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Capa-Wäldchen oder RB Leipzig-Trainingsplätze? Leipzig sucht noch den Platz für Vernunft

jorono (CC0), Pixabay
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Als RB-Fan kann man die Sache natürlich ganz einfach betrachten: Der Verein will wachsen, braucht zusätzliche Trainingsflächen und ist bereit, weiter in Leipzig zu investieren. Also Fläche her, Trainingsplätze bauen, fertig.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Denn auf der gewünschten Fläche stehen Bäume. Und Bäume haben in Leipzig inzwischen den entscheidenden Nachteil, dass sie weder Tore schießen noch Gewerbesteuer zahlen.

Damit stehen sich nun zwei Lager gegenüber, die sich gegenseitig ungefähr so aufmerksam zuhören wie zwei Fanblöcke beim Derby: Auf der einen Seite RB Leipzig mit seinen Ausbauplänen, auf der anderen Seite Umweltverbände, Initiativen und Tausende Unterzeichner von Petitionen, die das sogenannte Capa-Wäldchen erhalten wollen.

Dazwischen steht die Stadtverwaltung und versucht offenbar herauszufinden, ob man einen Wald gleichzeitig verkaufen, schützen, ersetzen und politisch möglichst geräuschlos verschwinden lassen kann.

RB will wachsen – überraschenderweise nicht im Blumentopf

RB Leipzig sucht seit Längerem zusätzliche Trainingsmöglichkeiten in der Nähe der Red-Bull-Arena. Das ist zunächst einmal weder Größenwahn noch eine finstere Verschwörung gegen die heimische Esche.

Ein Bundesligist mit Nachwuchsleistungszentrum, Profimannschaften und internationalem Anspruch braucht Flächen. Trainingsplätze lassen sich schlecht in Besprechungsräume stapeln oder auf dem Dach eines Parkhauses anlegen.

Ursprünglich sollte RB ab 2032 den Festplatz am Cottaweg nutzen können. Die Stadt machte das allerdings davon abhängig, dass für die Kleinmesse ein anderer Standort gefunden wird.

Gefunden wurde keiner.

RB wollte die entsprechende Rücktrittsklausel offenbar ohnehin nicht akzeptieren. Damit endete der Plan dort, wo in Leipzig viele große Pläne enden: bei einer Arbeitsgruppe, einer neuen Vorlage und der Erkenntnis, dass eine geeignete Fläche leider nicht einfach aus dem Stadtplan springt.

Nun richtet sich der Blick auf das benachbarte Capa-Wäldchen. Drei Hektar groß, günstig gelegen und für RB sportlich attraktiv.

Aus Sicht des Vereins ist das nachvollziehbar. Wer langfristig in Leipzig investieren will, braucht Planungssicherheit. Der Klub schafft Arbeitsplätze, zieht Besucher an, stärkt den Standort und trägt den Namen der Stadt durch Deutschland und Europa.

Das kann man mögen oder ablehnen. Wirtschaftlich wegdiskutieren lässt es sich nicht.

Der Wald ist leider tatsächlich ein Wald

Nun kommt der unangenehme Teil für alle, die das Grundstück bereits gedanklich mit vier Trainingsplätzen und einer schicken Zufahrt versehen haben: Bei dem Areal handelt es sich nicht um drei vergessene Sträucher hinter einem Parkplatz.

Die Fläche wurde ab 1998 aufgeforstet und dient als ökologischer Ausgleich für andere Bauprojekte. Dort hat sich ein geschlossener Eschen-Erlen-Mischbestand entwickelt. Das Gebiet speichert Wasser und Kohlendioxid, kühlt die Umgebung und bietet Tieren und Pflanzen Lebensraum.

Juristisch gilt es ebenfalls als Wald.

Das ist insofern lästig, als man bei politischen Debatten einen „grünen Flecken“ leichter wegmoderieren kann als einen gesetzlich geschützten Waldbestand mit Ausgleichsfunktion.

Sollte die Fläche gerodet werden, müssten nach den vorliegenden Angaben zwischen 4,5 und 7,5 Hektar neu aufgeforstet werden. Kommen geschützte Arten hinzu, wird die Sache noch komplizierter.

Man könnte sagen: Die Natur hat sich erdreistet, die vergangenen knapp 30 Jahre tatsächlich zu nutzen.

Proteste sind kein Betriebsunfall

Fast 13.000 Menschen haben Petitionen zum Erhalt des Wäldchens unterzeichnet. Mehr als 1.000 Menschen nahmen an einer Kundgebung teil. Umweltverbände verweisen auf Hitzeperioden, Klimaschutz und die Bedeutung innerstädtischer Grünflächen.

Das sollte man als RB-Fan nicht einfach mit einem Schulterzucken abtun.

Natürlich gibt es bei solchen Debatten gelegentlich den Reflex, jeden Ausbau des Vereins als Angriff auf Natur, Kultur und vermutlich auch das Abendland darzustellen. Umgekehrt machen es sich manche Fußballfreunde zu leicht, wenn sie jeden Baum zum ersetzbaren Hindernis erklären.

Beides hilft nicht weiter.

Die Einwände gegen eine Rodung sind sachlich begründet. Ein gewachsener Wald lässt sich nicht dadurch vollständig ersetzen, dass man anderswo junge Setzlinge in die Erde stellt und ein Schild mit der Aufschrift „Ausgleich erfolgt“ danebensteckt.

Ein dreißigjähriger Bestand und eine frisch bepflanzte Fläche sind ökologisch nicht dasselbe. Auch dann nicht, wenn die neue Fläche zweieinhalbmal so groß ist und bei der Eröffnung sehr schöne Pressefotos entstehen.

Leipzig braucht RB – und trotzdem Bäume

Genauso wenig überzeugend ist jedoch die Vorstellung, RB Leipzig müsse seine Entwicklung einfach einstellen, weil jede verfügbare Fläche irgendeine bestehende Funktion erfüllt.

Leipzig wächst. Die Flächenkonkurrenz wird härter. Wohnungen, Gewerbe, Sport, Kultur, Verkehr und Natur beanspruchen denselben begrenzten Raum.

RB ist dabei kein beliebiger Bittsteller. Der Verein ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und ein international sichtbares Aushängeschild der Stadt. Weitere Investitionen in Trainingsanlagen können Arbeitsplätze sichern, den Nachwuchsbereich stärken und zusätzliche wirtschaftliche Effekte auslösen.

Für Leipzig wäre es kurzsichtig, einem solchen Investor lediglich mitzuteilen: Schön, dass ihr bleiben und weiter investieren wollt, aber versucht es doch vielleicht in einem anderen Bundesland.

Eine Stadt kann nicht auf der einen Seite von wirtschaftlicher Entwicklung, Sportförderung und internationaler Ausstrahlung profitieren und auf der anderen Seite so tun, als ließen sich die dafür notwendigen Flächen grundsätzlich vermeiden.

Die Frage darf deshalb nicht lauten: Wald oder RB?

Sie muss lauten: Wie ermöglicht Leipzig das Investment von RB, ohne den Natur- und Klimaschutz wie einen lästigen Ersatzspieler zu behandeln?

Die Stadt muss endlich mehr liefern als neue Vorlagen

Oberbürgermeister Burkhard Jung will seine ursprünglichen Pläne überarbeiten. Eine Abstimmung könnte nun erst im Oktober stattfinden.

Das klingt zunächst vernünftig. Angesichts des bisherigen Verlaufs darf man allerdings hoffen, dass „überarbeiten“ diesmal mehr bedeutet als dieselbe Idee mit einem zusätzlichen Absatz zum Klimaschutz erneut vorzulegen.

Die Stadt braucht einen belastbaren Gesamtplan.

Dazu gehört eine ehrliche Prüfung, ob die Trainingsanlagen tatsächlich nur auf dem Capa-Areal verwirklicht werden können. Alternative Flächen dürfen nicht lediglich deshalb als ungeeignet gelten, weil ihre Erschließung schwieriger oder teurer wäre.

Zugleich muss klar benannt werden, welche wirtschaftlichen und sportlichen Folgen es hätte, wenn RB seine Pläne nicht umsetzen kann. Diese Interessen sind legitim und gehören transparent auf den Tisch.

Sollte das Capa-Wäldchen am Ende tatsächlich die einzige realistische Fläche sein, braucht es mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Mindestkompensation. Dann muss Leipzig ein überzeugendes ökologisches Gesamtpaket verlangen und gemeinsam mit RB finanzieren.

Mehr Wald, bessere Planung und echtes Geld

Eine tragfähige Lösung könnte darin bestehen, dass RB nicht nur Ersatzaufforstungen bezahlt, sondern ein deutlich größeres Umwelt- und Klimaprogramm für Leipzig unterstützt.

Denkbar wären neue, zusammenhängende Waldflächen, die langfristig gesichert werden, zusätzliche Baumpflanzungen in besonders hitzebelasteten Stadtteilen, die ökologische Aufwertung bestehender Grünzüge und eine möglichst naturverträgliche Gestaltung der Trainingsanlage.

Auch versiegelte Flächen, Dachbegrünung, Regenwasserspeicherung und klimaangepasste Bauweisen müssten Teil des Projekts sein.

Warum sollte ein moderner Trainingscampus nicht zeigen, dass Profisport und Klimaschutz zumindest besser miteinander verbunden werden können, als es bislang häufig geschieht?

RB verfügt über die finanziellen Möglichkeiten und das öffentliche Gewicht, ein solches Vorhaben sichtbar umzusetzen. Der Verein könnte beweisen, dass er nicht nur in Spieler, Gebäude und Rasenheizungen investiert, sondern auch in die Stadt, in der er wirtschaftlich erfolgreich ist.

Das wäre mehr wert als jede Hochglanzbroschüre über Nachhaltigkeit.

Kein Erfolg durch Stillstand

Aus Sicht eines RB-Fans wäre es falsch, das Ausbauvorhaben grundsätzlich zu blockieren.

Der Verein braucht eine Perspektive am Cottaweg. Leipzig sollte froh sein, wenn RB langfristig vor Ort investiert, Strukturen ausbaut und die sportliche Bedeutung der Stadt stärkt.

Aber genauso falsch wäre es, die ökologischen Einwände als sentimentalen Widerstand gegen den Fortschritt abzutun.

Wer eine gewachsene Ausgleichsfläche beseitigen will, trägt eine besondere Verantwortung. Diese Verantwortung darf nicht mit ein paar Setzlingen am Stadtrand und einer feierlichen Übergabe erledigt sein.

Die Lösung muss beiden Seiten etwas abverlangen: Die Umweltverbände sollten anerkennen, dass wirtschaftliche und sportliche Entwicklung Flächen braucht. RB und die Stadt müssen akzeptieren, dass Klimaschutz kein dekorativer Bonuspunkt ist, sondern Teil der Rechnung.

Leipzig braucht das Investment von RB.

Leipzig braucht aber auch Grünflächen, die im Hochsommer mehr leisten als ein Sonnenschirm vor dem Fanshop.

Der Stadtrat sollte deshalb weder reflexhaft roden noch reflexhaft blockieren. Er sollte endlich eine Lösung schaffen, bei der der Verein wachsen kann und der ökologische Verlust nicht nur auf dem Papier ausgeglichen wird.

Das wäre dann tatsächlich einmal Champions-League-Niveau.

Nicht nur im Stadion, sondern auch im Rathaus.

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