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Dynamo Dresden::„Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande“ – Oehmichens Abschied tut weh, ist aber nachvollziehbar

jorono (CC0), Pixabay
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Manchmal sind es nicht die ganz großen Transfers, die einem als Fan besonders nachgehen. Manchmal ist es der Abschied eines Spielers, der seit seiner Kindheit im Verein war, der die Farben nicht nur getragen, sondern gelebt hat. Einer wie Jonas Oehmichen.

15 Jahre Dynamo Dresden. Vom kleinen Jungen bis zum Profi. Herzensverein, Jugend, erste Schritte im Stadion, große Träume. Und am Ende: Aachen.

Als Dynamo-Fan kommt einem da unweigerlich ein altes Sprichwort in den Sinn:

„Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.“

Natürlich ist das zugespitzt. Natürlich ist Profifußball kein Heimatroman. Und natürlich kann ein Verein nicht jeden eigenen Nachwuchsspieler automatisch zum Stammspieler erklären, nur weil er aus der eigenen Jugend kommt.

Aber trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack.

Ausgerechnet in Aachen blüht er auf

Oehmichen war in der vergangenen Rückrunde bereits an Alemannia Aachen ausgeliehen worden – und dort entwickelte er sich zum Leistungsträger.

Das ist genau der Punkt, der aus Dresdner Sicht nachdenklich macht.

Ein Spieler, der bei Dynamo ausgebildet wurde, findet seine Rolle nicht in Dresden, sondern einige hundert Kilometer weiter westlich.

In Aachen bekam er Vertrauen, Verantwortung und Spielzeit.

Und siehe da: Er funktionierte.

Das kann man nüchtern als normale Entwicklung eines jungen Fußballers betrachten. Man kann aber ebenso fragen, warum es Dynamo nicht gelungen ist, genau dieses Potenzial selbst konsequenter zu nutzen.

Denn gerade bei Eigengewächsen sollte die Schwelle vielleicht manchmal etwas niedriger sein, ihnen echte Chancen zu geben.

Nicht aus Sentimentalität.

Sondern weil Nachwuchsarbeit nur dann einen sportlichen Sinn ergibt, wenn am Ende auch eine realistische Perspektive in der ersten Mannschaft vorhanden ist.

„Wir wollten mit ihm in die Zukunft gehen“ – aber wie genau?

Sportchef Sören Gonther betont, Dynamo habe Oehmichen für die Zukunft eingeplant.

Das klingt zunächst positiv.

Gleichzeitig war die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld offenbar derart groß, dass seine Aussicht auf regelmäßige Einsatzzeit überschaubar blieb.

Und genau hier beginnt der Widerspruch.

Ein junger Spieler kann auf dem Papier Teil der Zukunft sein.

Entscheidend ist aber, ob er diese Zukunft auch auf dem Platz sehen kann.

Wenn jemand nach einer erfolgreichen Leihe zurückkehrt und trotzdem wieder das Gefühl bekommt, sich zunächst ganz hinten anstellen zu müssen, ist es kaum überraschend, wenn er sich nach Alternativen umsieht.

Dann muss man seinen Wechselwunsch nicht feiern.

Aber man muss ihn verstehen.

Aachen wollte ihn offenbar wirklich

Besonders bezeichnend ist die kleine Geschichte von der Taktiktafel in Aachen.

Trainer Mersad Selimbegović hatte den Magneten mit Oehmichens Namen offenbar gar nicht erst entfernt.

Das klingt fast kitschig.

Aber für einen Spieler kann genau so etwas enorm wichtig sein.

Es sagt:

Wir haben dich nicht vergessen. Wir wollten dich zurück.

Fußballer sind keine Spielfiguren, die ausschließlich anhand von Leistungsdaten entscheiden.

Vertrauen spielt eine Rolle.

Das Gefühl, gebraucht zu werden.

Die Aussicht, regelmäßig zu spielen.

Und offenbar hat Aachen Oehmichen genau dieses Gefühl vermittelt.

Die Nummer 44 sagt mehr als jede Abschiedsrede

Dass Oehmichen in Aachen künftig mit der Nummer 44 aufläuft, weil die vierte Stelle im Alphabet für „D“ steht und 44 damit für „DD“ stehen soll, ist eine schöne Geste.

Man kann solche Symbolik belächeln.

Ich tue es nicht.

Denn sie zeigt, dass sein Wechsel offenbar kein Abschied im Streit ist.

Dynamo bleibt für ihn Heimat.

Dynamo bleibt sein Verein.

Nur seine sportliche Zukunft liegt zunächst woanders.

Und vielleicht macht genau das diesen Transfer für viele Fans so bitter.

Hier geht kein Spieler, dem Dresden egal geworden ist.

Hier geht einer, der Dynamo offenbar immer noch tief im Herzen trägt.

Dynamo muss sich trotzdem Fragen gefallen lassen

Es wäre billig, nun ausschließlich auf die Vereinsführung einzuschlagen.

Der Kader muss zusammengestellt werden.

Trainer müssen entscheiden.

Konkurrenz gehört zum Profifußball.

Und wenn ein Spieler selbst deutlich den Wunsch äußert, den Verein zu verlassen, kann Dynamo ihn nicht gegen seinen Willen festhalten.

Dass der Klub diesem Wunsch schließlich entsprochen hat, ist deshalb nachvollziehbar.

Trotzdem sollte man sich intern eine grundsätzliche Frage stellen:

Wie schaffen wir es, unsere besten Eigengewächse nicht nur auszubilden, sondern ihnen auch eine echte Perspektive zu geben?

Denn Nachwuchsarbeit ist teuer.

Sie kostet Zeit, Trainer, Infrastruktur und Geduld.

Wenn ein Spieler 15 Jahre lang durch alle Mannschaften geht, sollte der Übergang in die Profimannschaft nicht daran scheitern, dass ihm am Ende zwar theoretisch Vertrauen ausgesprochen wird, praktisch aber kaum Spielzeit in Aussicht steht.

Das ist kein Vorwurf ausschließlich an die aktuelle sportliche Leitung.

Es ist eine grundsätzliche Herausforderung im Profifußball.

Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande

Vielleicht ist das Sprichwort hier tatsächlich ein wenig unfair.

Aber als Fan fühlt es sich manchmal genau so an.

Das Eigengewächs muss erst woanders zeigen, was es kann.

Anderswo bekommt es Vertrauen.

Anderswo wird es zum Leistungsträger.

Und plötzlich merkt man in der Heimat, was man eigentlich hatte.

Es wäre nicht das erste Mal im Fußball.

Und vermutlich auch nicht das letzte.

Trotzdem kein böses Wort gegen Oehmichen

Wer Jonas Oehmichen seinen Wechsel übel nimmt, macht es sich zu einfach.

Ein 22-Jähriger braucht Spiele.

Er braucht Minuten.

Er braucht Entwicklung.

Eine Karriere dauert nicht ewig, und auf der Bank wird kein Talent besser.

Wenn er in Aachen die Perspektive sieht, die er für seine Entwicklung benötigt, dann ist seine Entscheidung verständlich.

Und gerade weil er 15 Jahre Dynamo war, sollte man ihm diesen Schritt zugestehen.

Vielleicht sehen wir uns wieder

Fußballwege sind manchmal erstaunlich.

Heute Aachen.

Morgen vielleicht wieder Dresden.

Oder irgendwann eine ganz andere Liga.

Wer weiß.

Aber die Nummer 44 wird ihn nun bei jedem Spiel begleiten.

Zwei Vieren.

Zwei Ds.

Dresden bleibt also ein kleines Stück auf seinem Rücken.

Als Dynamo-Fan kann man darüber enttäuscht sein, dass ein solches Eigengewächs seinen Weg nun anderswo fortsetzt.

Man darf kritisch fragen, ob es wirklich notwendig war, dass es so weit kommt.

Aber man sollte dabei fair bleiben.

Deshalb bleibt am Ende vor allem eines:

Alles Gute, Oehmi.

Mögest du in Aachen die Spielzeit, das Vertrauen und die Entwicklung bekommen, die du dir erhoffst.

Und wenn du eines Tages gegen Dynamo spielst, dann bitte eine Sache:

Mach ein gutes Spiel.

Aber vielleicht nicht dein allerbestes.

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