Es gibt Dinge, die kann man als Borussia-Fan einfach nicht mehr hören. „Wir haben gut trainiert.“ „Die Mannschaft zieht hervorragend mit.“ „Wir haben viele positive Ansätze gesehen.“ Und mein persönlicher Favorit: „Wir müssen uns jetzt für unseren Aufwand belohnen.“
Liebe Borussia, ich wäre schon zufrieden, wenn wir uns überhaupt mal für irgendetwas belohnen würden. Beispielsweise mit drei Punkten. Das wäre doch mal ein völlig verrückter Ansatz.
Vier Bundesliga-Spiele, vier Niederlagen, null Punkte. Tabellenletzter. Früher haben wir über Europa diskutiert, heute diskutieren wir darüber, ob wir gegen einen Regionalligisten vielleicht schon einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben.
Aber immerhin: Wir haben jetzt angeblich fünf Gewinner unter unserem neuen Trainer Alexander Blessin.
Fünf Gewinner! Bei einem Verein, der noch keinen einzigen Punkt geholt hat.
Diesen Humor muss man erst einmal haben.
Blessin ist da – und plötzlich können alle wieder Fußball spielen?
Alexander Blessin ist seit knapp drei Wochen im Amt. Der Mann hat mein Mitgefühl. Er kommt nach Gladbach, schaut auf die Tabelle und muss wahrscheinlich erst einmal kontrollieren, ob er versehentlich die Tabelle auf den Kopf gestellt hat.
Nein, Alexander. Das ist tatsächlich der letzte Platz.
Jetzt soll alles anders werden. Aggressiveres Pressing, mehr Tempo, mehr Leidenschaft, mehr Zug zum Tor. Klingt wunderbar. Genau das erzählen uns Trainer schließlich seit Jahren.
Aber Blessin hat natürlich eine faire Chance verdient. Schließlich kann er nichts für das, was ihm seine Vorgänger hinterlassen haben.
Nur eines sollte er wissen: In Mönchengladbach ist die Geduld inzwischen ungefähr so ausgeprägt wie die Treffsicherheit unserer Offensive in schlechten Zeiten.
Shuto Machino: Zwei Tore – da wird man ja direkt misstrauisch
Nehmen wir Shuto Machino.
Der Mann trifft gegen die Sportfreunde Siegen gleich zweimal. Zweimal! An einem Nachmittag!
Als Borussia-Fan fragt man sich da unwillkürlich, ob der Schiedsrichter die Tore tatsächlich anerkannt hat oder ob der VAR noch irgendwo einen Grund findet, beide Treffer zurückzunehmen.
Natürlich freue ich mich über jeden Spieler, der weiß, wo das gegnerische Tor steht. Aber gegen Siegen zu treffen und in der Bundesliga die gegnerische Abwehr auseinanderzunehmen, sind nun einmal zwei unterschiedliche Veranstaltungen.
Machino darf gerne weitermachen. Am liebsten schon am Sonntag in Köln. Dann könnte aus einem Testspielsieger tatsächlich ein Derbyheld werden.
Robin Hack: Bitte einfach mal gesund, gefährlich und treffsicher bleiben
Robin Hack gehört ebenfalls zu denen, die unter Blessin wieder Hoffnung machen.
Sein Tor gegen Siegen war schön. Wirklich.
Und natürlich weiß jeder Gladbach-Fan, dass Hack an guten Tagen ein Fußballspiel entscheiden kann.
An schlechten Tagen entscheiden wir allerdings vor allem eines: dass die drei Punkte beim Gegner bleiben.
Ich wünsche mir von Hack deshalb gar keine Wunderdinge. Ein bisschen Tempo, ein paar vernünftige Abschlüsse und gelegentlich ein Ball, der nicht auf der Tribüne landet, würden meinem seelischen Gleichgewicht schon erheblich helfen.
Florian Neuhaus: Die ewige Hoffnung auf den Neustart
Ach, Florian Neuhaus.
Wie viele Neustarts kann ein Fußballer eigentlich erleben?
Neuer Trainer, neues System, neue Chance. Gefühlt schreiben wir diese Geschichte schon seit der Erfindung des Farbfernsehers.
Dabei kann Neuhaus Fußball spielen. Das weiß jeder, der ihn einmal in Bestform gesehen hat.
Nur wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn wir diese Bestform nicht ausschließlich aus Erinnerungen kennen würden.
Vielleicht ist Blessin tatsächlich der Trainer, der Neuhaus wieder dauerhaft zu einem wichtigen Mann macht.
Ich würde es ihm wünschen. Borussia übrigens auch.
Aber diesmal bitte nicht nur für zwei Testspiele und eine schöne Trainingswoche.
Kevin Stöger: Wenigstens bei den Standards darf man hoffen
Kevin Stöger gehört zu den Spielern, bei denen man gelegentlich das Gefühl bekommt, dass eine Ecke tatsächlich einen Plan verfolgt.
Das ist bei Borussia Mönchengladbach keine Selbstverständlichkeit.
Manchmal sehen unsere Standards schließlich aus, als seien sie unmittelbar vor der Ausführung demokratisch diskutiert und anschließend ohne Mehrheitsbeschluss ins Nirgendwo geschlagen worden.
Stöger kann gute Bälle spielen. Er hat Übersicht, Erfahrung und einen ordentlichen linken Fuß.
Wenn Blessin es schafft, daraus wieder regelmäßig gefährliche Situationen entstehen zu lassen, wäre das immerhin ein Anfang.
Aber auch hier gilt: Eine hübsche Ecke gegen St. Pauli ersetzt noch keinen Sieg im Derby.
Fritz Fleck: Jung, hungrig und hoffentlich noch nicht vom Gladbach-Virus angesteckt
Und dann wäre da noch Fritz Fleck.
19 Jahre alt, mutig, mit guten Aktionen im Testspiel gegen Siegen.
Wunderbar!
Junge Spieler, die einfach Fußball spielen wollen, ohne vorher drei Jahre lang über unsere komplizierte sportliche Situation nachgedacht zu haben, sind vielleicht genau das, was wir brauchen.
Allerdings sollten wir aufpassen.
In Gladbach haben wir schon manchen Nachwuchsspieler nach zwei gelungenen Aktionen zum nächsten Nationalspieler erklärt.
Drei Wochen später durfte er dann wieder auf der Bank darüber nachdenken, was aus seiner Karriere geworden ist.
Also bitte: Fleck fördern, ihm Zeit geben und ihn nicht gleich zum neuen Retter der Borussia ernennen.
Das haben wir schon oft genug versucht.
Und jetzt ausgerechnet Köln!
Als wäre die Lage nicht schon deprimierend genug, wartet am Sonntag auch noch das Derby gegen den 1. FC Köln.
Ausgerechnet Köln!
Es gibt Spiele, die darf man verlieren. Und es gibt Spiele, bei denen der Gedanke an eine Niederlage schon am Donnerstag schlechte Laune verursacht.
Dieses Derby gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Ich erwarte gar keinen Zauberfußball. Kein Tiki-Taka, keine kunstvollen Kombinationen, keine wundersame Rückkehr in die Zeiten von Günter Netzer, Jupp Heynckes oder Marco Reus.
Ich will elf Spieler sehen, die verstanden haben, welches Trikot sie tragen.
Die kämpfen. Die laufen. Die einem verlorenen Ball hinterhergehen, als gäbe es anschließend kein Abendessen.
Und die vor allem eines begriffen haben: Ein Derby ist kein Testspiel gegen Siegen.
Liebe Borussia, ich will keine Trainingsweltmeister mehr!
Natürlich weiß ich, dass ein neuer Trainer Zeit braucht.
Natürlich weiß ich auch, dass man eine verunsicherte Mannschaft nicht innerhalb von drei Wochen in ein Spitzenteam verwandeln kann.
Aber irgendwann reicht es eben nicht mehr, immer nur von Fortschritten zu erzählen.
Wir Fans fahren ins Stadion, bezahlen Eintrittskarten, kaufen Trikots, stehen im Regen, ärgern uns über Fehlpässe und erklären montags den Kollegen, warum wir uns diesen Verein eigentlich immer noch antun.
Und wissen Sie was?
Am nächsten Wochenende sind wir trotzdem wieder da.
Weil Borussia eben Borussia ist.
Weil man sich seinen Verein nicht nach Tabellenplatz aussucht.
Und weil wir trotz aller Enttäuschungen jedes Mal aufs Neue hoffen, dass diesmal wirklich alles besser wird.
Mein Fazit: Fünf Gewinner interessieren mich nicht – ich will elf Kämpfer!
Ob Machino, Hack, Neuhaus, Stöger oder Fleck: Jeder Spieler, der unter Alexander Blessin einen Schritt nach vorn macht, ist willkommen.
Aber seien wir doch einmal ehrlich.
Solange Borussia Mönchengladbach am Tabellenende steht, interessiert mich die Zahl der individuellen Gewinner nur am Rande.
Ich möchte endlich wieder eine Mannschaft sehen, die zusammen gewinnt.
Und wenn sie dabei schlecht spielt, den Ball dreimal verstolpert und das entscheidende Tor in der 93. Minute mit dem Hinterteil erzielt, ist mir das mittlerweile völlig egal.
Hauptsache, die Punkte kommen nach Gladbach.
Also, Herr Blessin: Machen Sie aus den fünf Gewinnern bitte elf Spieler, die am Sonntag in Köln alles geben.
Denn eines ist sicher:
Sollten wir das Derby auch noch verlieren, braucht es nächste Woche keine Schlagzeile über fünf Gewinner. Dann reicht die Überschrift: „Gladbach-Fans erneut die großen Verlierer.“
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