In Kuba trägt der Name Castro noch immer politisches Gewicht. Für viele ist er Mythos, Machtgeschichte und Trauma zugleich. Sandro Castro, Enkel des 2016 gestorbenen Revolutionsführers Fidel Castro, scheint daraus vor allem eines machen zu wollen: eine Marke.
Der 33-Jährige betreibt Nachtclubs in Havanna, inszeniert sich auf Instagram mit provokanten Videos und äußert sich inzwischen offen politisch – zumindest so weit, wie es in Kuba möglich ist. In einem Gespräch sagte er nun, viele Kubaner dächten längst kapitalistisch. Mehr noch: „Ich denke, die Mehrheit der Kubaner will kapitalistisch sein, nicht kommunistisch.“
Es ist ein Satz, der auf der Insel schwerer wiegt, als er auf den ersten Blick klingt. Nicht nur, weil er aus dem Mund eines Castro kommt. Sondern auch, weil er den Widerspruch verdichtet, der Kuba seit Jahren prägt: Ein sozialistischer Staat, dessen Realität längst von Mangel, Improvisation und dem Wunsch nach privatem Auskommen bestimmt wird.
Ein Castro als Social-Media-Figur
Wenn die Castros für manche Kubaner so etwas wie eine politische Dynastie sind, dann ist Sandro Castro ihr auffälligster Ausreißer. Während andere Familienmitglieder über Jahrzehnte weitgehend abgeschirmt blieben, sucht er die Öffentlichkeit geradezu demonstrativ.
Auf Instagram folgen ihm mehr als 150.000 Menschen. Dort zeigt er sich in Nachtclubs, mit Bier in der Hand, in Designerklamotten, mit spöttischen Clips über Stromausfälle, Benzinknappheit und die politische Krise des Landes. Seine Videos schwanken zwischen Satire, Selbstvermarktung und kalkulierter Provokation.
Der Effekt ist vorhersehbar:
In einem Land, in dem stabiles Internet vielerorts noch immer Luxus ist, wirkt ein Castro-Enkel, der sich wie ein Influencer inszeniert, fast wie eine Figur aus einer Parallelrealität.
Privilegien in einem Land des Mangels
Dass Sandro Castro polarisiert, liegt nicht nur an seinen Aussagen, sondern an der Fallhöhe zwischen seinem Lebensstil und der Lage vieler Kubaner.
Während große Teile der Bevölkerung unter:
- Stromausfällen
- Wassermangel
- Lebensmittelknappheit
- Treibstoffkrisen
- und einem dramatischen Kaufkraftverlust
leiden, zeigt sich Castro in einem modern ausgestatteten Apartment in Havanna, mit importierten Geräten, gekühltem Bier und eigener Stromversorgung über einen EcoFlow-Batteriegenerator.
Er selbst bestreitet, im Luxus zu leben. Er sei nicht „Dubai-reich“, sagt er. Keine Yachten, keine Paläste, nicht einmal genug Benzin fürs Auto. In einem Land, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen teils unter 20 Dollar liegt, wirkt diese Relativierung allerdings unerquicklich.
Dass sein Nachtclub nach eigenen Angaben „nur“ 50.000 Dollar gekostet habe, dürfte für viele Kubaner weniger beruhigend als entlarvend sein.
Die Wut von links und rechts
Sandro Castro gehört damit zu jenen seltenen Figuren, die in Kuba nahezu alle politischen Lager gegen sich aufbringen.
Für viele Exilkubaner, die nach der Revolution 1959 flohen, verkörpert er die Ironie der Geschichte: ein Nachfahre eines Systems, das private Unternehmen jahrzehntelang bekämpfte – und nun selbst vom Glamour, Konsum und Unternehmertum lebt.
Für linientreue Revolutionäre ist er das Gegenteil: ein Verräter an der alten Idee, der aus seinem Nachnamen Kapital schlägt und das revolutionäre Erbe für Klicks und Aufmerksamkeit ausbeutet.
Der Soziologe Ted Henken vom Baruch College in New York beschreibt den Mechanismus nüchtern: Empörung bringt Reichweite. Man schaue hin, gerade weil man sich ärgere. Oder, zugespitzt gesagt: Die Ablehnung ist Teil des Geschäftsmodells.
Satire mit Donald Trump
Besonders aufsehenerregend war zuletzt ein Video, in dem ein Schauspieler mit schlecht sitzender Perücke Donald Trump spielt und bei Sandro Castro auftaucht, um Kuba kaufen zu wollen.
„Wir können Geschäfte machen, weil du ein Showman und Geschäftsmann bist wie ich“, sagt der falsche Trump in dem Clip.
Die Szene ist offensichtlich als Satire gemeint. Doch in Kuba ist selbst Satire selten unpolitisch. Denn das Land hat seine Bevölkerung in den vergangenen Monaten mehrfach auf einen möglichen Konflikt mit den USA eingeschworen. Vor diesem Hintergrund wirkt ein derartiger Clip zugleich absurd, riskant – und typisch Sandro Castro.
Er sagt, er wolle die Menschen in einer angespannten, traurigen Lage wenigstens zum Lächeln bringen. Er mache sich nicht über ein Problem lustig, unter dem er selbst leide.
Das ist formal nicht falsch. Nur sieht sein Leiden eben anders aus als das vieler anderer Kubaner.
Kritik an Díaz-Canel – ohne Bruch mit dem System
Auffällig ist, dass Sandro Castro die Grenzen seiner Kritik genau zu kennen scheint. Er kritisiert offen die Bürokratie, die wirtschaftliche Stagnation und den derzeitigen Präsidenten Miguel Díaz-Canel. Auf die Frage, ob dieser gute Arbeit leiste, antwortete er sinngemäß: nein.
Gleichzeitig vermeidet er den offenen Bruch mit dem System. Er bezeichnet sich selbst als „Revolutionär“ – allerdings als einen „Revolutionär der Ideen, des Fortschritts, des Wandels“. Eine Formulierung, die bewusst modern klingt und doch nicht frontal gegen die Machtstrukturen gerichtet ist.
Auch über seinen Großvater Fidel und Großonkel Raúl Castro spricht er mit Respekt. Ob die von ihnen angeführte Revolution das Leben auf Kuba verbessert habe, will er allerdings nicht klar beantworten. Er sei erst nach 1959 geboren, sagt er – also könne er das nicht beurteilen.
Es ist eine bemerkenswert bequeme Ausflucht für jemanden, der sich ansonsten gern pointiert äußert.
Kapitalismus – aber mit Souveränität
Am deutlichsten wird Sandro Castro dort, wo es um Wirtschaft geht. Er klagt über Bürokratie, fordert die Öffnung des Wirtschaftsmodells und will selbst mehr Geschäfte machen: mehr Clubs, mehr Autos, vielleicht sogar eine eigene Biermarke.
Die Pointe:
Er kritisiert damit genau jene wirtschaftlichen Fesseln, die das System geschaffen hat, dessen prominentester Familienname er trägt.
Seine Formel lautet: Kapitalismus mit Souveränität.
Viele Menschen in Kuba wollten nicht zwingend amerikanisiert werden, wohl aber unternehmerisch handeln können. Private Initiative, wirtschaftliche Freiräume, weniger staatliche Hürden – ohne die nationale Selbstbestimmung aufzugeben. In dieser Lesart ist sein Kapitalismus kein ideologischer Frontwechsel, sondern ein pragmatischer Überlebensreflex.
Warum ein Deal mit Trump für ihn denkbar ist
Gerade deshalb äußert sich Sandro Castro überraschend offen zu einem möglichen Deal mit Donald Trump. In seiner Darstellung könnte eine Verständigung mit Washington Kuba wirtschaftlich verändern – möglicherweise sogar beleben.
Das ist politisch heikel. Denn Trump steht in Kuba nicht nur für Konfrontation, Sanktionen und Drohungen, sondern auch für das Wiederaufleben einer alten Feindbildlogik. Gleichzeitig ist genau diese Feindbildlogik für die kubanische Führung seit Jahrzehnten ein zentrales innenpolitisches Instrument.
Ein Deal mit Trump wäre also nicht einfach nur Wirtschaftspolitik. Er wäre eine symbolische Zäsur.
Dass ausgerechnet ein Castro-Enkel diese Möglichkeit offensiv anspricht, zeigt, wie weit sich die politischen Koordinaten auf der Insel verschoben haben.
Eine Generation nach der Revolution
Sandro Castro ist nicht Fidel Castro. Das ist banal – und zugleich entscheidend.
Er steht für eine Generation, die:
- die Revolution nicht erlebt hat
- ihre Erzählungen aber geerbt hat
- im Mangel sozialisiert wurde
- zugleich aber längst in digitalen Bildern, Konsumversprechen und globalen Symbolen lebt
Er spricht die Sprache der sozialen Medien, nicht die des Parteitags.
Er argumentiert mit Geschäftsideen, nicht mit Klassenkampf.
Und er weiß, dass in Kuba selbst Provokation oft nur deshalb möglich ist, weil sie von einem privilegierten Nachnamen getragen wird.
Ein privilegierter Kritiker – oder nur ein Symptom?
Ob Sandro Castro ein ernstzunehmender politischer Indikator ist, bleibt offen. Vieles an ihm wirkt kalkuliert, narzisstisch, überzeichnet. Er ist weder Dissident im klassischen Sinn noch Vertreter der alten Macht. Eher eine schillernde Figur dazwischen.
Gerade deshalb ist er interessant.
Denn in seiner Person verdichten sich zentrale Widersprüche des heutigen Kuba:
- revolutionäre Symbolik trifft auf kapitalistische Sehnsucht
- staatlicher Gleichheitsanspruch trifft auf sichtbare Privilegien
- antiimperialistische Rhetorik trifft auf Faszination für Marken, Immobilien und Geschäfte
- politische Kontinuität trifft auf ökonomische Erschöpfung
Sandro Castro ist damit womöglich weniger ein politischer Akteur als ein Spiegel der kubanischen Gegenwart: schrill, widersprüchlich, unerquicklich – und kaum zu ignorieren.
Fazit
Wenn Fidel Castros Enkel sagt, die Mehrheit der Kubaner wolle kapitalistisch sein, dann ist das nicht nur eine Provokation. Es ist auch ein Hinweis darauf, wie weit sich die gesellschaftliche Realität von der offiziellen Ideologie entfernt hat.
Dass dieser Satz ausgerechnet von einem Castro kommt, verleiht ihm eine besondere Ironie.
Denn die Familie, die das Land jahrzehntelang auf sozialistischen Kurs hielt, produziert nun einen Nachfahren, der sich mit Unternehmerpose, Social-Media-Satire und einem möglichen Deal mit Trump in Szene setzt.
Vielleicht ist das keine politische Wende.
Aber es ist ein Symptom.
Und in Kuba sind Symptome manchmal aufschlussreicher als Parolen.
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