Borussia Mönchengladbach sucht mal wieder einen Trainer.
Man möchte fast sagen: Willkommen bei einem der zuverlässigsten Rituale des modernen Profifußballs. Wenn die Mannschaft nicht funktioniert, kann man schlecht 25 Spieler entlassen. Also geht der Mann an der Seitenlinie.
Diesmal hat es Eugen Polanski erwischt.
Drei Bundesligaspiele, drei Niederlagen, null Punkte und 3:12 Tore waren schließlich auch schwer schönzureden. Spätestens beim 0:5 in Freiburg sah Gladbach zeitweise weniger wie eine Bundesliga-Mannschaft und mehr wie eine Gruppe aus, die sich fünf Minuten vor Anpfiff auf dem Parkplatz kennengelernt hatte.
Ein Trainerwechsel war unter diesen Umständen kaum überraschend.
Nur sollte man sich am Niederrhein jetzt davor hüten, mit dem Austausch des Trainers gleichzeitig die gesamte Ursachenforschung für beendet zu erklären.
Denn die spannendere Frage lautet:
Was passiert, wenn auch der nächste Trainer mit dieser Mannschaft nicht funktioniert?
Der Neue wird zunächst für frischen Wind sorgen
Natürlich wird ein neuer Trainer zunächst etwas verändern.
Andere Ansprache, andere Trainingsformen, möglicherweise ein neues System. Spieler, die unter Polanski auf der Bank saßen, wittern plötzlich Morgenluft. Stammspieler merken wiederum, dass ihre Plätze nicht mehr selbstverständlich sind.
Das allein kann Energie freisetzen.
Und seien wir ehrlich: Nach diesem Saisonstart kann ein wenig frische Luft im Borussia-Park kaum schaden.
Als mögliche Kandidaten werden derzeit unter anderem Horst Steffen, Alexander Blessin und Christian Eichner gehandelt; auch der Name Ole Werner fiel in verschiedenen Berichten, wobei die Einschätzungen zu seiner Verfügbarkeit auseinandergehen. Interimsweise betreut Jan-Moritz Lichte die Mannschaft.
Interessant ist dabei auch die Rolle von Roland Virkus. Der frühere Sport-Geschäftsführer ist inzwischen wieder für Borussia tätig – ausgerechnet im Bereich Trainer-Scouting innerhalb der Direktion Scouting & Recruitment. Der Mann, der früher selbst Trainer verpflichtete und schließlich seinen Posten räumen musste, darf nun also dabei helfen, Trainer zu finden. Fußball kann gelegentlich einen Humor entwickeln, den sich kein Kabarettist ausdenken könnte.
Aber der Trainer bekommt keine neue Mannschaft
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Der neue Trainer darf zwar seine Ideen mitbringen.
Die Mannschaft bringt aber Rouven Schröder mit.
Nach der enttäuschenden vergangenen Saison hatte der Sportchef nämlich eine klare Entscheidung getroffen: Polanski durfte bleiben. Dafür wurde praktisch um ihn herum renoviert. Neue Co-Trainer kamen, Strukturen wurden verändert und der Kader kräftig umgebaut. Noch Ende Mai erklärte Schröder ausdrücklich, man werde mit Polanski weitermachen – allerdings ohne ein „Weiter so“.
Keine vier Monate später ist Polanski weg.
Das ist legitim. Im Fußball ändern Ergebnisse Überzeugungen bekanntlich ungefähr so schnell wie das Wetter am Niederrhein.
Aber damit steigt automatisch der Druck auf den Mann, der diesen Kurs festgelegt hat.
Rouven Schröder.
Zwölf Zugänge – und trotzdem fehlen Antworten
Gladbach hat im Sommer massiv umgebaut.
Unter anderem kamen David Herold, Yukhym Konoplia, Jan Leszczyński, Daiki Hashioka, Ko Itakura, Enzo Leopold, Zento Uno, Isac Lidberg und Nicolas Kühn. Gleichzeitig gingen gewichtige Spieler wie Rocco Reitz und Nico Elvedi. Die Sportschau führt für die Saison 2026/27 zwölf Zugänge und zahlreiche Abgänge auf.
Natürlich hatte Schröder auch Pech.
Enzo Leopold erlitt einen Kreuzbandriss, Konoplia fiel verletzt aus, Jens Castrop musste an der Schulter operiert werden und auch Nicolas Kühn erwischte es kurz nach seinem Debüt schwerer. Mehrere Verletzungen trafen ausgerechnet Spieler, die im neuen Kader wichtige Rollen übernehmen sollten.
Das muss man bei jeder Bewertung berücksichtigen.
Aber Verletzungspech beantwortet nicht alle Fragen.
Denn schon vor Polanskis Entlassung wurde öffentlich diskutiert, ob der neu zusammengestellte Kader wirklich ausgewogen genug ist. ZDF verwies beispielsweise auf die Probleme im defensiven Zentrum und stellte auch Schröders Entscheidung infrage, den erfahrenen Nico Elvedi ziehen zu lassen und Ko Itakura zurückzuholen, der nach seiner Zeit bei Ajax zunächst nicht in guter Form wirkte.
Auch die großen Veränderungen im Mittelfeld müssen sich erst noch bewähren. Mit Rocco Reitz verlor Borussia einen zentralen Spieler, der für mehr als 20 Millionen Euro nach Leipzig wechselte.
Das alles sind Entscheidungen des sportlichen Bereichs.
Und deshalb kann die einfache Gleichung nicht lauten:
Schlechte Ergebnisse = schlechter Trainer.
Jetzt beginnt Schröders persönliche Bewährungsprobe
Der neue Trainer bekommt nun eine große Chance.
Vielleicht erkennt er Rollen, die Polanski nicht erkannt hat. Vielleicht stabilisiert er die Defensive. Vielleicht bringt er wieder Selbstvertrauen in eine Mannschaft, die derzeit beim ersten Gegentor wirkt, als hätte jemand den Stecker gezogen.
Vielleicht stellt sich tatsächlich heraus, dass in diesem Kader erheblich mehr steckt, als Polanski zuletzt herausbekam.
Dann wäre Rouven Schröders Rechnung aufgegangen.
Aber genau deshalb beginnt jetzt auch sein persönlicher Test.
Denn Schröder hat Polanski zunächst das Vertrauen ausgesprochen.
Er hat dessen Trainerteam umgebaut.
Er hat den Kader erheblich verändert.
Und nun hat er den Trainer entlassen.
Viel mehr Stellschrauben bleiben irgendwann nicht mehr übrig.
Sollte der neue Coach die Borussia dauerhaft stabilisieren, kann Schröder zu Recht sagen: Wir haben beim Trainer korrigiert und damit das Problem gelöst.
Sollten dagegen nach dem üblichen kurzen Trainer-Effekt dieselben Schwächen wieder auftauchen, wird eine andere Frage immer lauter werden:
War Polanski wirklich das Hauptproblem – oder wurde der Kader falsch zusammengestellt?
Der Trainer kann schließlich keine Spieler bestellen
Trainer sind keine Zauberer.
Sie können taktische Abläufe verändern, Spieler besser machen, Selbstvertrauen schaffen und eine Mannschaft führen.
Aber sie können aus einem Rechtsverteidiger keinen Mittelstürmer machen und aus einem langsamen Innenverteidiger keinen Usain Bolt.
Und wenn im Kader auf entscheidenden Positionen Qualität, Balance oder Führung fehlen sollten, wird auch der beste Trainer irgendwann feststellen:
Man kann eine Mannschaft trainieren.
Man kann sie aber nicht jeden Samstag neu erfinden.
Genau deshalb sollte man dem kommenden Trainer zunächst Zeit geben.
Der frische Wind wird kommen. Vermutlich werden einige Spieler plötzlich zehn Prozent schneller laufen, Zweikämpfe führen, von denen sie drei Wochen vorher offenbar noch nichts wussten, und in Interviews erklären, wie „intensiv“ und „klar“ das Training jetzt sei.
Das gehört zum Trainerwechsel wie die Pressekonferenz und der Satz vom „Reset“.
Interessant wird es sechs Monate später.
Diesmal steht nicht nur der Trainer unter Beobachtung
Rouven Schröder muss jetzt nachweisen, dass seine Diagnose richtig war.
Er muss zeigen, dass er tatsächlich eine Mannschaft zusammengestellt hat, mit der Borussia Mönchengladbach dauerhaft besseren Fußball spielen kann.
Denn sollte auch der nächste Trainer irgendwann erklären müssen, warum diese Mannschaft nicht funktioniert, wird man am Borussia-Park nicht noch einmal ausschließlich auf die Trainerbank schauen können.
Dann führt der Blick zwangsläufig eine Etage höher.
Zum Sportvorstand.
Ein neuer Trainer kann vieles verändern.
Aber spätestens jetzt muss Rouven Schröder beweisen, dass Borussia tatsächlich den falschen Trainer hatte – und nicht der Trainer die falsch zusammengestellte Mannschaft.
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