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Borussia Mönchengladbach:Neue Besen kehren gut? Als Gladbach-Fan will ich Blessin jetzt einfach glauben

jorono (CC0), Pixabay
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Vier Spiele, null Punkte, 16 Gegentore und Tabellenplatz 18. Viel tiefer hätte Borussia Mönchengladbach kaum in die neue Saison stolpern können. Jetzt ist Alexander Blessin da – und kaum hat der neue Trainer seinen Trainingsanzug angezogen, verändert sich einiges. Frühere Trainingszeiten, harte Einheiten, klare Hierarchien und eine neue Chance für aussortiert geglaubte Spieler: Als Gladbach-Fan frage ich mich nach all den enttäuschten Hoffnungen der vergangenen Jahre nur noch eines: Kehren neue Besen diesmal wirklich besser?

Ich gebe es zu: Irgendwie gefällt mir dieser Alexander Blessin.

Nicht, weil ich nach einer Pressekonferenz plötzlich glaube, dass wir jetzt den Rest der Saison ungeschlagen bleiben. Dafür bin ich viel zu lange Gladbach-Fan.

Aber weil da endlich wieder einer sitzt, der offenbar verstanden hat, wo wir stehen.

Nicht im Kampf um Europa.

Nicht im berühmten „Übergangsjahr“.

Nicht drei Punkte hinter irgendeinem selbst definierten Saisonziel.

Wir stehen ganz unten.

Null Punkte. 16 Gegentore nach vier Spielen. Schlechtester Bundesliga-Saisonstart der Vereinsgeschichte.

Blessin übernimmt also keinen schlafenden Riesen. Im Moment übernimmt er einen Riesen, der beim Aufstehen regelmäßig über seine eigenen Füße stolpert.

Und vielleicht ist genau deshalb das Wichtigste an seinem Amtsantritt, dass er die Situation nicht schönredet.

Schluss mit Wohlfühl-Borussia?

Eine der interessantesten Meldungen rund um Blessins Amtsantritt betrifft etwas scheinbar Banales: die Uhrzeit.

Nach BILD-Informationen sollen die Profis künftig bereits um 9 Uhr auf dem Trainingsplatz stehen statt wie zuvor um 10.30 Uhr.

Revolutionär ist das natürlich nicht.

Millionenschwere Fußballprofis werden nicht automatisch besser, weil der Wecker anderthalb Stunden früher klingelt.

Aber die Botschaft gefällt mir.

Wer vier Spiele verliert und 16 Gegentore kassiert, muss vielleicht tatsächlich ein bisschen früher anfangen zu arbeiten.

Blessin selbst hat bereits angekündigt, was die Mannschaft nach einigen freien Tagen erwartet: Es soll „schweißtreibend und hart“ werden.

Als Fan sage ich:

Bitte sehr.

Nicht als Strafe.

Sondern weil diese Mannschaft dringend wieder Automatismen, Fitness, Zweikampfhärte und vor allem Vertrauen braucht.

Entscheidung Nummer zwei: Er schmeißt nicht alles um

Das finde ich fast noch interessanter.

Neue Trainer kommen gerne mit einem halben Hofstaat.

Co-Trainer Nummer eins, Co-Trainer Nummer zwei, Videoanalyst, Standardspezialist und womöglich noch jemand, der die Leibchen besonders effizient aufstellt.

Blessin macht das offenbar nicht.

Jan-Moritz Lichte bleibt im Trainerstab. Auch Markus Gellhaus soll weiterarbeiten. Bereits vor Blessins Verpflichtung wurde berichtet, dass der neue Cheftrainer höchstens einen eigenen Assistenten mitbringen werde.

Das kann funktionieren.

Denn vielleicht braucht Borussia tatsächlich nicht schon wieder eine komplette Revolution.

Wir haben in den vergangenen Jahren genug Revolutionen erlebt.

Seit Marco Roses Abschied waren Adi Hütter, Daniel Farke, Gerardo Seoane und Eugen Polanski verantwortlich. Jetzt kommt Blessin.

Irgendwann muss man sich die unangenehme Frage stellen:

Kann es wirklich immer nur am Trainer liegen?

Natürlich nicht.

Und deshalb gefällt mir, dass Blessin offenbar nicht so tut, als müsse im Borussia-Park zunächst jeder Stein umgedreht werden.

Entscheidung Nummer drei: Kleindienst und Diks bleiben die Chefs

Auch bei der Hierarchie soll es zunächst keinen Aktionismus geben.

Nach aktuellen Berichten bleibt das Kapitänsduo Tim Kleindienst und Kevin Diks bestehen.

Darüber kann man diskutieren.

Gerade nach den vergangenen Wochen.

Aber auch hier finde ich Blessins Ansatz zunächst vernünftig: Ein neuer Trainer muss nicht demonstrativ alles zerstören, was sein Vorgänger aufgebaut hat, nur damit jeder erkennt, dass jetzt ein Neuer da ist.

Viel wichtiger wird sein, was Blessin von seinen Führungsspielern verlangt.

Denn Führung bedeutet in dieser Situation nicht, nach einer Niederlage das richtige Interview zu geben.

Führung bedeutet, auf dem Platz dafür zu sorgen, dass eine Mannschaft nach einem Gegentor nicht auseinanderfällt.

Und davon haben wir zuletzt eindeutig zu wenig gesehen.

Entscheidung Nummer vier: Jeder bekommt eine neue Chance

Das dürfte im Kader besonders aufmerksam registriert worden sein.

Unter Blessin sollen zunächst alle Spieler die Möglichkeit bekommen, sich neu zu zeigen. Das gilt nach übereinstimmenden Berichten ausdrücklich auch für Florian Neuhaus.

Und warum eigentlich nicht?

Neuhaus stand gegen Mainz sogar in der Startelf und erzielte das 1:0.

Wir Gladbach-Fans diskutieren seit Jahren darüber, welcher Spieler angeblich nicht mehr passt, wer verkauft werden müsste und wer seine Chance endgültig verspielt habe.

Vielleicht sollte Blessin tatsächlich zunächst auf die Reset-Taste drücken.

Nicht auf die Löschen-Taste.

Wer trainiert, kämpft und seine Leistung bringt, spielt.

Wer das nicht tut, sitzt draußen.

Eigentlich erschreckend simpel.

Entscheidung Nummer fünf: Erst Stabilität, dann Schönheit

Was mir an Blessins ersten Aussagen am besten gefällt, ist die Reihenfolge.

Er verspricht uns keinen Zauberfußball.

Er spricht zunächst über kurzfristigen Erfolg und darüber, die aktuelle Situation zu korrigieren. Gleichzeitig sieht er nach eigener Aussage genügend Potenzial in dieser Mannschaft, um mehr herauszuholen.

Genau darum geht es.

16 Gegentore in vier Spielen.

Vier pro Partie.

Da brauche ich im Moment keine Debatte darüber, ob Borussia künftig 3-4-2-1, 4-2-3-1 oder das gute alte 4-4-2 spielt.

Ich möchte zunächst erleben, dass bei einem gegnerischen Eckball nicht mein Puls auf 180 steigt.

Dass nach einem Ballverlust jemand absichert.

Dass ein Außenverteidiger weiß, wo sein Innenverteidiger steht.

Und dass nach einem Gegentor nicht sofort das Gefühl entsteht: Jetzt bekommen wir noch drei.

Blessin hat bei St. Pauli bereits gezeigt, dass er Mannschaften defensiv organisieren kann. In seiner ersten Saison dort gelang dem Aufsteiger unter ihm der Bundesliga-Klassenerhalt. In der folgenden Spielzeit konnte allerdings auch Blessin den Abstieg nicht verhindern.

Auch das gehört zur Wahrheit.

Wir haben keinen Guardiola verpflichtet.

Wir haben einen Trainer verpflichtet, der Erfolge und Rückschläge erlebt hat.

Vielleicht ist genau das in unserer Situation gar nicht schlecht.

Entscheidung Nummer sechs: Keine Ausreden – aber auch keine Wunder

Besonders vernünftig finde ich Blessins Bild von der Entwicklung.

Sinngemäß erwartet er keinen Fahrstuhl nach oben, sondern eine Treppe.

Genau so sollten auch wir Fans die nächsten Wochen betrachten.

Das Problem dieser Mannschaft verschwindet nicht nach drei Trainingseinheiten.

Die Defensive ist eine Großbaustelle. Ausgerechnet während der Länderspielpause fehlen Blessin zudem mehrere Nationalspieler; ein Großteil davon kommt aus dem Defensivbereich.

Verletzte Spieler kommen hinzu.

Enzo Leopold fällt mit Kreuzbandriss aus, Jens Castrop befindet sich nach seiner Schulteroperation in der Reha, Nicolas Kühn fehlte zuletzt mit einem Muskelbündelriss. Yukhym Konoplia befindet sich immerhin auf dem Weg zurück.

Blessin bekommt also keineswegs sofort seinen kompletten Kader auf den Trainingsplatz.

Deshalb wird es Rückschläge geben.

Entscheidend ist, ob endlich eine Entwicklung erkennbar wird.

Und dann wartet ausgerechnet Köln

Fußball hat manchmal einen merkwürdigen Sinn für Dramaturgie.

Blessins erstes Bundesligaspiel als Gladbach-Trainer findet am 11. Oktober beim 1. FC Köln statt.

Natürlich.

Wo sonst?

Null Punkte, Tabellenletzter, neuer Trainer – und dann direkt das Derby.

Blessin weiß, was dieses Spiel bedeutet. Er hat bei seiner Vorstellung deutlich gemacht, dass ihm die Bedeutung des Derbys bewusst ist und er sich darauf freut.

Ich wünsche ihm, dass er nach diesen Worten auch weiß, worauf er sich eingelassen hat.

Denn ein Sieg in Köln könnte tatsächlich etwas auslösen.

Nicht, weil danach plötzlich sämtliche Probleme verschwunden wären.

Aber weil diese Mannschaft endlich wieder ein Erlebnis braucht, bei dem sie merkt:

Wir können noch gewinnen.

Ich will endlich wieder eine Borussia erkennen

Das ist vielleicht mein größter Wunsch.

Mir ist inzwischen beinahe egal, ob wir Dreier- oder Viererkette spielen.

Ich will Spieler sehen, die füreinander laufen.

Ich möchte nach einem verlorenen Ball fünf Gladbacher sehen, die versuchen, ihn zurückzugewinnen.

Ich möchte nach einem Gegentor keine elf Männer sehen, die sich gegenseitig anschauen und offenbar darauf warten, dass irgendjemand anderes das Problem löst.

Und ich möchte wieder das Gefühl haben, dass Borussia Mönchengladbach unangenehm zu bespielen ist.

Blessin hat gesagt, er wolle aus dieser beschissenen Zeit wieder eine gute machen.

Als Gladbach-Fan kann ich ihm darauf eigentlich nur antworten:

Alexander, nur zu.

Die ersten Entscheidungen gefallen mir.

Früher trainieren. Härter arbeiten. Nicht alles blind umwerfen. Führungsspieler in die Verantwortung nehmen. Aussortierten Spielern eine neue Chance geben. Erst stabilisieren und dann über den schönen Fußball nachdenken.

Das klingt alles erstaunlich normal.

Vielleicht ist genau das die größte Hoffnung.

Denn bei Borussia wurde in den vergangenen Jahren so viel über Konzepte, Entwicklungen, Umbrüche und Neuanfänge gesprochen, dass man irgendwann vergessen konnte, worum es samstagnachmittags eigentlich geht.

Um Fußballspiele.

Und darum, sie gelegentlich auch zu gewinnen.

Ob neue Besen tatsächlich besser kehren?

Keine Ahnung. Wir Gladbach-Fans haben schon einige neue Besen kommen und ziemlich schnell wieder verschwinden sehen.

Aber ich bin gespannt auf Blessin.

Und ich ertappe mich dabei, nach vier Niederlagen und 16 Gegentoren tatsächlich schon wieder ein kleines bisschen Hoffnung zu haben.

Verdammt.

Genau das ist wahrscheinlich das Schicksal eines Gladbach-Fans.

5 Kommentare

  • Wenn Blessin es schafft, dass die Spieler nicht nach 70 Minuten mit Muskelkrämpfen auf dem Rasen liegen und er jedem Spieler klar macht, dass das Spiel erst mit dem Schlusspfiff endet und nicht früher, hat er schon viel bewegt. Und dann habe ich noch meine Schuhe vor die Tür gestellt, damit der Weihnachtsmann dort in einer vorgezogenen Bescherung die alte Klubführung ablegen kann.

  • Als Hamburger Gladbach-Fan verfolge ich Blessin schon länger. Nachdem er freigestellt wurde, hatte ich gehofft, dass er die Borussia sofort übernimmt. Anders als St. Pauli in der 2. Saison verfügt Gladbach über eine gute Offensive. Deshalb braucht man insoweit keine Sorgen zu haben. Mir ist tatsächlich schleierhaft, weshalb Schröder Blessin nicht schon viel früher geholt hat. Es lag doch nicht in erster Linie an den Co-Trainern. Ich würde mir in diesem Punkt eigentlich eine ehrliche Debatte wünschen, auch wenn ich hoffe, dass unter dem neuen Trainer der Fokus auf die Gegenwart gerichtet werden kann. Aber zu sagen: ein Weiter-so darf es nicht geben (richtig) und zu glauben, mit dem Austausch eines Teils der Assistenten wären die Probleme gelöst (falsch) ist deutlich zu kurz gesprungen. Denn selbst wenn Blessin hoffentlich alles richtig macht, wäre seine Inthronisierung dann letztlich Glück gewesen. Darauf kann man aber nicht langfristig bauen.

  • Ein völlig unbekannter Andre Schubert hat aus lahmenden Favregäulen, die bis Spieltag 6 keinen einzigen Punkt geholt hatten, dafür aber – 9 Tore, Rennpferde gemacht, die den Aufzug benutzt haben. Ohne Sprücheklopfen. Ohne 7:30 Trainingsbeginn. Ohne Jammern. Ohne Lobhudeleien über Fans und Stadion und Vereinsromantik. Geht doch. Nicht mehr erwarte ich von Blessin. Sonst hätte Polanski auch weiterhudeln dürfen.

    • Schubert hat damals das Fundament von Favre übernommen. Darauf beruhte sein Erfolg. Der Mannschaft mussten nur ein klein wenig die Fesseln abgenommen werden. Aber er versuchte eigene Dinge einzubringen hat es nicht mehr funktioniert. Blessin übernimmt kein Fundament von Favre (von diesem haben auch nach Schubert noch ein paar Trainer profitiert) – sondern einen Trümmerhaufen. Die Aufgabe ist nicht zu vergleichen.

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