Die Gewerkschaftsbewegung in den USA erlebt einen neuen entscheidenden Moment: Mehr als 4.000 Amazon-Beschäftigte im Logistikzentrum in Garner, North Carolina, stimmen über eine mögliche gewerkschaftliche Vertretung ab. Das Ergebnis könnte weitreichende Folgen für den Online-Riesen haben, der seit Jahren für seine gewerkschaftsfeindliche Haltung bekannt ist.
Ein schwieriges Umfeld für Gewerkschaften
North Carolina zählt zu den Bundesstaaten mit der geringsten gewerkschaftlichen Organisierung in den USA. Lediglich 2,4 % der Arbeitnehmer sind dort Mitglied einer Gewerkschaft – weniger als ein Viertel des nationalen Durchschnitts. Gleichzeitig gehört Amazon zu den härtesten Gegnern gewerkschaftlicher Organisation, was die Abstimmung in Garner besonders brisant macht.
Trotz dieser Herausforderungen zeigen sich die Initiatoren der Gewerkschaft Carolina Amazonians United for Solidarity and Empowerment (CAUSE) optimistisch. „Amazon investiert enorme Summen, um uns zu stoppen“, erklärte Italo Medelius-Marsano, einer der führenden Organisatoren der Kampagne. „Doch genau das zeigt, dass sie uns fürchten und wissen, dass wir kurz vor einem großen Erfolg stehen.“
Amazon hält an gewerkschaftsfreier Strategie fest
Amazon hat sich bisher konsequent gegen Gewerkschaften gewehrt. Das Unternehmen argumentiert, dass es seinen Beschäftigten bereits überdurchschnittliche Arbeitsbedingungen bietet.
Unternehmenssprecherin Eileen Hards betonte, dass die Mitarbeiter in Garner bereits gute Arbeitsbedingungen, Wettbewerbsgehälter und erstklassige Sozialleistungen hätten. Der Einstiegslohn liege bei 18,50 USD pro Stunde und könne auf bis zu 23,80 USD steigen. Die Gewerkschaft fordert dagegen einen Mindestlohn von 30 USD pro Stunde.
„20 Dollar pro Stunde sind in der Region Raleigh nicht zum Leben ausreichend“, entgegnete Medelius-Marsano. „Angesichts der enormen Gewinne von Amazon ist unsere Forderung mehr als gerechtfertigt.“
Langfristiger Kampf um Anerkennung
Sollte die Gewerkschaft die Abstimmung gewinnen, wäre das erst der zweite erfolgreiche Versuch, eine Gewerkschaft bei Amazon zu etablieren. 2022 stimmten Beschäftigte eines Logistikzentrums auf Staten Island, New York, für eine gewerkschaftliche Vertretung – doch das Unternehmen weigerte sich bis heute, mit der Gewerkschaft zu verhandeln und focht das Ergebnis vor Gericht an.
Ähnliche Abstimmungen in Alabama, einem zweiten Standort auf Staten Island und in Albany, New York, scheiterten an der starken Opposition des Unternehmens. Ryan Brown, ein entlassener Amazon-Mitarbeiter und Gewerkschaftsorganisator, sieht dennoch gute Chancen für Garner.
„Amazon versucht uns als externe Kräfte darzustellen, aber wir sind Arbeiter aus dem Süden, wir verstehen die Kultur hier und wissen, dass wir für unsere Rechte kämpfen müssen.“
Amazon bestreitet Browns Darstellung und verweist darauf, dass seine Entlassung auf „wiederholte und dokumentierte Fehlverhalten“ zurückzuführen sei.
Steigender Druck auf Amazon
Amazon steht inzwischen nicht nur in Garner unter Druck. Arbeiter bei Whole Foods, das ebenfalls zu Amazon gehört, haben sich kürzlich erstmals für eine Gewerkschaft entschieden. Außerdem streikten Teamsters-Fahrer vor Weihnachten gegen ihre Arbeitsbedingungen.
Die US-Arbeitsrechtsbehörde (NLRB) hat in der Vergangenheit mehrere Verfahren gegen Amazon wegen unfairer Arbeitspraktiken eröffnet. Kürzlich entschied eine Arbeitsrichterin, dass eine Wahlwiederholung in Alabama notwendig sei, nachdem Verstöße festgestellt wurden. Doch eine Entscheidung der NLRB-Vollversammlung ist derzeit nicht möglich, da Donald Trump nach seiner Amtseinführung ein Mitglied des Gremiums entlassen hat – ein bislang beispielloser Vorgang.
Fazit: Ein harter Kampf mit ungewissem Ausgang
Selbst wenn CAUSE die Abstimmung gewinnt, bleibt die nächste Herausforderung die Aushandlung eines Tarifvertrags mit Amazon – ein Prozess, der Jahre dauern kann. Die Gewerkschaftsführer sind sich dessen bewusst, bleiben aber entschlossen:
„Die Bürgerrechtsbewegung dauerte Jahrzehnte – aber am Ende gab es Gerechtigkeit.“, sagt Brown. „Wir werden diesen Kampf nicht aufgeben.“
Für Amazon könnte der Abstimmungserfolg in Garner ein wichtiger Wendepunkt sein – entweder als weiterer Beleg für seine gewerkschaftsfeindliche Strategie oder als erster Schritt hin zu stärkeren Arbeitnehmerrechten innerhalb des Unternehmens.
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