe in Norddeutschland
Gemeinsam mit einer regionalen Beratungsstelle plant die junge Frau, eine Selbsthilfegruppe für Jugendliche und junge Erwachsene mit Essstörungen zu gründen. Solche Gruppen können Betroffenen Halt geben, Wege aus der Isolation öffnen und Mut machen – doch dafür benötigen die Vereine finanzielle Unterstützung, etwa für Beratungsangebote und digitale Infrastruktur.
Die Benefizaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ soll dazu beitragen, diese Angebote langfristig zu sichern. Denn Menschen mit Essstörungen brauchen nicht nur medizinische Hilfe – sondern auch Orte, an denen sie sich verstanden fühlen.
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