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Fragwürdige Entwicklungen bei der HEP-Gruppe – Rechtsanwalt Jens Reime im Gespräch

ghasoub (CC0), Pixabay
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Faszination Solarenergie, enttäuschte Anleger, juristische Risiken – Rechtsanwalt Jens Reime im Interview zur HEP-Gruppe

Über 6.000 deutsche Anlegerinnen und Anleger haben der HEP-Gruppe ihr Vertrauen geschenkt – in der Hoffnung auf nachhaltige Rendite durch Investitionen in Solarenergie. Doch aktuelle Zahlen zeigen: Die Realität liegt teils weit hinter den Erwartungen. Im Interview erklärt Rechtsanwalt Jens Reime, was aus seiner Sicht nun zu tun ist – und warum das System hinter solchen Anlagemodellen generell kritisch hinterfragt werden sollte.


Herr Reime, Sie vertreten Anleger, die in verschiedene Produkte der HEP-Gruppe investiert haben. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Jens Reime: Die hep-Gruppe steckt meiner Einschätzung nach in einer tiefen wirtschaftlichen Schieflage. Was uns aktuell aus Leistungsbilanzen, Jahresabschlüssen und Anlegerinformationen bekannt ist, zeigt deutliche Warnsignale: Rückgänge bei Ausschüttungen, massive Abschreibungen, verschobene Rückzahlungen und eine bilanzielle Überschuldung. Für Anleger ist das eine äußerst prekäre Lage – zumal viele ihre Altersvorsorge oder große Summen in die Fonds investiert haben.


Die frühen hep-Fonds liefen vergleichsweise gut – aber sie waren kleinvolumig. Spätere Publikumsfonds mit breiter Anlegerbasis zeigen teils massive Verluste. Was bedeutet das für die Betroffenen?

Reime: Viele Anleger wurden von der positiven Darstellung der Leistungsbilanzen der ersten Fonds ermutigt, ebenfalls zu investieren. Doch diese Erfolge lassen sich nicht eins zu eins auf die großvolumigen Publikumsfonds übertragen. Die Realität sieht so aus, dass bei Fonds wie dem „HEP Solar Portfolio 1“ oder dem „Solar Portfolio 2“ teilweise 30 % und mehr der Einlagen verloren gingen – teils schon im ersten Jahr. Die Lücke zwischen Versprechen und Wirklichkeit ist hier gravierend.


Auch institutionelle Investoren sind betroffen – etwa über sogenannte Spezial-AIFs. Gibt es hier besondere Risiken?

Reime: Ja, und das ist brisant. Wenn bei einem Fonds wie dem „HEP Solar USA 4“ der Nettoinventarwert innerhalb eines Jahres von 103 % auf 24 % fällt, ist das ein Alarmzeichen. Noch schlimmer wird es, wenn die Ursachen für solche Abschreibungen nicht transparent kommuniziert werden. Intransparenz ist ein massives Problem – sowohl bei den Investments selbst als auch bei der Informationspolitik gegenüber Anlegern.


Ein weiterer Kritikpunkt: Die Nachrangdarlehen, deren Rückzahlung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Was heißt das für die Betroffenen juristisch?

Reime: Nachrangdarlehen bergen ohnehin ein hohes Risiko – sie stehen im Insolvenzfall ganz hinten in der Gläubigerkette. Wenn dann auch noch Rückzahlungen wegen einer „vorinsolvenzrechtlichen Durchsetzungssperre“ verweigert werden, heißt das: Das Geld ist blockiert – und niemand weiß, wann oder ob es zurückkommt. Viele Anleger wurden über diese Risiken nicht hinreichend aufgeklärt. In solchen Fällen prüfen wir mögliche Schadenersatzansprüche – etwa wegen Falschberatung oder Prospektfehlern.


Stichwort Prospekte und Leistungsbilanzen: Hier gab es teils nachträgliche Anpassungen von Soll-Werten oder fehlende Angaben. Ist das aus Ihrer Sicht zulässig?

Reime: Zulässig ist es, wenn Änderungen transparent, nachvollziehbar und im Einklang mit den gesetzlichen Anforderungen erfolgen. Doch genau das ist aus meiner Sicht hier oft nicht gegeben. Wenn Prognosen nachträglich stillschweigend gestrichen oder nicht einmal beziffert werden, stellt sich die Frage: Wurden Anleger hier bewusst getäuscht oder zumindest in die Irre geführt? Ich halte das für angreifbar und für ein massives Vertrauensproblem.


Die Bilanzen zeigen eine Überschuldung – dennoch wurden zentrale Konzernteile an eine neue Holding verkauft, die dem hep-Umfeld zugeordnet wird. Wie sehen Sie diese Umstrukturierung?

Reime: Die Transaktionen wirken wie ein klassischer Versuch, bilanziell aufzuräumen, ohne die Substanz zu stärken. Es besteht der Verdacht, dass hier werthaltige Unternehmensteile in eine neue Hülle verschoben wurden – finanziert über Darlehen aus dem Konzern selbst. Das kann zulasten der Anleger gehen, die in die ursprünglichen Strukturen investiert haben. Solche Vorgänge müssen aus unserer Sicht auf ihre rechtliche Zulässigkeit geprüft werden, insbesondere unter dem Aspekt der Insolvenzverschleppung oder Gläubigerbenachteiligung.


Was können betroffene Anleger jetzt konkret tun?

Reime: Anleger sollten ihre Beteiligungen dringend juristisch überprüfen lassen – insbesondere im Hinblick auf Beratungsprotokolle, Prospektinhalte und Informationspflichten. Wer über Risiken nicht vollständig aufgeklärt wurde oder wem ein realistisches Bild der Kapitalanlage vorenthalten wurde, hat unter Umständen Anspruch auf Rückabwicklung oder Schadenersatz. Zudem ist wichtig, dass Anleger sich zusammenschließen – etwa in Interessengemeinschaften –, um mehr Durchsetzungskraft gegenüber Vertrieb, Emittent oder auch Banken zu haben.


Gibt es bereits rechtliche Schritte – etwa gegenüber Beratern oder Vermittlern?

Reime: Ja, wir bereiten aktuell Klagen vor und prüfen auch Vergleiche. Besonders relevant sind dabei Haftungsfragen nach dem WpHG sowie nach dem Vermögensanlagengesetz. Wenn beispielsweise Vermittler die Anleihen oder Fonds als „sicher“ verkauft haben, obwohl deutliche Risiken bestanden, dann kann das haftungsrelevant sein. Auch die BaFin wird hier aus unserer Sicht prüfen müssen, ob weitere Maßnahmen wie eine öffentliche Verbraucherwarnung notwendig sind.


Letzte Frage: Hat dieser Fall Symbolcharakter für einen breiteren Trend?

Reime: Absolut. Das Beispiel hep zeigt, wie Nachhaltigkeitsversprechen, komplexe Fondsstrukturen und intransparente Zahlenwerke ein gefährliches Gemisch ergeben können. Anleger werden mit grünen Siegeln und ökologischen Narrativen geködert – doch was wirtschaftlich dahintersteckt, bleibt oft unklar. Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem im Graumarktsegment. Deshalb braucht es mehr Aufklärung, mehr Kontrolle – und vor allem: mehr Ehrlichkeit im Vertrieb.


Fazit:
Anlegerinnen und Anleger der hep-Gruppe stehen vor großen Herausforderungen – und vielen offenen Fragen. Rechtsanwalt Jens Reime rät zur aktiven Prüfung möglicher Ansprüche und fordert zugleich stärkere Kontrolle durch Aufsicht und Vertrieb. Der Fall hep zeigt: Auch bei nachhaltigen Investments gilt – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

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