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Blessins eisernes Gesetz: Endlich wieder laufen, Jungs!

jorono (CC0), Pixabay
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Man kann über Alexander Blessin denken, was man will. Aber eines hat der Mann nach wenigen Tagen in Gladbach schon geschafft:

Er hat eine Regel erfunden, die jeder Fan versteht.

Wenn wir den Ball nicht haben, wird gelaufen. Von allen.

Revolutionär, oder?

Nach vier Spielen, null Punkten und 16 Gegentoren klingt das am Niederrhein allerdings fast schon wie avantgardistische Fußballwissenschaft.

Bislang hatte man beim Zuschauen gelegentlich den Eindruck, das Verteidigen sei bei Borussia so etwas wie der Abwasch in einer WG:

Alle wissen, dass es gemacht werden müsste.

Aber irgendwie wartet jeder darauf, dass ein anderer anfängt.

Damit soll jetzt Schluss sein.

Alexander Blessin nennt es sein „eisernes Gesetz“: Gegen den Ball muss jeder mitarbeiten. Kein Star-Bonus. Kein „Ich bin für die schönen Dinge zuständig“. Kein Stehenbleiben nach Ballverlust und interessiertes Beobachten, wie die Kollegen fünfzig Meter zurücksprinten.

Aus Fansicht möchte man sagen:

Danke. Wo muss ich unterschreiben?

Endlich kein Fußball mehr mit eingebautem Zuschauerplatz

Blessins Idee klingt zunächst banal.

Aber genau die banalen Dinge waren zuletzt Borussias größtes Problem.

Vier Bundesligaspiele.

16 Gegentore.

Das sind im Schnitt vier pro Partie.

Vier!

Wenn man vier Stück pro Spiel kassiert, muss der Trainer nicht als Erstes erklären, wie man zwischen gegnerischem Achter und invers einrückendem Außenverteidiger Überzahlsituationen erzeugt.

Dann lautet die taktische Innovation:

Leute, geht doch bitte mal mit zurück.

Blessin spricht von Zweikämpfen und Basics. Und das ist wahrscheinlich genau das, was diese Mannschaft momentan braucht.

Nicht den 97. Magneten auf der Taktiktafel.

Sondern jemanden, der fragt:

„Wer übernimmt den Mann da?“

Und anschließend nicht akzeptiert, dass sechs Spieler gleichzeitig auf ihre Schuhe schauen.

Für die Offensiven wird es plötzlich ungemütlich

Genau hier wird das Blessin-Gesetz interessant.

Denn vorne hat Gladbach durchaus Spieler, denen man Tore, Dribblings und geniale Momente zutraut.

Nur verlangt der neue Trainer offenbar noch diese etwas lästige Zusatzqualifikation:

Arbeiten.

Robin Hack beispielsweise kann Spiele mit einem Schuss entscheiden. Im Test gegen Siegen traf er sehenswert. Aber gleichzeitig ist die Konkurrenz auf seiner linken Offensivseite groß. Hugo Bolin war beim schwachen Saisonstart einer der wenigen Lichtblicke, und Supertalent Wael Mohya drängt ebenfalls auf Minuten.

Das bedeutet:

Ein schönes Tor am Samstag ist wunderbar.

Wenn du am Sonntag aber beim Gegenpressing nur aus sicherer Entfernung zuschaust, könnte Blessin dir montags trotzdem erklären, dass die Bank ausgesprochen bequeme Sitze besitzt.

Honorat: Flanken allein reichen jetzt vielleicht nicht mehr

Auch Franck Honorat könnte die neue Zeitrechnung zu spüren bekommen.

Seine Qualitäten nach vorne kennt jeder Gladbach-Fan. Tempo, Flanken, Vorlagen – wenn Honorat ins Rollen kommt, kann er einer Mannschaft richtig wehtun.

Aber Blessins Fußball lebt davon, dass die Außenbahnspieler nach Ballverlust sofort mitarbeiten.

In einem möglichen 3-4-3 reicht es eben nicht, 30 Meter vor dem gegnerischen Tor auf den nächsten Pass zu warten.

Der Weg geht auch in die andere Richtung.

Leider bergauf.

Barfuß.

Im Regen.

Zumindest dürfte es sich für manche Offensivspieler so anfühlen.

Auf rechts hat Honorat zudem Konkurrenz durch Hugo Bolin. Blessin wird also nicht nur danach schauen, wer die schönere Flanke schlägt, sondern wer seine Seite dicht hält.

Und dann ist da noch Wael Mohya

Besonders spannend wird es bei Wael Mohya.

17 Jahre alt.

Hochbegabt.

Einer dieser Spieler, bei denen Fans schon nach drei Ballkontakten überlegen, wann Real Madrid wohl anruft.

Mohya gilt längst als eines der großen Talente des Vereins und wurde inzwischen sogar für Deutschlands U21 nominiert.

Aber unter Blessin gibt es offenbar keinen Welpenschutz.

Talent ist wunderbar.

Dribbeln ist wunderbar.

Technik ist wunderbar.

Aber wenn der gegnerische Rechtsverteidiger nach Ballverlust ungestört Richtung Borussia-Strafraum marschiert, wird Blessin vermutlich nicht sagen:

„Ach, der Wael ist erst 17.“

Sondern eher:

„Wael, hinterher!“

Und ehrlich gesagt:

Genau so muss es sein.

Wenn Mohya diese defensive Disziplin lernt, kann er unter Blessin sogar enorm profitieren. Denn ein Trainer, der klare Aufgaben verteilt, kann für junge Spieler Gold wert sein.

Kleindienst gegen Lidberg: Selbst der Kapitän ist nicht völlig sicher

Auch im Sturm dürfte es interessant werden.

Tim Kleindienst ist Kapitän.

Normalerweise bedeutet das ungefähr:

Aufstellen, wenn beide Beine vorhanden sind.

Doch Isac Lidberg hat bereits gezeigt, dass er Tore machen kann und Blessin im Test gegen Siegen sofort mit taktischen Anweisungen zu ihm an die Seitenlinie holte.

Die öffentlich zugängliche taktische Analyse sieht deshalb tatsächlich einen offenen Konkurrenzkampf zwischen Kleindienst und Lidberg.

Und unter Blessin dürfte für beide gelten:

Der Mittelstürmer ist der erste Verteidiger.

Das klingt romantisch ungefähr so wie:

„Der Hausmeister ist der erste Architekt.“

Ist taktisch aber vollkommen logisch.

Wenn der Stürmer gemütlich stehen bleibt, kann der Gegner hinten in aller Ruhe aufbauen.

Wenn er dagegen anläuft, zwingt er ihn zu Fehlern.

Man muss also nicht jeden Zweikampf gewinnen.

Aber vielleicht sollte der Gegner zumindest merken, dass man mitspielt.

Das eigentlich Erfreuliche: Es gibt wieder Leistungsdruck

Als Fan finde ich genau das erfrischend.

Niemand bekommt seinen Platz, weil er letztes Jahr gut war.

Niemand spielt automatisch, weil er Kapitän ist.

Niemand bekommt 90 Minuten, weil sein Marktwert hübsch aussieht.

Blessin hat erklärt, dass jeder seine Chance bekommen soll. Gleichzeitig gelten seine Regeln für alle.

Und plötzlich entstehen echte Duelle:

Hack gegen Bolin.

Mohya gegen Hack.

Honorat gegen Bolin.

Kleindienst gegen Lidberg.

Stöger gegen Neuhaus, Nguefack oder vielleicht sogar Zento Uno im Zentrum.

Genau das sollte Profifußball eigentlich sein.

Wer besser trainiert, spielt.

Wer mehr läuft, spielt.

Wer das System versteht, spielt.

Und wer glaubt, der Trainer werde schon nicht merken, dass er beim Gegenpressing gerade seine Stutzen sortiert, lernt Alexander Blessin vermutlich ziemlich schnell kennen.

Natürlich gibt es einen kleinen Haken

Blessins Ansatz hat allerdings eine Vorgeschichte.

Bei St. Pauli funktionierte seine defensive Organisation zunächst hervorragend. In der Saison 2024/25 kassierten nur die Bayern weniger Gegentore als St. Pauli.

Das Problem:

Vorne war St. Pauli extrem harmlos.

Und irgendwann hilft die schönste Defensive nichts mehr, wenn man selbst ungefähr so häufig trifft wie der Mannschaftsbus.

Genau deshalb darf Gladbach nicht plötzlich zu einer Mannschaft werden, die perfekt verteidigt und anschließend 0:0 gegen alles spielt, was einen Puls besitzt.

Wir sind schließlich Borussia Mönchengladbach.

Ein bisschen Wahnsinn gehört zum Vereinswappen.

Nur vielleicht nicht mehr vier Gegentore pro Spiel.

Das Derby wird sofort zum Führerscheintest

Blessins erstes Pflichtspiel könnte dramatischer kaum sein.

Am 11. Oktober geht es nach Köln.

Natürlich.

Wo sonst?

Der neue Trainer könnte ja entspannt gegen einen mittelmäßigen Gegner anfangen.

Nein.

Direkt Derby.

Wenn Borussia dort kompakt steht, gemeinsam arbeitet und plötzlich jeder Spieler nach Ballverlust lossprintet, könnte Blessins „eisernes Gesetz“ sehr schnell Kultstatus bekommen.

Wenn nicht, werden wir Fans ungefähr in der 17. Minute wieder anfangen zu rechnen:

„Also wenn Köln jetzt noch drei schießt, sind wir weiterhin bei vier Gegentoren im Schnitt.“

Darauf können wir gern verzichten.

Aus Fansicht: Genau dieses Gesetz haben wir gebraucht

Ganz gleich, welche drei Spieler am Ende tatsächlich am meisten unter Blessins Vorgaben leiden:

Die Botschaft stimmt.

Nach diesen ersten Wochen braucht Borussia keinen Trainer, der seinen Spielern erzählt, wie großartig sie eigentlich sind.

Sie braucht einen Trainer, der sagt:

Laufen. Zweikämpfe. Helfen. Gemeinsam verteidigen.

Das klingt nicht besonders sexy.

Aber nach 16 Gegentoren klingt es für Gladbach-Fans momentan ungefähr wie Champions-League-Musik.

Und sollte Blessin es tatsächlich schaffen, aus dieser Mannschaft wieder eine Einheit zu machen, darf er von mir aus noch weitere Gesetze erlassen.

Gesetz Nummer zwei vielleicht:

Ecken bitte nicht direkt zum Gegner.

Gesetz Nummer drei:

Nach eigener Führung nicht sofort panisch werden.

Und Gesetz Nummer vier:

Im Derby gewinnen.

Über Nummer vier müssen wir dann wirklich nicht diskutieren.

Die genauen drei Namen aus dem BILDplus-Teil konnte ich trotz Recherche nicht unabhängig verifizieren, weil sie im frei zugänglichen Text nicht genannt werden. Sicher belegt sind aber Blessins „eisernes Gesetz“ und die aktuellen Konkurrenzsituationen im Angriff.

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