Die neue Gesundheitslogik aus Berlin ist da – und sie klingt ungefähr so, als hätte jemand im Ministerium zu lange auf ein Excel-Sheet gestarrt und dabei beschlossen:
„Ganz krank ist irgendwie zu teuer. Machen wir doch einfach halb kaputt.“
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verteidigt ihr Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit – und präsentiert dabei eine Reformidee, bei der man unweigerlich an einen alten Grundsatz denken muss:
Es gibt Dinge, die sind entweder ganz oder gar nicht.
Zum Beispiel schwanger.
Oder arbeitsunfähig.
Aber nein, Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn man nicht auch dafür eine Zwischenlösung fände.
Willkommen im Teilzeit-Kranksein
Künftig soll es also möglich sein, Menschen zu 25, 50 oder 75 Prozent krankzuschreiben.
Ein revolutionärer Ansatz.
Endlich Schluss mit diesem überholten Schwarz-Weiß-Denken der Medizin.
Bisher galt:
- gesund = arbeiten
- krank = auskurieren
Künftig gilt offenbar:
- 25 % krank = nur leicht elend
- 50 % krank = mit halber Seele im Büro
- 75 % krank = kurz vorm Exitus, aber für Mails reicht’s noch
Man darf gespannt sein, wie das in der Praxis klingt:
„Guten Morgen, Chef, ich bin heute leider zu 63 Prozent fiebrig, aber die PowerPoint schaffe ich vielleicht noch.“
Oder:
„Bandscheibe im Eimer, Kreislauf weg, Nervenzusammenbruch im Endstadium – aber keine Sorge, ich komme nur bis Mittag.“
Das neue deutsche Gesundheitswunder
Früher ging man zum Arzt, weil man krank war.
Heute geht man bald vermutlich hin für eine mathematische Feineinstellung:
- „Herr Doktor, wie krank bin ich?“
- „Also rein klinisch? Oder haushaltspolitisch?“
Denn natürlich wird das Ganze verkauft als:
- modern
- lebensnah
- flexibel
- skandinavisch
- irgendwie menschlich
Und wie immer, wenn in Deutschland etwas als „entspricht der Lebenswirklichkeit“ verkauft wird, darf man davon ausgehen, dass es in Wahrheit bedeutet:
„Es spart Geld und klingt dabei freundlich.“
Der Mensch als Restarbeitskraft
Besonders schön ist die Vorstellung, wie psychisch belastete Menschen künftig stabilisiert werden sollen:
Nicht durch Ruhe.
Nicht durch Entlastung.
Nicht durch Zeit zur Genesung.
Sondern durch die Erkenntnis:
„Sie sind zwar erschöpft, überfordert und innerlich zusammengeklappt – aber immerhin noch zu 50 Prozent verwertbar.“
Das hat fast schon etwas Poetisches.
Burnout war gestern.
Jetzt kommt:
„Teilzeit-Zusammenbruch mit Krankengeldkomponente.“
Gelebte Frauenpolitik – oder wie man Belastung als Emanzipation verkauft
Ein weiteres Highlight des Pakets:
Die Einschränkung der beitragsfreien Mitversicherung für Ehepartner wird von der Ministerin als „gelebte Frauenpolitik“ verkauft.
Das ist kommunikativ ungefähr so elegant wie:
„Wir kürzen Ihnen etwas weg – aber nennen es Empowerment.“
Klar, Eigenständigkeit ist wichtig.
Vorsorge auch.
Selbstbestimmung sowieso.
Aber wenn eine finanzielle Mehrbelastung plötzlich als feministischer Fortschritt verkauft wird, dann merkt man:
Im politischen Berlin kann man wirklich alles framen.
Bald heißt es wahrscheinlich auch:
- höhere Zuzahlungen = gelebte Eigenverantwortung
- weniger Leistungen = moderne Resilienzförderung
- längere Wartezeiten = achtsames Gesundheitsmanagement
Homöopathie fliegt raus – immerhin irgendwo noch Realitätssinn
Fast rührend rational wirkt da fast schon der Plan, dass Kassen Homöopathie nicht mehr bezahlen sollen.
Da muss man der Fairness halber sagen:
Das ist ausnahmsweise mal ein Satz, der nicht klingt wie Satire.
Was keinen nachweisbaren Nutzen hat, soll die Solidargemeinschaft nicht zahlen.
Man möchte kurz applaudieren.
Und dann merkt man:
Im selben Paket wird ernsthaft diskutiert, Menschen prozentual krankzurechnen wie eine Leasingrate.
„Mich überzeugt man nicht mit Drohungen“
Besonders stark auch der Satz der Ministerin:
„Mich überzeugt man nicht mit Drohungen.“
Das ist natürlich ein herrlicher Satz in einem Reformpaket, bei dem sich ungefähr alle Beteiligten fragen, ob sie gerade reformiert werden – oder ob einfach nur der Rotstift einen sehr aktiven Tag hat.
Ärzte drohen mit längeren Wartezeiten.
Kliniken warnen vor Schließungen.
Die SPD mault.
Die CSU runzelt die Stirn.
Die Kassen ächzen.
Die Versicherten schauen auf ihre Beiträge und überlegen, ob man sich vielleicht künftig auch zu 50 Prozent gesundversichern kann.
Der wahre Fortschritt: Bürokratie mit Fieberthermometer
Man muss sich das einmal praktisch vorstellen.
Bald gibt es wahrscheinlich:
- Teilkrankschreibung
- Teilkrankengeld
- Teilwiedereingliederung
- Teilabrechnung
- Teilgenehmigung
- Teilrückfragen der Krankenkasse
- und natürlich volle Bürokratie
Deutschland schafft es wirklich wie kein zweites Land, selbst aus Krankheit noch ein Antragswesen mit Staffelmodell zu machen.
Die Zukunft klingt dann ungefähr so:
„Ihr Antrag auf 75-prozentige Arbeitsunfähigkeit wurde geprüft.
Nach Aktenlage sehen wir derzeit eher eine 42,7-prozentige Erschöpfung.
Bitte reichen Sie bis Freitag ein Belastungsprotokoll, drei Kreislaufdiagramme und einen Nachweis über Ihre Restmotivation ein.“
Fazit: Wenn schon absurd, dann wenigstens konsequent
Natürlich kann man über stufenweise Rückkehrmodelle reden.
Natürlich gibt es Fälle, in denen reduzierte Arbeitsfähigkeit sinnvoll sein kann.
Aber politisch verkauft sich das Ganze derzeit vor allem wie eine Idee aus der Kategorie:
„Wie sparen wir Geld, ohne zu sagen, dass wir sparen wollen?“
Und genau deshalb bleibt am Ende dieser eine Satz hängen:
Teilkrank ist wie ein bisschen schwanger.
Klingt modern.
Klingt flexibel.
Klingt reformig.
Ist aber vor allem eines:
Eine dieser wunderbar deutschen Erfindungen, bei denen am Ende alle mehr Formulare haben – und niemand wirklich gesünder wird.
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