Sie werben mit kostenloser Kontoführung, blitzschneller Kontoeröffnung und modernem Banking per Smartphone. Millionen Menschen in Europa haben in den vergangenen Jahren ihr Vertrauen in sogenannte Neobanken gesetzt. Innerhalb weniger Minuten ein Konto eröffnen, alles bequem per App steuern und keine klassischen Filialen mehr benötigen – das klingt nach der Zukunft des Bankings. Doch genau diese Geschwindigkeit und Digitalisierung entwickeln sich zunehmend zu einem massiven Sicherheitsproblem.
Denn hinter der glänzenden Fassade der Finanz-Start-ups wächst offenbar ein gigantisches Problem aus Geldwäsche, Identitätsdiebstahl und organisierter Cyberkriminalität.
Europol warnte bereits 2023 davor, dass das enorme Wachstum vieler Onlinebanken zulasten wirksamer Sicherheits- und Kontrollmechanismen gehe. Genau diese Schwächen nutzen Betrüger inzwischen systematisch aus.
Besonders perfide ist dabei der Missbrauch gestohlener Identitäten.
Kriminelle platzieren gefälschte Wohnungsanzeigen im Internet und sammeln dort massenhaft persönliche Dokumente ahnungsloser Opfer ein: Personalausweise, Gehaltsabrechnungen oder Steuerunterlagen. Mit diesen Daten eröffnen die Täter anschließend Konten bei Neobanken – oft erfolgreich.
Ein Betroffener stellte erst Monate später fest, dass unter seinem Namen ein Konto eröffnet worden war, über das verdächtige Geldtransaktionen liefen. Überweisungen wurden in kürzester Zeit über verschiedene Onlinekonten weitergeleitet – ein typisches Muster der Geldwäsche. Auch andere Betroffene berichteten, dass ihre gestohlenen Identitäten genutzt wurden, um Kredite zu beantragen oder illegale Finanztransaktionen abzuwickeln.
Die Sicherheitslücken scheinen dabei teils gravierend zu sein.
Während einige Banken bereits früh moderne Identitätsprüfungen per Selfie-Verfahren einführten, reagierten andere deutlich später. Genau diese Verzögerungen könnten Betrügern jahrelang Tür und Tor geöffnet haben.
Noch gefährlicher wird es durch sogenannte „Money Mules“ – auf Deutsch: Geldesel.
Dabei werben Kriminelle gezielt junge oder finanziell angeschlagene Menschen an. Für wenige Hundert Euro Provision eröffnen diese Konten unter ihrem echten Namen und überlassen den Zugang anschließend den Betrügern. Über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste werden solche Konten inzwischen regelrecht gehandelt.
Ein Beteiligter schilderte offen, wie einfach das Geschäft funktioniert:
Menschen in Geldnot erhalten 200 oder 300 Euro für ein Konto, das später für Geldwäsche oder Betrugszahlungen genutzt wird. Die Konten werden anschließend für deutlich höhere Summen weiterverkauft.
Besonders alarmierend:
Die Täter bevorzugen gezielt Neobanken mit möglichst schnellen Kontoeröffnungen und wenigen Sicherheitsabfragen.
In einem Selbstversuch gelang es Journalisten, innerhalb weniger Minuten ein neues Konto bei einer Onlinebank zu eröffnen. Kurz darauf bot ein mutmaßlicher Geldwäscher an, sofort 11.000 Euro über das Konto laufen zu lassen – gegen eine Beteiligung von 50 Prozent.
Die europäischen Behörden greifen inzwischen durch.
Mehrere bekannte Neobanken mussten in den vergangenen Jahren Millionenstrafen zahlen. Der Vorwurf:
Verdächtige Transaktionen seien zu spät oder unzureichend gemeldet worden. Teilweise wurden Konten sogar unter Fantasieadressen eröffnet – darunter prominente Regierungsgebäude und bekannte Wahrzeichen.
Ehemalige Mitarbeiter berichten zudem von enormem Druck innerhalb der Betrugsabteilungen.
Kontrollen müssten möglichst schnell abgearbeitet werden, um das enorme Wachstum der Plattformen zu bewältigen. Kritiker warnen deshalb, dass Produktivität teilweise wichtiger geworden sein könnte als sorgfältige Prüfungen.
Gleichzeitig kämpfen viele Kunden mit dem gegenteiligen Problem:
Konten werden plötzlich gesperrt, Gehälter eingefroren oder Überweisungen blockiert – oft ohne nachvollziehbare Erklärung.
Besonders frustrierend für Betroffene:
Der Kundenservice vieler Neobanken läuft fast ausschließlich über Chats oder automatisierte Systeme. Persönliche Ansprechpartner fehlen häufig komplett.
Ein Kunde berichtete, dass sein gesamtes Gehalt über Monate blockiert blieb. Er konnte weder Rechnungen bezahlen noch Geld empfangen. Auf seine Beschwerden erhielt er immer wieder dieselben automatisierten Antworten.
Hinzu kommt ein weiteres Problem:
Viele Neobanken setzen massiv auf künstliche Intelligenz und automatisierte Risikoerkennungssysteme. Diese Algorithmen sollen Betrug verhindern – treffen jedoch offenbar nicht immer die Richtigen.
Während echte Kunden teilweise wochenlang keinen Zugriff mehr auf ihr Geld haben, scheinen professionelle Betrüger die Systeme immer wieder erfolgreich auszutricksen.
Besonders erschreckend sind Fälle, in denen mutmaßlich illegale Geschäfte über Neobank-Konten abgewickelt wurden.
Reporter stießen auf Webseiten für verschreibungspflichtige Medikamente, hinter denen offenbar Briefkastenfirmen und gefälschte Online-Shops standen. Trotzdem liefen die Zahlungsströme über Konten bei digitalen Banken.
Die große Gefahr liegt dabei in der Geschwindigkeit:
Digitale Konten lassen sich oft innerhalb weniger Minuten eröffnen, Gelder blitzschnell transferieren und internationale Strukturen leicht verschleiern. Genau das macht Neobanken für organisierte Kriminalität so attraktiv.
Die französische Anti-Geldwäsche-Behörde warnte bereits vor Jahren vor diesen Risiken. Heute zeigt sich:
Viele dieser Befürchtungen waren offenbar berechtigt.
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