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Essenslieferant gewinnt einen der wichtigsten Literaturpreise Chinas

joshnjovu (CC0), Pixabay
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Jahrelang schrieb Wang Jibing Gedichte zwischen Lieferfahrten, notierte Zeilen auf Papierfetzen und veröffentlichte seine Texte in sozialen Netzwerken. Nun hat der 56-jährige Essenslieferant einen der bedeutendsten Literaturpreise Chinas gewonnen.

Wang Jibing ist kein Schriftsteller aus dem klassischen Literaturbetrieb. Er hat keine akademische Karriere hinter sich, keine ruhige Schreibstube, keinen privilegierten Zugang zu Verlagen. Sein Arbeitsplatz war über Jahre die Straße: Treppenhäuser, enge Wohnblöcke, falsche Adressen, Zeitdruck, Regen, Hitze und die ständige Jagd nach der nächsten Lieferung.

Genau daraus entstand seine Literatur.

Sein Gedichtband „Low Flight“ wurde nun mit dem renommierten Lu-Xun-Literaturpreis ausgezeichnet. Der Preis ist nach Lu Xun benannt, der als einer der wichtigsten Autoren der modernen chinesischen Literatur gilt. Für Wang ist die Auszeichnung ein außergewöhnlicher Moment – und zugleich ein Symbol für eine neue Aufmerksamkeit gegenüber Arbeiterstimmen in China.

Gedichte aus dem Alltag der Lieferfahrer

Wang wurde um das Jahr 2019 Essenslieferant. Zuvor hatte er viele verschiedene Jobs angenommen. Er arbeitete unter anderem auf Baustellen, sammelte verwertbare Abfälle und verkaufte Waren an Straßenständen. Geboren wurde er in der Provinz Jiangsu. Die Schule musste er als Jugendlicher wegen finanzieller Schwierigkeiten in seiner Familie verlassen.

Die Liebe zum Lesen blieb dennoch. Über Jahre veröffentlichte Wang Gedichte und Essays in sozialen Medien. 2022 wurde eines seiner Gedichte mit dem Titel „Man in a Hurry“ im Internet bekannt. Inspiriert war es von einer frustrierenden Lieferung aus dem Jahr 2019: Ein Kunde hatte eine falsche Adresse angegeben, Wang verlor Stunden.

2023 erschien seine erste Gedichtsammlung unter dem Titel „Man in a Hurry: Poems of a Food Delivery Rider“. Ein Jahr später folgte „Low Flight“, jener Band, der ihm nun den Lu-Xun-Literaturpreis einbrachte.

„Tief fliegen ist auch fliegen“

Für „Low Flight“ sprach Wang mit rund 200 Lieferfahrern, führte Interviews und sammelte Eindrücke aus deren Arbeitsalltag. Seine Gedichte erzählen von Erschöpfung, Zeitdruck, sozialer Unsichtbarkeit und kleinen Momenten der Würde.

Eine Zeile aus seinem Werk bringt die Perspektive auf den Punkt:
„Wer sagt, dass Flügel auszubreiten bedeutet, hoch zu fliegen? Tief fliegen ist auch fliegen.“

Dieser Satz erklärt viel über Wangs Erfolg. Seine Literatur romantisiert harte Arbeit nicht. Sie macht sichtbar, was im Alltag der chinesischen Plattformökonomie oft übersehen wird: Menschen, die Essen bringen, Pakete zustellen oder einfache Dienste erledigen, erleben nicht nur wirtschaftlichen Druck. Sie beobachten, denken, fühlen – und manche schreiben darüber mit großer literarischer Kraft.

Ruhm nach schwierigen Jahren

Für Wang selbst kam die Nachricht von der Auszeichnung offenbar mit gemischten Gefühlen. Gegenüber chinesischen Staatsmedien sagte er, er sei extrem nervös gewesen, bis die Entscheidung bekannt wurde. Die mediale Aufmerksamkeit habe ihn auch psychisch belastet.

Die Höhe des Preisgeldes wird nicht öffentlich bekanntgegeben. Frühere Angaben lagen bei 100.000 Yuan, umgerechnet etwa 14.800 US-Dollar. Doch Wang will seinen Beruf trotz der Auszeichnung nicht aufgeben. Er erklärte, er wolle weiterarbeiten, bis er 60 Jahre alt sei. Finanziell sei er nicht mehr zwingend auf den Job angewiesen, aber er möge die Atmosphäre der Arbeit, außerdem halte sie ihn fit.

Der Literaturpreis werde nicht verändern, wer er sei, sagte Wang sinngemäß. Er wolle ein bodenständiges Leben führen.

Arbeiterliteratur findet neue Aufmerksamkeit

Wangs Erfolg steht nicht allein. In China finden seit einigen Jahren Texte von Arbeitern, Lieferfahrern und Wanderarbeitern größere Beachtung. Sie geben Einblick in eine Gesellschaft, deren Wohlstand stark auf der Arbeit von Menschen basiert, die oft am Rand der öffentlichen Wahrnehmung stehen.

Ein Beispiel ist das Buch „I Deliver Parcels in Beijing“ des früheren Kuriers Hu Anyan. Die Erinnerungen wurden in China ein Bestseller und fanden später auch international Aufmerksamkeit. Auch der autobiografische Essay „I am Fan Yusu“ einer Wanderarbeiterin löste 2017 eine enorme Resonanz aus. Die Aufmerksamkeit wurde so groß, dass die Autorin zeitweise ihr Zuhause verlassen musste, um dem Medienandrang zu entgehen.

Diese Texte zeigen eine andere Seite des modernen China: nicht nur technologische Macht, Großstädte und Wirtschaftswachstum, sondern auch Erschöpfung, prekäre Arbeit, soziale Mobilität und stille Sehnsucht.

Lu Xun und die Gegenwart

Dass Wang ausgerechnet mit dem Lu-Xun-Literaturpreis geehrt wird, hat besondere symbolische Bedeutung. Lu Xun gilt als einer der großen literarischen Kritiker Chinas im 20. Jahrhundert. Seine Werke beschrieben gesellschaftliche Enge, Heuchelei und die Spannungen zwischen Tradition und Moderne.

Auch heute finden Figuren aus Lu Xuns Werk bei jungen Menschen neue Resonanz. Die Figur Kong Yiji wurde in den vergangenen Jahren zu einem Internet-Symbol für Enttäuschung und Frustration vieler junger Chinesen, die trotz Bildung und Anstrengung keine passende Arbeit finden.

Wangs Gedichte knüpfen auf andere Weise an diese Tradition an. Sie sprechen nicht aus der Perspektive akademischer Eliten, sondern aus der Erfahrung alltäglicher Arbeit. Seine Literatur kommt von der Straße, aus der Lieferbox, vom Handybildschirm, aus Pausen zwischen zwei Aufträgen.

Dass ein Essenslieferant nun einen der wichtigsten Literaturpreise Chinas erhält, ist deshalb mehr als eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte. Es ist ein Zeichen dafür, dass große Literatur nicht nur dort entsteht, wo Ruhe, Bildung und Anerkennung schon vorhanden sind.

Manchmal entsteht sie auch zwischen zwei Lieferungen.

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