Im tropischen Pazifik entwickelt sich derzeit ein außergewöhnlich starker El Niño. Die Temperaturen an der Meeresoberfläche steigen so schnell, dass täglich neue Rekordwerte gemessen werden. Klimaforscher halten es inzwischen für möglich, dass dieses Ereignis alle bisherigen El-Niño-Phasen seit Beginn zuverlässiger Aufzeichnungen übertreffen könnte.
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, bei dem sich große Teile des äquatorialen Pazifiks ungewöhnlich stark erwärmen. Die Veränderungen beeinflussen Luftströmungen, Niederschläge und Temperaturen auf der ganzen Welt. Mögliche Folgen reichen von Dürren und Hitzewellen bis zu Starkregen, Überschwemmungen und schweren wirtschaftlichen Schäden.
Der Wissenschaftler Zeke Hausfather von der Forschungsorganisation Berkeley Earth bezeichnete die aktuelle Entwicklung als möglicherweise stärksten El Niño seit Beginn der verlässlichen Messungen. Das Ereignis könne frühere Rekorde sogar mit außergewöhnlich großem Abstand übertreffen.
Welche konkreten Folgen die Erwärmung in den kommenden zwölf bis 18 Monaten haben wird, lässt sich noch nicht sicher vorhersagen. Klimaforscher gehen jedoch davon aus, dass El Niño die globalen Durchschnittstemperaturen zusätzlich anheben wird. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass 2026 oder spätestens 2027 das bislang wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen wird.
Erste Auswirkungen sind bereits in den Vereinigten Staaten zu beobachten. Im Atlantik wird die Entstehung tropischer Wirbelstürme gedämpft. Gleichzeitig erleben Teile Kaliforniens ungewöhnlich hohe Temperaturen und eine starke Luftfeuchtigkeit. Der Bundesstaat gehört zu den Regionen, die besonders empfindlich auf einen starken El Niño reagieren.
Messungen der US-Wetterbehörde NOAA zeigen, dass das Wasser im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik im Juli noch nie so warm war wie derzeit. Die Temperaturen haben bereits jene Schwelle überschritten, ab der Fachleute von einem sehr starken El Niño sprechen.
Nach Angaben von Hausfather entwickelt sich die Erwärmung sogar schneller als während des starken Ereignisses von 1997 und 1998. Dieses hatte weltweit schwere Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände und Ernteausfälle verursacht.
Besonders besorgt sind Wissenschaftler über das Zusammenspiel mit dem menschengemachten Klimawandel. El Niño tritt zwar auf natürliche Weise auf, trifft diesmal jedoch auf einen Planeten, der bereits deutlich wärmer ist als in früheren Jahrzehnten.
Der Klimaforscher Daniel Swain von der University of California sprach von einer bislang beispiellosen Kombination. Frühere El-Niño-Ereignisse hätten die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend um etwa 0,3 Grad Celsius erhöht. Dieser zusätzliche Effekt komme nun zur langfristigen, durch Treibhausgase verursachten Erwärmung hinzu.
In Teilen der El-Niño-Region liegen die Meeresoberflächentemperaturen derzeit bis zu rund 3,3 Grad Celsius über dem für diese Jahreszeit üblichen Wert. Nach Einschätzung der Organisation Climate Central ist eine derart starke Erwärmung durch den Klimawandel wesentlich wahrscheinlicher geworden.
Die meisten Klimamodelle sagen voraus, dass das aktuelle Ereignis stärker ausfallen könnte als der bisherige Rekord-El-Niño von 2015 und 2016. Hausfather und sein Kollege Robert Rohde halten es für wahrscheinlicher als nicht, dass der neue El Niño der stärkste jemals beobachtete wird.
Ein sehr starker El Niño kann die Wetterabläufe in zahlreichen Weltregionen verändern. In den Vereinigten Staaten verstärkt er häufig den sogenannten Jetstream. Dadurch können im Winter mehr und intensivere Stürme über Kalifornien, den Südwesten und die südlichen Bundesstaaten ziehen.
Einige der niederschlagsreichsten Winter Kaliforniens traten während besonders starker El-Niño-Phasen auf. Mehr Regen könnte die Wasserversorgung verbessern, zugleich aber die Gefahr von Überschwemmungen, Erdrutschen und Schäden an der Infrastruktur erhöhen.
Auch die Aktivität tropischer Wirbelstürme kann sich verlagern. Während El Niño die Hurrikansaison im Atlantik häufig abschwächt, kann er die Entstehung von Stürmen im östlichen Pazifik begünstigen.
Auf globaler Ebene sind die Folgen sehr unterschiedlich. Manche Regionen könnten von katastrophalen Überschwemmungen betroffen sein, während andernorts Dürren, Waldbrände und Ernteausfälle drohen. El Niño kann zudem Fischbestände beeinträchtigen, die Lebensmittelproduktion stören und wirtschaftliche Verluste in Billionenhöhe verursachen.
Der Wirtschafts- und Klimaforscher Justin Mankin vom Dartmouth College erklärte, die derzeitigen Vorhersagen deuteten darauf hin, dass dies der teuerste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen werden könnte.
Nach Einschätzung der Vereinten Nationen drohen unter anderem in Mittelamerika, der Karibik sowie Teilen Nord- und Südamerikas trockenere Bedingungen als üblich. Auch in Indonesien und anderen Regionen Südostasiens könnte der Monsun schwächer ausfallen.
Für Ostafrika werden dagegen während der Regenzeit von September bis Dezember überdurchschnittlich hohe Niederschlagsmengen erwartet. Diese könnten zwar nach früheren Dürren dringend benötigtes Wasser bringen, gleichzeitig aber Überschwemmungen und Erdrutsche auslösen.
Trotz der deutlichen Signale warnen Wissenschaftler vor voreiligen Schlussfolgerungen. Michael Mann, Direktor des Penn Center for Science, Sustainability and the Media an der University of Pennsylvania, hält ein historisch starkes Ereignis für wahrscheinlich. Ob es tatsächlich das stärkste jemals gemessene wird, sei aber noch nicht entschieden.
El Niño ist Teil eines komplexen und teilweise chaotischen Klimasystems. Seine Auswirkungen hängen nicht nur von den Meerestemperaturen ab, sondern auch von den Passatwinden, den Luftströmungen in großer Höhe und dem genauen Ort der stärksten Erwärmung im Pazifik.
Schon geringe Veränderungen dieser Faktoren können den weiteren Verlauf deutlich beeinflussen. Entscheidend wird unter anderem sein, wo sich das wärmste Wasser im Herbst und zu Beginn des Winters konzentriert.
Eine zusätzliche Unsicherheit besteht darin, dass die Klimamodelle mit einem Ereignis dieser möglichen Stärke kaum praktische Erfahrung haben. Sie wurden unter vergleichbaren Bedingungen bislang nicht überprüft. Die ungewöhnlich große Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Vorhersagemodellen gilt zwar als deutliches Warnsignal, garantiert aber keinen bestimmten Verlauf.
Fest steht bislang nur: Im Pazifik baut sich ein außergewöhnlich kräftiger El Niño auf. In Verbindung mit der bereits hohen globalen Erwärmung könnte er in den kommenden Monaten Wetterrekorde brechen, Naturkatastrophen verstärken und erhebliche Folgen für Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft haben.
Kommentar hinterlassen