Der NFL-Draft ist die große jährliche Hoffnungsshow der Liga.
General Manager reden von „Value“, Coaches von „Fit“, Scouts von „Ceiling“, und Fans tun für ein paar Tage so, als ließe sich die Zukunft eines Franchises mit einem Pick aus Runde eins präzise berechnen.
Die Realität sieht bekanntlich anders aus.
Jedes Jahr werden Spieler zu Stars erklärt, die kurz darauf auf der Bank, in der Reha oder direkt in der Bedeutungslosigkeit landen. Manche Picks altern schlecht. Manche wirken schon im Moment ihrer Verkündung schräg. Und einige Entscheidungen sind so offensichtlich misslungen, dass selbst zehn Jahre Rückblick eher wie ein Akt der Schadensdokumentation wirken.
USA TODAY hat nun die zehn törichtsten Draft-Entscheidungen der vergangenen zehn Jahre zusammengetragen – und die Liste ist ein kleines Panoptikum aus Selbstüberschätzung, Panik und bemerkenswerter Realitätsverweigerung.
10. Tampa Bay und der Kicker für Runde zwei
Dass Kicker früh im Draft zu nehmen riskant ist, weiß in der NFL eigentlich jeder.
Die Tampa Bay Buccaneers beschlossen 2016 trotzdem, sich über diese kollektive Erfahrung hinwegzusetzen – und wählten Roberto Aguayo an Position 59.
Nicht nur das: General Manager Jason Licht gab auch noch zusätzliche Picks ab, um überhaupt an diesen Kicker zu kommen. Aguayo galt als präzise, erfahren und nervenstark – also als das, was Teams sich gern einreden, wenn sie Spezialisten viel zu früh ziehen.
Das Ergebnis war unerquicklich.
Aguayo traf in seiner Rookie-Saison nur 22 von 31 Field Goals, wurde im darauffolgenden Sommer entlassen – und versuchte danach nie wieder einen Kick in einem NFL-Spiel.
Ein Zweitrundenpick für einen Kicker ist schon riskant.
Ein Zweitrundenpick, der nach einem Jahr verschwindet, ist schlicht eine sportliche Satireveranstaltung.
9. Washington nimmt Emmanuel Forbes – und lässt Christian Gonzalez liegen
Als die Commanders 2023 Emmanuel Forbes Jr. an Position 16 drafteten, war die Verwunderung groß. Nicht weil Forbes untalentiert gewesen wäre, sondern weil fast jeder sah, was ihm fehlte: Substanz.
Der Cornerback brachte zwar spektakuläre Interception-Zahlen aus dem College mit, wirkte mit seinem schmalen Körperbau aber wie jemand, der in der NFL eher vom Wind als vom Receiver aus dem Gleichgewicht gebracht werden könnte.
Noch bitterer wurde die Wahl dadurch, dass direkt danach Christian Gonzalez vom Board ging – ein Spieler, den viele Experten klar höher eingeschätzt hatten. Während Gonzalez sich bei den Patriots zu einem der verlässlichsten Cover-Corner der Liga entwickelte, wurde Forbes in Washington schnell demontiert, zwischendurch auf die Bank gesetzt und schließlich aussortiert.
Ein Pick, der schon am Draft-Abend Fragen aufwarf – und später noch schlechter aussah.
8. Die Raiders nehmen Clelin Ferrell an vier – und alle anderen schauen irritiert
Wenn es in den vergangenen Jahren eine Franchise gab, die Draft-Überraschungen mit bemerkenswerter Konsequenz in Enttäuschungen verwandelte, dann waren es die Raiders unter Ex-GM Mike Mayock.
Der Auftakt dieser Phase hieß Clelin Ferrell, gewählt an Position 4 im Jahr 2019.
Ferrell war kein schlechter College-Spieler. Aber ein Top-5-Pick?
Viele Experten hielten ihn eher für einen soliden Spätrunden-Erstrundenmann – nicht für jemanden, den man vor Pass-Rushern wie Josh Hines-Allen, Brian Burns oder Montez Sweat ziehen sollte.
Die Karriereverläufe bestätigen das Urteil ziemlich brutal:
- Hines-Allen: 61 NFL-Sacks
- Burns: 71
- Sweat: 57
- Ferrell: 21
Die Raiders suchten nach dem Abgang von Khalil Mack einen neuen Star für den Pass Rush.
Gefunden haben sie vor allem ein weiteres Kapitel ihrer Draft-Selbstzerstörung.
7. Alex Leatherwood – auch die Raiders können sich steigern
Nur zwei Jahre später lieferten die Raiders den nächsten Beitrag zum Genre „Warum genau habt ihr das gemacht?“.
Alex Leatherwood, 2021 an Position 17 gezogen, war zwar ein dekorierter College-Spieler aus Alabama – aber viele Scouts sahen ihn eher als Grenzfall zur ersten Runde. Vor allem war fraglich, ob er wirklich als Tackle in der NFL bestehen würde.
Die Antwort kam schnell: eher nein.
Leatherwood wirkte auf Right Tackle überfordert, wurde nach wenigen Spielen nach innen versetzt, ließ massenhaft Druck zu und wurde schon nach seiner Rookie-Saison praktisch aussortiert. Dass direkt nach ihm mit Christian Darrisaw ein deutlich besserer Offensive Lineman vom Board ging, macht die Geschichte noch unangenehmer.
6. Henry Ruggs und Damon Arnette – Talent ohne Kontrolle
Der Raiders-Draft 2020 war eine Katastrophe mit Ansage und Folgen.
Mit Henry Ruggs nahm Las Vegas den ersten Receiver des Drafts – vor Spielern wie Jerry Jeudy und CeeDee Lamb, die von vielen höher eingeschätzt wurden. Ruggs hatte Speed, Explosivität und Potenzial. Was folgte, war jedoch keine sportliche Entwicklung, sondern ein Absturz. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss wurde Ruggs entlassen und später zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.
Fast noch absurder: Nur Tage später trennten sich die Raiders auch von ihrem anderen Erstrundenpick Damon Arnette, nachdem ein Video auftauchte, in dem er mit Waffen drohte.
Später räumte Mayock selbst ein, man habe bereits vor dem Draft erhebliche Bedenken zu Arnette gehabt. Trotzdem habe man das Risiko für vertretbar gehalten.
Das Ergebnis war weniger Risiko-Management als ein Lehrstück in Selbstüberschätzung.
5. Die Saints zahlen absurd viel für Marcus Davenport
Aggressiv hochzutraden kann in der NFL klug sein.
Es kann aber auch wie bei den Saints 2018 in eine Form von Draft-Romantik kippen, die im Nachhinein vor allem teuer wirkt.
New Orleans zog für Marcus Davenport auf Position 14 nach oben – und gab dafür nicht nur im aktuellen Draft wertvolle Picks ab, sondern auch den Erstrundenpick des Folgejahres.
Für einen Quarterback wäre so ein Preis noch erklärbar gewesen.
Für einen rohen Edge Rusher mit viel Projektcharakter war er es deutlich weniger.
Davenport hatte physische Anlagen, keine Frage. Aber er war verletzungsanfällig, unkonstant und nie jene dominante Figur, für die New Orleans faktisch mehrere Premium-Ressourcen opferte.
4. Christian Hackenberg – ein Jets-Pick wie aus dem Lehrbuch des Scheiterns
Die New York Jets sind seit Jahren ein Ort, an dem Quarterback-Hoffnungen zuverlässig in Nebel aufgehen. Der Pick von Christian Hackenberg 2016 in Runde zwei passt perfekt in dieses Muster.
Hackenberg hatte nach einem starken College-Start rapide abgebaut, wirkte technisch roh, unpräzise und mental nicht stabil genug für das NFL-Niveau. Dennoch glaubte Jets-GM Mike Maccagnan offenbar an Körpergröße, Armstärke und eine theoretische Zukunft.
Die Praxis war verheerend:
Hackenberg spielte nie einen Down für die Jets, wurde zwei Jahre später für kaum nennenswerten Gegenwert weitergereicht und verschwand kurz darauf komplett aus der NFL.
Ein Zweitrundenpick für einen Quarterback, der nie spielt, ist bei den Jets fast schon Tradition – aber eben eine sehr schlechte.
3. Trey Lance – drei Erstrundenpicks für eine Idee
Die 49ers galten lange als cleveres, stabiles Franchise.
Gerade deshalb war der Trade für Trey Lance 2021 so verblüffend.
San Francisco gab drei Erstrundenpicks auf, um im Draft hochzugehen und den Quarterback zu holen. Das Problem: Lance hatte nur 17 Starts auf FCS-Niveau im College absolviert. Er war also weniger fertiger Quarterback als spektakuläre Projektionsfläche.
Die 49ers hofften offenbar auf den ganz großen Wurf: athletisch, dynamisch, moderne Offense, neue Decke fürs System. Stattdessen bekamen sie Verletzungen, Entwicklungsprobleme und letztlich einen frühen Verkauf an die Cowboys für einen Bruchteil der Investition.
Dass Brock Purdy später ausgerechnet als Spätfund die Quarterback-Frage entschärfte, rettete San Francisco sportlich.
Der ursprüngliche Lance-Deal bleibt trotzdem ein monumentaler Fehlgriff.
2. Jalen Reagor statt Justin Jefferson – einer dieser Fehler, die nie verschwinden
Es gibt Draftfehler, die weh tun.
Und es gibt Draftfehler, die dich für Jahre verfolgen.
Die Eagles nahmen 2020 Jalen Reagor an Position 21 – und ließen Justin Jefferson liegen, den viele längst als perfekten Fit für Philadelphia gesehen hatten.
Minnesota reagierte auf den Reagor-Pick damals sichtbar begeistert und griff einen Slot später bei Jefferson zu. Der Rest ist NFL-Geschichte:
- Jefferson wurde zum Superstar,
- Reagor verschwand nach zwei Jahren,
- und der Vergleich ist bis heute vernichtend.
Selten wurde ein Fehler so schnell, so klar und so öffentlich dokumentiert.
Philadelphia korrigierte später einiges mit DeVonta Smith und A.J. Brown. Aber Reagor bleibt der Pick, bei dem vermutlich bis heute jeder Eagles-Fan kurz zusammenzuckt.
1. Isaiah Wilson – die Titans und der Pick, der praktisch nie stattfand
An die Spitze gehört bei USA TODAY Isaiah Wilson, 2020 von den Tennessee Titans an Position 29 gedraftet.
Wilson war schon damals eher ein Projekt als ein sicherer Starter. Doch niemand konnte ahnen, wie völlig diese Karriere entgleisen würde.
Nach einer DUI-Festnahme, einer Rookie-Saison mit gerade einmal vier Snaps und wachsender öffentlicher Frustration trennten sich die Titans schon nach wenigen Monaten quasi wieder von ihm. Ein Trade zu den Dolphins endete fast sofort, weil Wilson dort ebenfalls negativ auffiel.
Danach: nichts mehr. Keine Rückkehr, kein Comeback, keine NFL-Karriere.
Titans-GM Jon Robinson sagte später sinngemäß, der Spieler, den man im Herbst bekommen habe, sei nicht der gewesen, den man vorher evaluiert habe.
Man sei gewissermaßen „gecatfisht“ worden.
Das ist eine erstaunlich ehrliche, wenn auch nicht sonderlich beruhigende Beschreibung für einen Erstrundenpick.
Der wahre Kern des Drafts: Hoffnung, Eitelkeit, Irrtum
Die Liste zeigt vor allem eines:
NFL-Teams machen ihre größten Fehler nicht immer aus Ahnungslosigkeit, sondern oft aus einem Mix aus Selbstüberschätzung, Zeitdruck und dem Glauben, schlauer als alle anderen zu sein.
Mal wird zu viel Vertrauen in „Upside“ gesetzt.
Mal ignoriert man Warnsignale.
Mal will man den spektakulären Coup – und bekommt stattdessen jahrelange Schadensbegrenzung.
Der Draft ist eben keine Wissenschaft.
Eher eine Mischung aus Datenanalyse, Bauchgefühl, Poker und institutionalisierter Illusion.
Fazit
Picks wie Aguayo, Hackenberg, Lance, Reagor oder Wilson erinnern daran, dass selbst milliardenschwere Organisationen mit Heerscharen von Scouts, Psychologen, Analysten und Coaches erstaunlich zuverlässig danebenliegen können.
Oder einfacher gesagt:
Die NFL lebt von Talentbewertung – und gleichzeitig davon, dass niemand sie wirklich beherrscht.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Draft jedes Jahr wieder so fasziniert.
Nicht weil die Liga immer recht hat.
Sondern weil sie sich mit maximalem Aufwand immer wieder auf spektakuläre Weise irrt.
Kommentar hinterlassen