John Ternus übernimmt im September einen der prestigeträchtigsten – und zugleich undankbarsten – Jobs der Wirtschaftswelt. Als künftiger CEO von Apple tritt er nicht nur die Nachfolge von Tim Cook an, sondern steht auch im langen Schatten von Steve Jobs. Die Erwartungen sind entsprechend überhöht: Ternus soll Visionär und Verwalter zugleich sein.
Die unmögliche Doppelrolle
Die Anforderungen an den neuen Apple-Chef wirken wie ein Wunschzettel ohne Realitätscheck. Investoren hoffen auf die kreative Radikalität der Jobs-Ära – also auf Produkte, die ganze Märkte neu definieren. Gleichzeitig soll Ternus die operative Perfektion liefern, für die Cook stand: globale Lieferketten, stabile Margen, politisches Fingerspitzengefühl.
Kurz gesagt: Er soll zwei völlig unterschiedliche Führungsstile in einer Person vereinen – und dabei noch seine eigene Handschrift entwickeln.
Ein Konzern im Spannungsfeld
Die Aufgabe ist nicht kleiner geworden. Apple ist heute ein Konzern mit rund 4 Billionen Dollar Börsenwert und mehr als 160.000 Beschäftigten. Der iPhone-Erfolg trägt weiterhin den Großteil des Geschäfts – doch genau darin liegt das Problem. Die Innovationssprünge der Vergangenheit lassen sich nicht beliebig wiederholen.
Neue Produktkategorien? Bisher Fehlanzeige. Die Vision Pro gilt vielen nicht als der erhoffte nächste große Wurf. Gleichzeitig drängt mit künstlicher Intelligenz ein Technologiethema nach vorn, bei dem Apple bislang eher zögerlich agiert.
Die Hoffnung auf den Techniker
Mit Ternus setzt Apple bewusst auf einen Hardware-Experten. Einer seiner größten Erfolge war der Wechsel der Mac-Rechner auf eigene Chips – ein komplexer Umbau, der intern als strategischer Meilenstein gilt. Genau diese Fähigkeit könnte nun entscheidend werden, wenn es darum geht, Apples Geräte stärker mit KI zu verzahnen.
Statt selbst in den kostspieligen Wettlauf um große KI-Modelle einzusteigen, könnte Apple versuchen, seine Stärke auszuspielen: Geräte, die als Plattform für Anwendungen dienen.
Das Erbe wiegt schwer
Der Vergleich mit seinen Vorgängern ist dabei unausweichlich. Steve Jobs steht für den Mythos des kreativen Genies, Tim Cook für wirtschaftliche Disziplin und Wachstum. Unter Cook vervierfachte sich der Gewinn, Apple wurde zum wertvollsten Unternehmen der Welt.
Ternus hingegen startet ohne Vorschusslorbeeren. Er ist kein charismatischer Visionär, aber auch kein reiner Zahlenmanager. Genau darin liegt Chance und Risiko zugleich.
Fazit
Apple steht an einem Wendepunkt. Der neue CEO muss beweisen, dass das Unternehmen mehr kann als die erfolgreiche Weiterentwicklung bestehender Produkte. Ob John Ternus dieser Spagat gelingt, ist offen. Sicher ist nur: Die Erwartungen sind so hoch, dass selbst ein sehr guter CEO daran scheitern kann.
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