Die amerikanischen Verbraucher sind noch nicht am Ende ihrer Kräfte.
Trotz schwacher Jobdynamik, gedrückter Stimmung und wachsender Sorgen über die Konjunktur haben die Menschen in den USA im Februar überraschend kräftig eingekauft. Nach drei Monaten mit rückläufigen Umsätzen legten die Einzelhandelsumsätze wieder zu – stärker als von Ökonomen erwartet.
Das ist zunächst eine gute Nachricht für die US-Wirtschaft. Aber eben nur zunächst. Denn die Zahlen stammen aus einer Zeit vor der Eskalation des Iran-Kriegs – und damit aus einer fast schon anderen ökonomischen Welt.
Einzelhandel überrascht positiv
Wie das US-Handelsministerium am Mittwoch mitteilte, stiegen die Einzelhandelsumsätze im Februar um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat. Im Januar hatte es – nach einer nachträglichen Korrektur – noch ein leichtes Minus von 0,1 Prozent gegeben.
Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Plus von 0,4 Prozent gerechnet.
Mit anderen Worten:
Die US-Konsumenten greifen trotz aller Unsicherheit weiter zu. Und das ist in den Vereinigten Staaten keine Nebensache. Denn der private Konsum macht rund zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung aus.
Fast alle Branchen im Plus
Bemerkenswert ist dabei vor allem die Breite des Anstiegs.
Die Umsätze legten in fast allen Einzelhandelssegmenten zu.
Besonders stark fiel das Plus aus bei:
- Warenhäusern: +3,0 Prozent
- Läden für Körperpflege und persönliche Produkte: +2,3 Prozent
- Bekleidungshändlern: +2,0 Prozent
Rückgänge gab es nur in zwei Bereichen:
- Lebensmittelhandel: -1,0 Prozent
- Möbelhandel: -1,0 Prozent
Das deutet darauf hin, dass die Amerikaner im Februar zwar nicht überall mehr ausgaben, aber insgesamt durchaus bereit waren, Geld für Konsumgüter jenseits des absolut Notwendigen in die Hand zu nehmen.
Die „bereinigte“ Zahl macht Ökonomen besonders aufmerksam
Noch wichtiger für Analysten ist die sogenannte Kontrollgruppe – also jene Kennzahl, die volatile Bereiche wie Autos, Benzin und Baumaterialien ausklammert.
Diese Größe stieg im Februar um 0,45 Prozent. Erwartet worden war nur ein Plus von 0,3 Prozent.
Warum das relevant ist?
Weil diese Kennzahl als besonders guter Indikator für die zugrunde liegende Nachfrage in der Wirtschaft gilt – also dafür, ob der Konsum wirklich trägt oder nur von schwankungsanfälligen Einzelposten verzerrt wird.
Die Botschaft lautet also:
Der US-Konsum war im Februar robuster als gedacht.
Der amerikanische Verbraucher hält die Wirtschaft weiter am Laufen
Ökonomen schauen derzeit besonders genau auf das Konsumverhalten, weil der Arbeitsmarkt zwar schwächer geworden ist – aber eben noch nicht eingebrochen.
Die Jobzuwächse sind seit Monaten eher mau, doch die entscheidende rote Linie wurde bislang nicht überschritten:
Die Zahl der Entlassungen steigt nicht massiv an.
Solange die Menschen ihre Jobs behalten, geben sie in den USA oft weiter Geld aus – selbst wenn sie in Umfragen gleichzeitig erklären, dass sie pessimistisch auf die Wirtschaft blicken.
Das ist ein bekanntes amerikanisches Paradox:
- Die Stimmung ist schlecht,
- die Schlagzeilen sind düster,
- aber die Kreditkarte läuft weiter.
Neue Anträge auf Arbeitslosenhilfe liegen weiterhin auf historisch niedrigen Niveaus. Das stützt den Konsum – noch.
Aber: Diese Zahlen stammen aus der Zeit vor dem Iran-Schock
Der Haken an dem Bericht ist entscheidend:
Die Februar-Daten bilden nicht die Lage ab, die die USA inzwischen wirklich beschäftigt.
Denn seit Ende Februar läuft der Krieg zwischen den USA, Israel und Iran – inzwischen bereits in der fünften Woche. Die wirtschaftlichen Folgen werden erst in den kommenden Monaten voll sichtbar werden.
Vor allem die Straße von Hormus, durch die normalerweise etwa ein Fünftel des weltweiten Ölangebots transportiert wird, ist seit Wochen massiv beeinträchtigt. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf Energiepreise, Lieferketten und Inflationserwartungen.
Die Ökonomin Vivian Chen von Nationwide brachte es nüchtern auf den Punkt:
Der Februar-Bericht gehe der jüngsten Eskalation im Nahen Osten voraus und bilde daher weder höhere Energiepreise noch die zunehmende Marktvolatilität oder die geopolitische Unsicherheit ab.
Kurz gesagt:
Die Zahlen sehen gut aus – aber sie stammen aus der Zeit vor dem Sturm.
Benzin über 4 Dollar – und das trifft die Amerikaner sofort
Die Folgen des Krieges sind längst an der Zapfsäule angekommen.
Am Dienstag stieg der landesweite Durchschnittspreis für eine Gallone Benzin in den USA auf über 4 Dollar – erstmals seit 2022. Auch Rohöl ist deutlich teurer geworden: Die US-Sorte WTI schloss zuletzt bei 102,88 Dollar pro Barrel, dem höchsten Stand seit Juli 2022.
Und damit nicht genug:
- Kunststoffe verteuern sich,
- Düngemittel werden teurer,
- Logistik- und Transportkosten steigen,
- Unternehmen kalkulieren mit neuen Unsicherheiten.
Das ist genau die Art von Inflationsdruck, die besonders unangenehm ist:
nicht von boomender Nachfrage getrieben, sondern von einem geopolitischen Schock.
Trump verspricht ein schnelles Ende – doch die Märkte glauben nur bedingt daran
US-Präsident Donald Trump erklärte zuletzt, der Krieg könne in zwei bis drei Wochen beendet sein. Gleichzeitig ließ er anklingen, dass die USA den Konflikt womöglich auch ohne Wiederöffnung der Straße von Hormus für abgeschlossen erklären könnten.
Das wäre wirtschaftlich allerdings nur eine halbe Entwarnung.
Denn selbst wenn die Kampfhandlungen enden, bleibt die Energiekrise bestehen, solange der zentrale Seeweg nicht wieder zuverlässig offen ist. Experten gehen deshalb davon aus:
- Ölpreise könnten bei einem Kriegsende kurzfristig sinken,
- aber ohne freie Passage durch Hormus blieben sie wohl länger erhöht.
Mit anderen Worten:
Ein politisches Kriegsende wäre nicht automatisch ein ökonomisches Ende der Krise.
Die Stimmung kippt bereits
Während der Konsum im Februar noch solide wirkte, kippt die öffentliche Wahrnehmung inzwischen deutlich.
Eine neue CNN-Umfrage, veröffentlicht am Mittwoch, zeigt:
Rund zwei Drittel der Amerikaner sagen inzwischen, Trumps Politik habe die wirtschaftliche Lage in den USA verschlechtert. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als im Januar.
Auch der viel beachtete Verbraucherstimmungsindex der Universität Michigan fiel in diesem Monat um 6 Prozent auf den niedrigsten Stand seit Dezember.
Bemerkenswert:
Die Stimmung trübte sich in allen Einkommensgruppen ein – sogar bei den Wohlhabenden.
Das ist ein Warnsignal. Denn bislang wurde der Konsum in den USA gerade auch von Haushalten mit höheren Einkommen getragen, die trotz Inflation weiter ausgegeben haben. Wenn selbst diese Gruppen vorsichtiger werden, kann aus einem Stimmungsproblem schnell ein reales Nachfrageproblem werden.
Die eigentliche Frage lautet: Wie lange hält der Konsum noch durch?
Der Februar-Bericht zeigt:
Die US-Wirtschaft war vor der jüngsten Eskalation robuster, als viele dachten.
Doch das schützt sie nicht automatisch vor dem, was jetzt kommt.
Wenn sich der Krieg hinzieht, drohen mehrere Effekte gleichzeitig:
- höhere Energiepreise,
- neue Inflationswelle,
- sinkende Realeinkommen,
- schwächerer Konsum,
- vorsichtigere Unternehmen,
- weniger Einstellungen,
- mehr Druck auf Wachstum und Märkte.
Die Gefahr ist nicht, dass der amerikanische Verbraucher im Februar schwach war.
Die Gefahr ist, dass er im April, Mai oder Juni plötzlich nicht mehr die Kraft hat, die Konjunktur allein zu tragen.
Fazit: Gute Zahlen – aus einer Welt von gestern
Die US-Einzelhandelsumsätze im Februar liefern ein letztes robustes Lebenszeichen des amerikanischen Konsums vor dem geopolitischen Schock.
Das Plus von 0,6 Prozent zeigt:
Die US-Verbraucher waren noch bereit, die Wirtschaft auf ihren Schultern zu tragen – trotz mauer Jobdynamik und schlechter Stimmung.
Doch inzwischen haben sich die Spielregeln verändert.
Der Krieg mit Iran, hohe Ölpreise, teureres Benzin und ein spürbarer Vertrauensverlust könnten aus den erfreulichen Februar-Zahlen schnell ein statistisches Nachglühen machen.
Oder, in einem Satz:
Amerikas Konsumenten haben im Februar noch einmal beherzt zugegriffen – aber die Rechnung des Nahostkriegs könnte erst jetzt auf dem Kassenzettel erscheinen.
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